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Die Frau in Gold: Was durch uns sichtbar wird

von Aug. 29, 2026Impulsgeschichten

Goldschmiede sagen, Silber absorbiere, während Gold reflektiere. Silber gilt als das elegante Metall der Unsichtbarkeit. Es drängt sich nicht auf, lässt Raum und kann gerade darin etwas Beruhigendes entfalten. Gold dagegen ist ein Glanzlicht. Es zieht den Blick an. Als Schmuck kann es geradezu für die innere Erlaubnis stehen, sichtbar zu sein, sich zu zeigen und Raum einzunehmen.

Diese Bedeutung ist älter als jede moderne Schmuckästhetik. Seit Jahrtausenden verweist Gold auf etwas, das über das Alltägliche hinausgeht: auf Macht, Unvergänglichkeit, Heiligkeit und die Gegenwart des Göttlichen. In ikonographischen Goldgrundbildern etwa löst sich der dargestellte Mensch aus der gewöhnlichen Welt. Der goldene Hintergrund zeigt keinen realen Raum mehr, sondern verweist auf eine andere Wirklichkeit.

Georg Baselitzs letztes Werk

Auf diese Tradition greift auch die letzte Werkgruppe von Georg Baselitz (1938-2026) zurück. Baselitz, als Hans-Georg Kern im sächsischen Deutschbaselitz geboren, gehört zu den international erfolgreichsten Künstlern seiner Generation. Eine seiner besonderen Fähigkeiten bestand darin, seine Kunst stark mit Narrativen aufzuladen. Seinen letzten großformatigen Bildern gab er den Titel „Eroi d’Oro“ – Goldene Helden.[1] Sie zeigen für Baselitz typische (auf den Kopf stehende) Figurenbilder, mit dunklen Linien auf golden grundierten Leinwänden. Von sich selbst und seiner Frau Elke. Doch von klassischen Helden ist da wenig zu sehen. Äußerlich erscheinen die Figuren eher wie Antihelden: alt, verletzlich, nackt, auf sich selbst zurückgeworfen. Schrille Farbakzente in Pink, Gelb und Türkis durchbrechen die Trostlosigkeit nur wenig. Doch selbst das Schwinden der eigenen körperlichen Kräfte verbirgt Baselitz nicht: Spuren seines Rollstuhls wurden Teil der Komposition.

Doch hinter der sichtbaren Gebrechlichkeit liegt das Gold. Es öffnet eine zweite Ebene. Hinter Alter und körperlichem Verfall erscheint etwas, das bleibt: die jahrzehntelange Beziehung zu seiner Frau, die gemeinsame Lebensgeschichte und vielleicht auch die Ahnung einer Wirklichkeit, die über das sichtbare Leben hinausweist. Baselitz überließ dieses Finale nicht dem Zufall. Er hatte sich intensiv mit den letzten Werken großer Künstler beschäftigt – mit den unterschiedlichen Möglichkeiten, ein Lebenswerk zusammenzuführen und zu beenden. Bis zuletzt behielt er die Deutungshoheit über sein eigenes Werk. Er bestimmte sein Narrativ selbst. Dabei verlinkt er seine letzten Bilder zu den von ihm geschätzten Fayum-Porträts – jene eindringlichen Bildnisse aus dem alten Ägypten, die Verstorbenen als Grabbeigaben mitgegeben wurden. Auch sie zeigen Menschen an einer Grenze – zwischen körperlicher Anwesenheit und Erinnerung, Leben und Tod.

Gustav Klimts berühmtestes Werk

Gold ist also kostbar. Doch sein Wert in der Kunst entsteht nicht durch das Material. Er entsteht durch das, was sich mit ihm verbindet. Kaum ein Bild zeigt dies eindrucksvoller als Gustav Klimts berühmtes „Bildnis Adele Bloch-Bauer I“, heute weltweit bekannt als „Die Frau in Gold“.

Adele Bloch-Bauer und Gustav Klimt lernten sich um 1900 im Wien der Jahrhundertwende kennen und schätzen. Adele und ihr Mann Ferdinand Bloch-Bauer gehörten zu den bedeutenden Förderern der Wiener Moderne. Ihr Salon war ein Treffpunkt von Künstlern, Intellektuellen und Persönlichkeiten des kulturellen und politischen Lebens. Zu den Gästen gehörten u.a. bedeutende Musiker und Komponisten wie Richard Strauss. Solche Salons waren weit mehr als gesellschaftliche Treffpunkte. In ihnen wurden Ideen ausgetauscht, Kunst und Literatur diskutiert und gesellschaftliche Vorstellungen entwickelt. Gerade für jüdische Frauen eröffneten diese Kreise Möglichkeiten, sich stärker am kulturellen, sozialen und politischen Leben zu beteiligen.

1907 vollendete Gustav Klimt das Porträt der damals 26-jährigen Adele Bloch-Bauer. Es wurde zu einem Höhepunkt seiner berühmten Goldenen Phase. Blattgold, ornamentale Flächen und byzantinisch inspirierte Mosaikstrukturen lassen den Körper Adeles fast mit dem Hintergrund verschmelzen. Nur Gesicht und Hände treten fast verletzlich aus der Ornamentik hervor. Gold macht Adele sichtbar – und entrückt sie zugleich der gewöhnlichen Welt. Nach ihrem Tod sollte das Gemälde durch seine Geschichte noch weit tiefere Bedeuteung erhalten. 

Maria Altmann und ihre Tante Adele

Adele starb 1925 an einer Meningitis. Nach dem Anschluss Österreichs an das Deutsche Reich 1938 musste ihr Mann Ferdinand fliehen. Sein Besitz wurde enteignet, geraubt. Auch die Klimt-Gemälde seiner Sammlung. Aus dem „Bildnis Adele Bloch-Bauer I“ wurde die „Frau in Gold“. Der Name der jüdischen Frau auf dem Bild verschwand aus der Wahrnehmung. Das Werk gelangte in die Österreichische Galerie Belvedere und wurde zu einer österreichischen „Mona Lisa“ – zum nationalen Kulturgut.

Die Geschichte der Familie, der dieses Bild gehört hatte, verlor sich. Ferdinand Bloch-Bauer starb 1945, weitgehend mittellos und ohne eigene Kinder. In seinem Testament setzte er die drei Kinder seines Bruders Gustav als seine Erben ein.[2] Eine von ihnen war Maria Altmann (1916-2011). Nach dem Tod ihrer Schwester stieß Maria auf alte Briefe und Dokumente. Ihr wurde immer bewusster, dass das berühmte Klimt-Gemälde im Wiener Belvedere nicht rechtmäßig in den Besitz Österreichs gelangt war – und dass ihre Familie rechtmäßig Anspruch auf das Bild und weitere Werke Gustav Klimts haben könnte. Sie beschloss, die Werke zurückzufordern.

Maria war nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten mit ihrem Mann im letzten Moment aus Österreich in die USA geflohen. In Los Angeles führte sie später ein zurückgezogenes Leben. Doch die Erinnerungen blieben. Sie erinnerte sich an die zurückgelassene Familie, an die Wohnungen, an Gespräche und Musikabende – und an das goldene Bild ihrer Tante Adele. V.a. aber begleitete sie der Abschied von ihrem Vater ein Leben lang: Sein letzter Wunsch an sie lautete, sie möge ihn niemals vergessen. Daher war das Gemälde für Maria Altmann nie nur ein großes Kunstwerk. Wenn andere Menschen vor Klimts goldenem Porträt standen, sahen sie einen Schatz der Wiener Moderne. Sie sahen Gold, Schönheit und den ungeheuren materiellen Wert. Maria sah ihre Tante, ihre Familie, die heile Welt ihrer Kindheit wieder. Sie sah das Leben, das ihnen genommen worden war.

Die Frau in Gold wird das teuerste Gemälde der Welt

Es schien zunächst wie aussichtslos. Auf der einen Seite stand eine alte Frau aus Los Angeles. Auf der anderen Seite stand die Republik Österreich – und ein Gemälde, das als österreichischer Nationalschatz galt. Doch Maria Altmann gab nicht auf. Mit ihrem Anwalt führte sie einen jahrelangen Rechtsstreit, der schließlich bis vor den Supreme Court der Vereinigten Staaten gelangte. Danach folgte ein Schiedsverfahren in Wien. Maria Altmann bekam am Ende Recht. 2006 wurden fünf Klimt-Gemälde an sie restituiert, darunter das berühmte Porträt Adele Bloch-Bauers.[3]

Die Rückgabe konnte weder die Ermordeten zurückbringen noch die Flucht ungeschehen machen. Sie konnte verlorene Jahre, zerstörte Familien und die Erfahrung des Holocaust nicht heilen. Aber sie gab Maria etwas zurück, das für sie fast ebenso wichtig war wie das Bild selbst: die öffentliche Anerkennung, dass ihrer Familie Unrecht geschehen war. Das Gold hatte damit  seine Bedeutung verändert. Aus einem Symbol des Wohlstands der Wiener Moderne war ein Symbol der Restitution geworden. Und aus dem Bild einer einzelnen Frau wurde eine Geschichte über Erinnerung, Verlust und Gerechtigkeit. Die Erben verkauften die restituierten Gemälde anschließend. Ronald Lauder erwarb das „Bildnis Adele Bloch-Bauer I“ für die Neue Galerie in New York für damals spektakuläre 135 Millionen US-Dollar. Für einige Zeit galt es damit 2006 als das teuerste Gemälde der Welt. Dort ist es bis heute zu sehen.

Sein Wert war nicht nur Leinwand, Farbe und Blattgold. Mit dem Bild verbunden war inzwischen ein Narrativ, das weit über seine kunsthistorische Bedeutung hinausging: die Geschichte einer jüdischen Familie im Wien der Moderne, die Geschichte nationalsozialistischer Enteignung, die Geschichte von Flucht und Verlust – und schließlich die Geschichte einer alten Frau, die sich weigerte, das Unrecht hinzunehmen.

Wo verweist Gold auf das, was durch unser Leben sichtbar wird?

Maria Altmann starb 2011. Ein Teil ihres Vermögens floss anschließend in gemeinnützige Zwecke, darunter Projekte zur Förderung von Kunst und Kultur, zur Erinnerung der Schoah und zur Unterstützung von Holocaust-Überlebenden. Vielleicht schließt sich damit der Kreis. Gold reflektiert. Bei Baselitz reflektiert es am Ende eines Lebens die Liebe, das Altern und die Frage nach dem, was bleibt. Bei Gustav Klimt reflektiert es zunächst Schönheit, gesellschaftliche Stellung und den Glanz der Wiener Moderne. Und im Bild Adele Bloch-Bauers reflektiert es schließlich etwas viel Größeres: eine Familie, die ausgelöscht und vertrieben werden sollte, eine Erinnerung, die dennoch überlebte, und eine Frau, die sich die Deutung ihrer eigenen Geschichte zurückholte.

Wo ist unser heiliges Gold, das durch uns, unser Leben, unsere Geschichte hindurch scheint? Nicht das Gold, das wir materiell besitzen, sondern das, was in uns und durch uns sichtbar werden darf. Welche Menschen, Beziehungen, Erinnerungen und Überzeugungen reflektieren uns letztlich den Wert in unserem Leben? Und wo erlauben wir uns selbst, sichtbar zu werden und unseren Platz in der Welt einzunehmen? Gold reflektiert. Vielleicht sollten wir deshalb weniger danach fragen, wie viel etwas wert ist, und häufiger danach, was durch uns zum Leuchten kommt. Am Ende bleibt doch nicht, wie viel Raum wir besessen haben – sondern wem wir Raum gegeben haben, was wir sichtbar gemacht haben und welche Geschichte durch unser Leben weitergetragen wird. Das Gold des eigenen Lebens.

 

[1] „Georg Baselitz: Eroi d’Oro“, Fondazione Giorgio Cini, Venedig, 2026, während der Biennale gezeigt. Danke an Andreas und Susanne Pitz für die Inspiration.

[2] Die beiden Ehepaare Bloch-Bauer waren in der Wiener Zeit außergewöhnlich eng miteinander verbunden: Zwei der Söhne des jüdischen Zuckerindustriellen David Bloch (um 1819-1892) – Gustav (1862-1938) und Ferdinand Bloch (1864-1945) –  heirateten die beiden Töchter des deutschstämmigen jüdischen Direktors des Wiener Bankvereins Moritz Bauer (1840-1905) – Therese (1874-1961) und Adele Bauer (1881-1925). Beide Brüder änderten 1917 ihre Familiennamen in Bloch-Bauer. Die Paare wohnten in zwei aneinander grenzenden herrschaftlichen Gebäuden in der Elisabethenstraße 18 und 20.

[3] Der Restitutionsstreit wurde 2015 im Spielfilm „Die Frau in Gold“ von Regisseur Simon Curtis mit Helen Mirren als Maria Altmann aufgegriffen.