Catherin erinnert sich noch an den Geruch von staubigem Stroh, an warme Sommerluft und an das Schnauben der Ponys im Halbdunkel der Ställe. Jahr für Jahr verbrachte sie ihre Ferien auf diesem Ponyhof – einem Ort, der aus heutiger Sicht von Rauheit und Enge geprägt war und sich für sie als Kind doch wie Freiheit anfühlte.
Fünfundzwanzig Ponys standen dort, in Ständern in Ställen angebunden, die ihnen kaum Raum ließen, sich zu drehen, geschweige denn sich entspannt hinzulegen. Sie bekamen Stroh zu fressen, kein duftendes Heu, keine Mineralstoffe, nichts, was man heute als artgerecht bezeichnen würde. Und doch – in Catherins Erinnerung – waren sie freundlich, offen und geduldig. In jeden Ferien kamen Kinder, suchten sich „ihr“ Pony aus, strichen über weiche Nasen, flochten Mähnen, flüsterten Geheimnisse. Für eine Woche oder zwei entstand eine zarte Verbindung. Zweimal täglich ritten sie kurz aus – auch ohne Reitschuhe, ohne Sattel, ohne Druck. Es ging nicht um Leistung, nicht um Technik. Es ging um das Gefühl von Bewegung, um das leise Einverständnis zwischen Kind und Tier. Die Ponys trugen sie – ruhig, verlässlich, als wäre das völlig natürlich. Die Kinder erlebten Freiheit und das Glück der Erde auf den Rücken der Pferde.
Nach Monaten ohne frisches Gras durften die Ponys am Ende der Sommerferien dann wochenlang auf die Weide. Man hätte erwarten können, dass ihre Körper rebellieren. Dass sie krank werden, lahmen, Koliken bekommen. Doch nein. Sie blieben gesund. Unerschütterlich.
Wie ist das zu erklären?
Als Kind hinterfragte Catherin das nicht. Es war ihre Welt. Erst als Erwachsene, viele Jahre später, begann sich ein Unbehagen in die Erinnerungen zu mischen. In modernen Reitställen erlebte sie ein Kontrastprogramm: Trotz akkuratem Futtermanagement und hellen, geräumigen Boxen, mit geschniegelt gepflegten und medizinisch gut versorgten Sportpferden, sah sie Nervosität, angespannte Muskeln, Krankheiten, die sie auf dem Ponyhof nie wahrgenommen hatte. Und plötzlich stand diese rätselhafte Frage im Raum: Wie konnten die Ponys damals – unter so schlechten Haltungsbedingungen – so gesund gewesen sein? Die Antwort fand sie nicht plötzlich, sondern sie schälte sich nach und nach heraus: Die Ponys hatten etwas gehabt, das vielen Pferden heute fehlt. Sie lebten in einer konstanten, stabilen Herde. Keine täglichen Wechsel, kein Herausreißen, kein ständiges Neuordnen sozialer Beziehungen. Sie mussten sich nicht beweisen, nicht funktionieren. Sie wurden nicht trainiert, nicht korrigiert, nicht überfordert. Die Kinder, die sie ritten, wollten von ihnen nichts außer Nähe und schöne gemeinsame Zeit.
Und da war der Bauer. Es war eine andere Zeit. Er war ein einfacher gradliniger Mann, der 24/7 arbeitete, der vielleicht nie gelernt hatte, was gute Tierhaltung bedeutet – und der doch seine Tiere liebte. Ungekünstelt. Wahrhaftig. Seine Wertschätzung lag in der Luft, still und selbstverständlich. So entstand etwas ganz Paradoxes: Inmitten äußerlich mangelhafter Umstände war innere Zufriedenheit. Die Ponys waren psychisch stabil. Sie lebten in Sicherheit, ohne dauerhaften Stress. Und vielleicht war genau das der unsichtbare Schutz, der sie so widerstandsfähig machte.
Was wir in all unserem Wissen über gute äußere Bedingungen scheinbar vergessen haben….
Heute kennt Catherin aus beruflichen Gründen viele Pferde – viele perfekt versorgt, optimal gefüttert und medizinisch betreut. Und doch sind sie oft angespannt, empfindlich, entwickeln Krankheiten, die nicht allein körperlich erklärbar sind. Sie leben in einer Welt voller Unruhe. Ungeduldige Menschen. Hektische Abläufe. Ständiger Druck, Erwartungen. Zu wenig echte Zugehörigkeit, zu wenig Sicherheit. Zu selten das Gefühl, fester Teil einer stabilen Gemeinschaft zu sein. Und manchmal denkt Catherin zurück an die genügsamen Ponys ihrer Kindheit – an ihre freundlichen Augen. Und weiß insgeheim, dass Gesundheit tief in der Seele beginnt: dort wo ein Wesen sich sicher, in seiner Herde zuhause und gesehen fühlt.
Wenn das Leben von Liebe getragen ist, braucht es offenbar nicht so viel, um sich gesund zu entwickeln. Hier kommt zusammen, was Gerald Hüter, das „Lebensgefühl der Liebe“ nennt: sich zugleich in der Sicherheit einer verlässlichen Herde verbunden sowie frei und autonom in seiner individuellen Einzigartigkeit gesehen zu fühlen. Und so können wir heute von dem einfachen gutherzigen Bauern viel über die Essenz gesunder Führung lernen.
[1] Frei ausgeschmückt nach einem Instagram-Blogbeitrag von Catherin Seib vom 11.9.2025 auf „Pferde verstehen“, vgl. https://www.instagram.com/p/DOc3_dwDUKa/ [zuletzt abgerufen am 30.4.2026].
