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Der Moment: Die alte Dame mit dem Überraschungsei

von Mrz 15, 2013Impulsgeschichten

Die alte Dame mit dem Überraschungsei zeigt, wie wichtig es ist, sich im Alltag Zeit für Wesentliches zu nehmen: den Moment … Heute möchten wir die Geschichte* von einem Studenten erzählen, der an der Kasse eines Supermarktes jobbte. Eine seiner Kundinnen, eine alte Dame, ist ihm besonders im Gedächtnis geblieben: Frau Hegemann kam einmal in der Woche – immer samstags um Punkt 13 Uhr. Sie war eine kleine alte Dame, die man an ihrem langen lila Mantel erkannte. Den hatte sie immer an. Außerdem trug sie auf ihrem Kopf eine goldbraune zerzauste Perücke, die oft etwas schief lag. Trotz ihres stolzen Alters von 88 Jahren, erledigte sie alles eigenständig. Sie wog das Gemüse ab, verglich die Preise, und legte jeden ihrer Einkäufe selbst auf das Fahrband an der Kasse. Nie hat diese Frau verbittert oder grimmig ausgesehen. Selbst wenn ein ungeduldiger Kunde hinter ihr an der Kasse stand und nörgelte, sie solle doch bitte schneller machen. Sie lächelte einfach und sagte: „Sie sehen, ich bin nit die schnellste, aber dat hier hält mich fit“. Die alte Dame wurde schnell zur Lieblingskundin des Studenten. Sie konnte schöne und witzige Anekdoten aus ihrem Leben erzählen, hatte aber auch immer ein offenes Ohr für ihn. Einmal erzählte er ihr, wie ein Mädchen bei einem Date das Restaurant verlies, nur weil er ihr erzählte, dass er Überraschungseier-Figuren sammeln würde. “Wer nit sammeln kann, kann auch nit sparen, mein lieber Herr Kassierer“ war Frau Hegemanns Antwort „Jut, dat sie die verschwenderische Schrulle los sind!“ Fortan pflegte die alte Dame ein kleines Ritual bei dem Studenten an der Kasse. Das letzte, das sie immer auf die Kasse legte waren drei Überraschungseier. Nachdem sie die Eier bezahlt hatte, drückte sie ihm eines davon in die Hand. Die anderen beiden steckte sie in ihren lila Mantel „Eins für meinen lieben Herrn Kassierer und zwei für meine beiden Enkelchen“. Samstag für Samstag bekam der Student nun ein Überraschungs-Ei. Immer sagte sie „Eins für meinen lieben Herrn Kassierer und zwei für meine beiden Enkelchen.“ Dies ging bestimmt ein halbes Jahr so. Woche für Woche. Bis Frau Hegemann auf einmal nicht mehr kam. Ein Woche verging. Zwei Wochen vergingen. Jeden Samstag 13 Uhr starrte der Student nun vergeblich zum Eingang. Doch kein lila Mantel. Keine zerzauste Perücke. Es verging noch eine Woche. Dann, an einem späten Nachmittag klingelte es zuhause an der Tür des Studenten. Vor ihm stand ein hagerer großer Kerl mit Schnauzbart und Halbglatze. Er war etwas unsicher. „Arbeiten Sie im Supermarkt an der Kasse?“ Der Student nickte verhalten. „Mein Name ist Frank Hegemann. Ich bin der Sohn von Ruth Hegemann. Meine Mutter ist vor ein paar Wochen von uns gegangen. Ich hatte die schwere Aufgabe die Wohnung von ihr aufzulösen. Dabei habe ich das hier gefunden!“. Erst jetzt bemerkte der Student die Tüte in der rechten Hand des Besuchers. Sie war voller Überraschungseier. Auf ihr klebte ein Zettel – „Für meinen lieben Herrn Kassierer“. „Zunächst konnten wir mit diesem Satz nichts anfangen.“ fuhr Herr Hegemann fort „Ich habe dann bei Ihrer Chefin nachgefragt, ob es einen Kassierer gibt, den meine Mutter vielleicht damit gemeint haben könnte. Sie gab mir Ihren Namen und Ihre Adresse.“ Er überreichte dem Studenten die Tüte mit den Worten „Meine Mutter wollte, dass sie dies hier erhalten“ und verschwand ohne auf eine Reaktion zu warten. Der Student schaute sich die Überraschungs-Eier etwas genauer an. Es waren 48 Stück. Einige waren schon abgelaufen. Andere nicht. Die meisten hatten unterschiedliche Verfallsdaten. Die Überraschungs-Eier waren nicht neu gekauft. Die Überraschungs-Eier waren ursprünglich gar nicht für den Studenten bestimmt. Die Überraschungs-Eier waren eigentlich für die Enkelchen bestimmt. Sie wurden nur nie abgeholt.

Die alte Dame und der Moment

Wie wichtig es ist, dass wir im Alltag den Moment achten und Zeit für die so genannten „Kleinigkeiten“ nehmen, v.a. für die Älteren Zeit finden. Denn für sie hat ein bisschen zugewandte Zeit oft einen ganz besonderen Stellenwert. Nicht nur im Krankenhaus. Lesen Sie dazu doch auch noch die Geschichte einer anderen alten Dame und ihrer Taxifahrt

[*] Nach der Erzählung einer persönlichen Geschichte von Markus Brandl.

 


 

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