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Die Blinden und der Elefant: Perspektiven auf das große Ganze

von Mai 15, 2013Impulsgeschichten

Die Blinden und der Elefant ist eine Parabel, die von der Wahrnehmung des Menschen und der absoluten Wahrheit handelt: Wenn verschiedene Menschen auf eine Sache blicken, haben sie je eine unterschiedliche Perspektive und Deutung. Keiner alleine kann das große Ganze erfassen, aber jeder kann eine wichtige Erfahrung machen. Eine Stärke, die sich in tiefer Verbundenheit zueinander nutzen lässt.

 

Der Elefant mit seiner gewaltigen Kraft und Stärke und der Treue zu den Seinen übt auf Menschen eine starke Faszination aus. So taucht der Elefant auch immer wieder in Parabeln, Gleichnissen und Geschichten auf. Gerade in solchen, die sich um emotionale Kräfte drehen. Ein uraltes Gleichnis aus dem asiatischen Kulturkreis Die Blinden und der Elefant [1] nimmt die Größe des Elefanten im Vergleich zum Menschen in den Blick und beschäftigt sich mit den unterschiedlichen menschlichen Perspektiven, ihrer Gleichwertigkeit, relativer und absoluter Wahrheit und damit, wie nötig Toleranz für verschiedene Perspektiven in der gemeinsamen Entwicklung der Menschheit ist. Eine Version der Geschichte ist die folgende.

Die Blinden und der Elefant

Blinde Männer werden von ihrem Lehrmeister gebeten, durch Betasten zu ermitteln, was ein Elefant eigentlich ist. Keine blinde Gefolgschaft wollte der Lehrmeister, sondern die Selbsterfahrung. Dazu sollte jeder Blinde für sich einen – je unterschiedlichen – Körperteil des Elefanten ganz genau untersuchen. Hätten Sie als sehender Mensch den Mut, einen wirklich enorm großen Elefanten zu betasten? Die Blinden vertrauen ihrem Lehrmeister und wagen die Berührung. Ihr Vertrauen gibt ihnen die Sicherheit, ihrer Neugier zu folgen und sich für die neue Erfahrung zu öffnen. Jeder untersucht den ihm zugewiesenen Körperteil mit seinen Händen, um zu begreifen, was ein Elefant ist. Dann beschreiben und vergleichen sie ihre Erfahrungen miteinander.

Sie stellen fest, dass jede individuelle Erfahrung – je nach Perspektive – zur eigenen Schlussfolgerung führt:

Der Blinde, der…

  • … das Bein befühlt, sagt, dass ein Elefant wie eine Säule ist.
  • … die Schwanzspitze anfasst, erkennt im Elefanten so etwas wie eine Bürste.
  • … den Schwanz abtastet, merkt, dass ein Elefant sich wie ein Seil anfühlt.
  • … den Rüssel befühlt, spürt, dass ein Elefant Ähnlichkeit mit einem Schlauch hat.
  • … das Ohr inspiziert, entdeckt, dass ein Elefant wie ein Handfächer ist.
  • … den Bauch berührt, bemerkt, dass ein Elefant sich wie eine Wand anfühlt.
  • … den Stoßzahn erkundet, erkennt die Ähnlichkeit des Elefanten mit einem Rohr.

Als die Blinden in Streit darüber geraten, wer richtig läge, erklärt ihnen der Lehrmeister, alle hätten Recht.

Seine Wirklichkeit erschafft jeder Mensch in seiner Gedankenwelt und ihren Begrenzungen. Über Erfahrungen lässt sich oft nur in Analogien – etwa zu vergangenen Erlebnissen – sprechen. Die Beschreibung dieser Wirklichkeit ist damit individuell wahr bzw. die so erzeugten Gedanken erschaffen unser Erleben. In dieser Wirklichkeit ist das Gegenüber das, was der Mensch von ihm denkt. Als Schöpfer seiner Wirklichkeit aber ist der Mensch  für die Art und Qualität seiner Wirklichkeit verantwortlich. Und: diese Wirklichkeit ist relativ. Sie lässt sich durch neue Informationen und Erfahrungen verändern. Dies entspricht durchaus der neuzeitlichen Systemtheorie im Allgemeinen bzw. speziell dem radikalen Konstruktivismus.

Also könnte man sich und seine Wahrnehmung doch auch selbst hinterfragen. Sind die eigenen Gedanken und die damit verbundenen Erwartungen auch realiter wirklich wahr? Inwiefern macht das Hinterfragen Sinn?  Je mehr Menschen man begegnet, die die eigene Wahrheit nicht bestätigen, umso unsicherer werden wohl die meisten, bei der eigenen Wahrnehmung zu bleiben. Vielleicht auch nur, weil sie die Hamonie der Gemeinschaft nicht riskieren wollen. Andere versuchen Recht zu behalten und das den anderen zu beweisen. Ihnen ist es vielleicht wichtig, dass es gerecht zugeht und andere sie und ihre Wahrnehmungen anerkennen. Doch damit orientieren sie sich letztlich ebenso an anderen, statt zuallererst festen Stand in sich selbst zu finden. Mit der Wahrheit ist das so eine Sache…

Der Grund für die verschiedenen Perspektiven sei, dass jeder von ihnen einen anderen Teil des Elefanten berührt habe. Denn in Wahrheit hat ein Elefant all die Eigenschaften, die die Blinden beschrieben haben. Und noch viele mehr als diese.

Wie Realität wahrgenommen wird und wie sie als Wirklichkeit auf uns wirkt, hängt mit der eigenen Erfahrung zusammen. Und so gibt es eben nicht die eine Realität, sondern ganz unterschiedliche Blickwinkel und Wahrnehmungen davon, die alle gut nebeneinander gelten gelassen werden könnten. Die ganze Wahrheit ist komplexer. Sie setzt sich aus vielen relativen, individuell verantworteten Wirklichkeiten zusammen, die plötzlich alle nebeneinander im Raum stehen bleiben können. Das ist der Weg heraus aus der bewertenden „entweder/ oder“ Logik von schwarz und weiß, richtig und falsch, gut und böse hin zu einer integrierenden „sowohl/ als auch“ Logik.

 

Die Perspektive des großen Ganzen, des Elefanten, in Verbindung zueinander erfahren

Wenn Sie dem nicht blind folgen mögen, probieren Sie im Alltag aus, welche Wirkung es hat, Blickwinkel gleichwertig gelten zu lassen, statt Recht haben zu wollen. Unsere Fähigkeit, empathisch zu sein und neues von anderen zu lernen, fördert das enorm. So verdeutlicht die Parabel auch, warum ein synergetisches Team viel mehr als jeder Einzelne alleine wahrnehmen kann. Jeder Mensch hat eine begrenzte Wahrnehmung. Für einen gemeinsamen Prozess ist es wichtig, all die Perspektiven einzufangen, um einen ganzheitlichen Blick auf den „Elefanten“ zu erhalten und gemeinsam über die Erkenntnis zu reflektieren. Der Prozess soll ermutigen, unterschiedliche Erfahrungen ans Licht zu fördern, sie zu neuen Erkenntnissen zu kombinieren und nicht in fruchtlosen Diskussionen und verhärteten Konflikten zu enden. So funktioniert Entwicklung am schnellsten. Die aber braucht reflektierte Menschen und gute Lehrmeister.

Im Gleichnis Die Blinden und der Elefant steht Blindheit eben auch dafür, durch das Betasten einzelner Teile alleine nicht in der Lage zu sein, das große Ganze zu erkennen. Die Sinnesorgane sind wie die Handfläche. Der Elefant steht für eine Realität. In ihrer Komplexität wird diese mit all unseren blinden Flecken je nach der Perspektive und Erfahrung unterschiedlich verstanden. Um den Elefanten in seiner Gesamtheit zu erfassen, ist jede einzelne Betrachtung oft nur bedingt hilfreich. Da andere Erfahrungen nicht die eigenen sind, fehlt ohne Vertrauen in die Wahrnehmung des anderen ein Zugang dazu. Eine Wirklichkeit wird so wegen unseres begrenzten Wahrnehmungsvermögens stets nur subjektiv, relativ und in Teilen erfasst. Wollen Menschen verschiedener Glaubenssysteme, die ihre “Realität” auf verschiedene Weisen erklären, harmonisch zusammenleben, so braucht es Einfühlung in gegenseitige Wahrnehmungen.

 

Bei soviel Relativismus – ist das Absolute, das große Ganze nicht doch zugänglich?

In der Erkenntnistheorie hat Karl R. Popper unterstrichen, dass der Mensch durch sein individuelles Bewusstsein nur relativ, nämlich in Beziehung zu seinem Stand- oder Bezugspunkt wahrnehmen kann.[2] Begriffe bekommen ebenso erst durch Vergleiche, Kontraste und relative Abgrenzungen Bedeutung. Trotzdem aber müsse der Mensch am Streben nach absoluter Wahrheit festhalten, an einem letzten Sinn gleichermaßen. So bleibt er offen für Entwicklung. Zugleich kann es zu einem gefährlichen Irrweg werden, wenn alle Standpunkte als beliebig akzeptabel hingenommen werden. Bereits Platon kritisiert diese relativistische Haltung zu verschiedenen Standpunkten entschieden, weil sie zur Folge habe, dass die Wahrheit nur eine einfache Meinung und so auch gut/ böse beliebig würden.

Das wahrhaftige Erweitern der eigenen Perspektive, offen für das Mögliche zu sein, kann Erkenntnis bereichern. Das heißt aber nicht, dass der Mensch Perspektiven anderer ungeprüft übernehmen soll. Vielmehr muss er sich einen Schritt weiter bewegen und dort Wahrnehmung wieder abgleichen.   Eine enorme Komplexitätsvereinfachung ist dabei, berechtigtes (nicht blindes!) Vertrauen in die Wahrnehmung anderer haben zu können.

Müssen auf diesem Erkenntnisweg nicht gerade Ethik und Religionen etwas als definitiv anerkennen und so sowohl das Ich als letztliches, absolutes Maß hinterfragen als auch die Absolvierung der Toleranz und sich damit an ihrer realen Wirkung an ihrem Selbstanspruch messen lassen?

Wo sind wir Menschen, die wahrnehmen? Wo ist das Herz bei der Beobachtung?

Letztlich ist der Elefant nur für den distanzierten Beobachter von außen zu erkennen. Im System ist er nur annäherungsweise erkenntnisfähig. Was aber nicht heißt, dass er nicht besteht und in seiner Größe erfahrbar wäre. Sein Wesen lässt sich durchaus im System für jeden einzelnen Blinden im Miteinander erspüren. Dazu braucht es jedoch einen Wechsel der Ebene von Wahrnehmung. Weg vom reinen Denken, das nur Bilder erschaffen kann, die dem großen Ganzen nicht vollständig gerecht werden können, hin zum Fühlen der inneren Verbundenheit. Von der äußeren Erscheinung zur Ebene universeller Gefühle und seelischer Bedürfnisse.

Es ist der Versuch, dem Elefanten tiefer “ins Herz“ zu schauen. Es stellt sich also die Frage: Was fühle ich, die anderen und der Elefant? Was findet in einer inneren Verbindung Ausdruck, was ist die Essenz? Der Wesenskern des Elefanten ist in diesem Augenblick unabhängig von all den blinden Flecken. Es lässt uns am ehesten auf die absolute übergeordnete Wahrheit stoßen. Auf der Suche nach gemeinsamen Lösungen, der inneren Gemeinsamkeit, dem gemeinsamen Dritten, aber entsteht nicht nur Verbindung zum Elefanten, sondern auch menschliche Verbindung zwischen den Blinden untereinander.

Hier ist gerade die körperliche Berührung ein hilfreiches Tor zur Präsenz der innerlichen Lebendigkeit. Beitragen wollen, gegenseitiges Verständnis und eine Öffnung für den gemeinsamen Sinn etwa sind angeborene Bedürfnisse, die der Menschlichkeit Ausdruck verleihen. Sie zeichnen sich dadurch aus, dass sie – anders als Strategien – losgelöst von Zeit, Raum und Personen gelten. Zwischen diesen gibt es darum keine echten Konflikte, die sich nicht durch gemeinsame Strategien lösen ließen. Alle Streitereien über Standpunkte und Blickwinkel, über Recht haben wollen, treten so in den Hintergrund, im gemeinsamen berührt sein… Eigene Begrifflichkeiten sind im neuen Horizont des großen Ganzen nicht mehr so wichtig.

Das ist die Basis und die Perspektive von echter, lebendiger Beziehung….

… in der das Ego zerfließt und der Mensch sich selbst in seiner Menschlichkeit findet.

 

[1] Die Geschichte Die Blinden und der Elefant wird gleichermaßen dem Sufismus im Islam wie dem Jainismus, Buddhismus sowie Hinduismus zugeschrieben. Es spielt übrigens keine Rolle, dass die Protagonisten in der Parabel blind sind. Die Wissenschaft weiß heute: Nur 17% unserer Sehnerven haben tatsächlich Außenkopplung. Alles Erleben ist damit v.a. eine Aufmerksamkeitsfokussierung – wir sehen das, was an unsere Erfahrung anschlussfähig ist.

[2] Wahrnehmung an sich ist ein in Beziehung setzen:

  • So bewegen sich die Augen zum scharfen Sehen fast unmerklich. Wenn sie über längere Zeit starr verharren, ermüdet das Auge uns sieht nicht mehr klar.
  • Ein Ton, der anhaltend gleich bleibt, wird irgendwann von den Ohren nicht mehr wahrgenommen.
  • Der Tastsinn funktioniert durch hin- und herbewegen der Fingerspitzen. Hält man die Finger dagegen still, fühlt man keine Eigenschaften der Oberfläche mehr bis auf die Temperatur.
  • Auch in der Selbstwahrnehmung ist es in der Bewegung leichter, z.B. im Laufen, Aufmerksamkeit in den verspannten Körper zu bekommen.

 


 

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