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Der angekettete Elefant am kleinen Pflock: Macht der Konditionierung

von Jun 15, 2013Impulsgeschichten

Die Emotionen eines Elefanten steuern, heißt Elefantenkräfte zu steuern. Nicht umsonst werden Widerstände im Wandel auch als Elefantenkräfte bezeichnet. Schmerz und Ohnmacht des Babies sind so tief konditioniert, dass der angekettete Elefant am winzigen Pflock sein Selbstbewusstsein über seine wahren Kräfte verloren hat. Und dass sein Unbewusstes zur Vermeidung von weiterem Schmerz jede neue Erfahrung meidet.

 

Die sprichwörtliche Kraft eines Elefanten ist dabei beeindruckend. Seit etwa 4.000 Jahren bis heute werden diese Tiere von Menschen in Indien als Reit- und Lastentiere eingesetzt. Während in Europa dem Menschen vor der Industrialisierung eine Ochsenstärke zur Verfügung stand, hatten Menschen in Asien so schon früh die Kraft wie von einem LKW zur Seite. Doch wer einen Elefanten zähmen und reiten will, kommt mit eigener Muskelkraft nicht weit, den Elefanten längere Zeit zu lenken. Vielmehr folgt der Elefant auf Dauer stets seiner intrinsischen Motivation, seiner Emotion, seinen Bedürfnissen. Wer einen Elefanten reiten und steuern will, der geht eine Lebensbeziehung mit dem Tier ein und steuert dessen Emotionen. Er bildet ihn – auch mit extrinsischen Motivationsanreizen – aus: Er ist der, der den Elefanten füttert und ihn täglich pflegt, v.a. aber baut er Vertrauen auf.

In Veränderungen kann einem Projekt schnell Widerstand entgegen schlagen, der stark wie die Kraft eines Elefanten beschrieben wird. Es braucht dann auch hier Elefantenpfleger. Nur wer die Emotionen im Team zu steuern vermag, ist auch in der Krise in der Lage, die Kraft des Widerstands konstruktiv umzuleiten – weil er das Vertrauen seines Teams genießt. 

 

Der angekettete Elefant am winzigen Pflock

Doch nicht jeder Elefantenpfleger erarbeitet sich das Vertrauen des Elefanten auf gewaltfreie Weise, sondern versucht eine vermeintliche Abkürzung zu nehmen. Vor dem Hintergrund der Kraft des Elefanten ist die folgende Geschichte von Jorge Bucay vom Elefant am kleinen Holzpfahl besonders eindrücklich:* 

Als ich ein kleiner Junge war, war ich völlig vom Zirkus fasziniert, am meisten von den Tieren. Vor allem der Elefant hatte es mir angetan. Während der Vorstellung stellte das riesige Tier seine eindrucksvolle Größe und seine Kraft zur Schau. Nach der Vorstellung aber und auch in der Zeit bis kurz vor seinem Auftritt blieb der Elefant am Fuß an einen kleinen Pflock angekettet. Der Pflock war nichts weiter als ein winziges Stück Holz, das kaum ein paar Zentimeter tief in der Erde steckte. Und obwohl die Kette mächtig und schwer war, stand für mich ganz außer Zweifel, dass ein Tier, das die Kraft hatte, einen Baum mitsamt der Wurzel auszureißen, sich mit Leichtigkeit von einem solchen Pflock befreien und fliehen konnte.

Das Rätsel beschäftigte mich. Was hält den Elefanten? Warum machte er sich nicht mit dem Pflock davon?

Als Sechs- oder Siebenjähriger vertraute ich noch auf die Weisheit der Erwachsenen. Also fragte ich einen Lehrer, meinen Vater und meinen Onkel nach dem Rätsel des Elefanten. Einer von ihnen erklärte mir, der angekettete Elefant mache sich nicht aus dem Staub, weil er dressiert sei. Meine nächste Frage lag auf der Hand: Und wenn er dressiert ist, warum muss er dann noch angekettet sein? Ich erinnere mich nicht, je eine schlüssige Antwort darauf bekommen zu haben. Mit der Zeit aber vergaß ich das Rätsel um den angeketteten Elefanten. Bis ich vor einigen Jahren herausfand, dass doch jemand weise genug war, und die Antwort auf meine Frage hatte:

Der Zirkuselefant flieht nicht, weil er seit frühester Kindheit an solch einen Pflock angekettet ist. Ich schloss die Augen und stellte mir den wehrlosen neugeborenen Elefanten am Holzpfahl vor. Ich sah ihn ziehen und schwitzen, um sich zu befreien. Trotz aller Anstrengung gelingt es ihm nicht, weil der Pflock zu fest in der Erde steckt. Ich stellte mir vor, dass er erschöpft einschläft und es später gleich wieder probiert, und am nächsten Tag wieder, und am nächsten… Bis eines verhängnisvollen Tages das Tier seine Ohnmacht akzeptiert und sich in sein Schicksal fügt. Der mächtige Elefant flieht nicht, weil er glaubt, dass er es nicht kann. Allzu tief hat sich die Erinnerung daran, wie ohnmächtig er sich gefühlt hat, in sein Gedächtnis gebrannt. Und schlimmer noch: diese Erinnerung hinterfragt er nie wieder ernsthaft. Nie wieder hat er versucht, seine Kraft auf die Probe zu stellen…

Unsere vergessenen Elefantenkräfte – wir sind alle ein Stück wie der angekettete Elefant

Dies ist leider die traurige Geschichte vom Schmerzgedächtnis. Schmerzen werden mit der Zeit zu Glaubenssystemen. Die Erfahrung wird zur Gewohnheit und damit zu unserer irgendwann nicht mehr hinterfragten Realität. Auch wenn der ursprüngliche Auslöser ausgeheilt oder verschwunden ist oder die eigenen Kompetenzen sich weiter entwickelt haben. Der Glaube an die Schmerzen ist konditioniert und bleibt. Das Unterbewusstsein setzt treu um, was ihm eingegeben wird und so testen wir aus Angst vor Schmerz neue Erfahrungen erst gar nicht. Wenn wir mit neuen Herausforderungen konfrontiert werden, geht es uns allen mit unseren Emotionen ein klein wenig so, wie dem Elefanten: Wir sollen uns heraus aus der Gewohnheit hinein in eine uns neue Welt bewegen. Doch wir verhalten uns, als wären wir an Hunderte von Pflöcken gekettet.

Wir glauben wie der angekettete Elefant nur, viele Dinge nicht zu können. Weil wir einmal vor langer Zeit – als wir noch klein waren – eine schmerzhafte Erfahrung des Scheiterns gemacht haben. Oder weil wir im Glauben an die Unmöglichkeit, ohne es selbst je ausprobiert zu haben, aufgewachsen sind. Der einzige Weg der Entwicklung ist, es wie ein kleines Kind immer wieder auszuprobieren und alte Erfahrungen zu hinterfragen. Denn nur indem wir Dinge wieder ausprobieren, können wir unsere Fähigkeiten und Stärken messen. Nur so können wir – wie etwa Roger Bannister  jemals erfahren, welche ungeahnten „Elefantenkräfte“ wirklich in uns stecken.

 

[*] Frei nach Bucay, Jorge (2012): Komm, ich erzähl Dir eine Geschichte, 9. Auflage, Fischer Verlag, Frankfurt. Die Grausamkeit am Babyelefanten fällt heute zum Glück unter das Tierschutzgesetz. Durch die Aufnahme des Tierschutz in das Grundgesetz im Jahr 2002 hat sich der Tierschutz in Deutschland gerade auch für Zirkustiere verbessert.

 


 

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