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Wahrnehmungsfilter und Lernmodus: Zwei Arten zu denken

von Sep 15, 2013Impulsgeschichten

Unser Gehirn arbeitet in zwei Modi. Es bleibt gerne im Routine- bzw. Energiesparmodus und vermeidet Stress der Inkohärenz durch Wahrnehmungsfilter (Aufmerksamkeitsblinzeln). Denn der Veränderungs- oder Lernmodus kostet Zeit und Energie.

Ein kleines Experiment führt uns vor Augen, wie unsere Wahrnehmung funktioniert und wie wir Wirklichkeit konstruieren. Wie wir uns mit Wahrnehmungsfiltern bzw. Aufmerksamkeitsblinzeln mit guten Gefühlen durch die Welt bewegen. Dadurch aber spielt uns unser Gehirn oft einen Streich.*

Wahrnehmungsfilter bzw. Aufmerksamkeitsblinzeln

Anfang des 20. Jahrhunderts machte sich eine Gruppe von Forschern auf in entlegene Dörfer Afrikas. Im Gepäck hatten sie einen Film, der das Leben in Städten zeigte. Damit zog die Gruppe von Dorf zu Dorf und zeigte Afrikanern auf dem Lande das Stadtleben. Menschen, die so etwas noch nie gesehen hatten. Ganz gespannt auf die Ergebnisse befragte die Gruppe nach der Vorführung des Films die Zuschauer, wie ihnen die Bilder gefallen hätten. Im ersten Dorf antwortete man ihnen, dass das alles interessant wäre. Besonders gut gefallen hätte ihnen das Huhn. Die Gruppe war zwar etwas ratlos, denn im Film gab es gar kein Huhn. Dann hatten die Bewohner des ersten Dorfes wohl nicht so richtig verstanden, worum es in dem Film eigentlich ging.

Die Gruppe zog weiter ins zweite Dorf. Auch hier zeigte man den Film, auch hier interviewte man die Dorfbewohner im Anschluss. Die Zuschauer fanden den Film auch sehr interessant. Und auch ihnen hatte das Huhn gut gefallen. Die Gruppe rätselte erneut. Was hatten die Afrikaner nur immer mit einem Huhn? Stand dies sinnbildlich für etwas? Gab es eine andere Übersetzung für einen Begriff, die sie nicht kannten? Die Gruppe wagten einen weiteren Versuch. Und wieder gelangten sie zum selben Ergebnis: Auch im nächsten Dorf waren die Bewohner am meisten am Huhn interessiert. Am Huhn, das es gar nicht gab?! Da setzte sich die Gruppe der Forscher zusammen und schaute sich den Film noch einmal konzentriert an. Und in der Tat: sie entdeckten im Film eine Sequenz von einer Zehntelsekunde, in der ein Huhn rechts vorne durch das Bild lief.

Routine und Lernen – die zwei Modi des Gehirns

Wie lässt sich ein solches Aufmerksamkeitsblinzeln erklären? Offenbar verdrängt das Gehirn nach etwa spätestens 90 Sekunden sofort wieder, was ihm aus der Fülle verfügbarer Information nicht anschlussfähig ist. Es scannt die Umgebung nach bestätigenden Informationen ab. Denn die führen zu einem stressfreien, kohärenten Zustand. Das spart Energie und gerade unser Gehirn verbraucht immens viel davon. Um Energie zu sparen, arbeitet unser Gehirn in zwei Modi: dem Routine- und dem Lernmodus.

Schnelles Denken: Routine- oder Energiesparmodus und seine Wahrnehmungsfilter

Da der Routinemodus Energie spart, wird er vom Gehirn bevorzugt. Das Reptiliengehirn sucht unterbewusst im Umfeld nach bestätigenden, anschlussfähigen Informationen. Nach Dingen, die es bereits kennt, um darauf das Gewohnte automatisiert anzuwenden. Es reduziert die Komplexität im Außen, vergleicht Wahrgenommenes mit Bekanntem und führt es sogleich auf dieses zurück. So erzeugt es vertraute Lösungen. Selektiv wahrnehmen und handeln – das funktioniert in hoher Geschwindigkeit und durch die Automatisierung recht mühelos mit wenig Kalorienaufwand.  Darum ist es hoch effektiv und sichert das Überleben. Und was dabei heraus kommt: Der Afrikanische Dörfler sieht in der Fremde das Huhn, der Forscher sieht das fremde Huhn in der Heimat nicht.

Der Modus zeigt, warum Muster und Gewohnheiten im Alltag so wichtig sind und warum uns Routinen erst zum Profi machen. Denn für das Gehirn stellt jede Abweichung von Gewohntem einen hohen Energieaufwand dar. Um Energie zu sparen, sortieren wir unsere Erfahrungen in Schubladen, um uns in kürzester Zeit in der komplexen Welt ein Bild zu machen. Unsere gesammelten Erfahrungen sind wie in einer Landkarte gespeichert, mit der wir uns durch das Leben navigieren. Oft ist uns das gar nicht mehr bewusst, dass wir uns in der Realität nur noch durch unsere Landkarte bewegen. Wenn wir nicht bewusst in einen neugierigem, offenen Zustand gehen, merken wir nicht einmal, was wir dabei alles nicht wahrnehmen, sondern einfach mal ausblenden, wegblinzeln.

Langsames Denken: Veränderungs- oder Lernmodus und sein Zeitlupentempo

Im Modus der Veränderung beschäftigt sich das Großhirn mit Neuem, zu dem es noch keine verarbeitete Erfahrung gibt. Die Situation wurde noch nicht durchdacht, kausaliert, rationalisiert. Der Routinemodus kann das Neue nicht verarbeiten. Man verlässt die gewohnte Komfortzone und das ist anstrengend. Im stark Energie konsumierenden Lernmodus arbeitet das Hirn eher wie in Zeitlupe. Es wägt ab, plant, kontrolliert – und das erfordert Konzentration und Zeit. Vielleicht erinnern Sie sich an das Gefühl, wenn man mit dem Fahrrad fällt und es sich auf einmal anfühlt, als würde die Zeit stehen bleiben. Diese Art von Zeitlupe bringt der Lernmodus mit sich.

Auch andere Experimente zeigen immer wieder: Unser Gehirn arbeitet am liebsten im Routinemodus. Das automatisierte Programm spart maximal Energie, bringt Orientierung und Sicherheit durch vertraute Lösungen. Auch wenn es das zu würdigen gilt – es ist genau das, was das Loslassen von lieb gewonnenen Routinen, Gewohnheiten, Ritualen im Alltag so schwer macht, so dass es Selbstzentrierung und viele willentliche Wiederholungen braucht und oft nur langsame Lernkurven schafft. Denken wir nur an den festen Platz am Essenstisch, die liebste Kaffeetasse oder die Socken beim Sport. Verhindert etwas das Gewohnte, so bleibt oft ein Gefühl von Gefahr – der Start in den Tag fühlt sich nicht richtig an und mit den falschen Socken geht bestimmt das Spiel verloren. Dieses Gefühl zu überwinden, mit der Gewohnheit zu brechen, und sei der Bruch auch noch so klein, kostet Kraft und Zeit.

Neues braucht bewusstes Lernen und Wiederholen ums sich in die Routine eingliedern.

Wenn es um Veränderungen geht, spielt ein Wandel  hinderlicher Gewohnheiten eine große Rolle. Wenn wir Verhaltens- und Denkmuster als hindernd erkennen und sie loslassen wollen, gilt es, neue Routinen zu trainieren. Je eindeutiger wir eine Verbindung von Weg und Ziel empfinden, desto motivierender. Je konsequenter wir den neuen Weg im Alltag gehen, umso wahrscheinlicher, dass die Umsetzung gelingt. Doch: Muster werden nicht einfach ausgetauscht. Sie bleiben im Routineprogramm vorhanden und können nur überschrieben werden. Wenn wir die also alte Muster und Gewohnheiten verlassen wollen, ist anzuerkennen, dass sie früher hilfreiche Strategien für uns waren. Nun brauchen wir Zeit, Geduld und Raum, neue, dienlichere Muster zu erlernen und zu trainieren, bis wir sie stabil verankert und verinnerlicht haben.

 

[*] Vgl. das Mammutwerk des Nobelpreisträgers für Wirtschaft Kahneman, Daniel (2012): Schnelles Denken, langsames Denken, Siedler Verlag; 20. Auflage. Daniel Kahneman (1934-2024) nennt die zwei Denksysteme System 1 (schnelles Denken, Routinemodus) und System 2 (langsames Denken, Veränderungsmodus). Luc Ciompi nennt den Routinemodus in seiner Affektenlogik auch “Fühl-Denk-Verhaltens-System in der Alltagslogik” oder kurz “Alltagslogik”. In der langen Sicht führt das nach den Forschungen Kahnemans u.a. dazu, dass Menschen Lebenszufriedenheit v.a. aus einer guten Erzählung von ihrem Leben saugen.