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Ciompi, Luc | Endert, Elke (2011)

von Aug 13, 2019Buchtipps

Luc Ciompi, Elke Enders: Kollektive Gefühle machen Geschichte: Die Wirkung kollektiver Emotionen – von Hitler bis Obama.

Die Wirkung kollektiver Gefühle

Platon hat bereits vor 2.400 Jahren eine Theorie der Gefühle aufgestellt: Zwei vor einen Wagen gespannte Pferde – ein weißes gesittetes und ein schwarzes wildes – werden als Metaphern für Gefühle verwendet. Der Wagenlenker ist die Vernunft, der die Pferde ständig zügelt und vor dem Durchgehen auf die eine oder andere Seite bewahrt. Ohne die Pferde (stärken) – mit rein rationalem Denken, ohne Gefühle – aber käme der Wagenlenker keinen Schritt vom Fleck.

Individuelle und kollektive Gefühle sind die bewegenden Kräfte hinter sozialem Verhalten und allem sozialen Leben. Diesen gilt es, sich mit der Vernunft bewusst zu werden, statt sie unreflektiert auszuleben. Auch aus dem wissenschaftlichen Denken dürfen Emotionen und ihre Folgen nicht ausgegrenzt werden. Der Psychiater Luc Ciompi wagt darum mit der Soziologin Elke Endert in „Gefühle machen Geschichte“ einen Blick auf die Menschheitsgeschichte aus der Perspektive starker kollektiver Gefühle.

Ihr Essay ist im 1. und in den beiden letzten Kapiteln in ein theoretisches Modell gerahmt. Dazwischen liegt eine Aufarbeitung kollektiver Emotionen von Adolf Hitler und dem Nationalsozialismus, über den Israel-Palästina-Konflikt, im Verhältnis von Islam und Westen bis zu Barack Obama. Das Werk ist spannend für alle, die sich für die Reflexion systemischer Mechanismen interessieren. Wenn es auch eine schwer lesbare, sehr facettenreiche Lektüre ist und so von der allgemeinen Rezension in der Qualität ihres Inhaltes verkannt wurde.

Affektentheorie von Ciompi: FDV Programme

Ausgang von Ciompis Theorie der Affekte ist die These, dass es Gedanken, Gefühle [1] und Verhalten nicht isoliert gibt. Weder auf individueller noch auf kollektiver Ebene. Vielmehr sind sie voneinander abhängig. Nach der Hebb’ schen Regel des Psychologen Donald O. Hebb verbinden sich gleichzeitig erregte Nervenzellen und führen zu situationsbedingten Reflexen. Solche fasst Ciompi als Fühl/ Denk/ Verhaltens-Programme (FDV Programme) zusammen.[2] Es ist die Energie der Emotionen, die die Brücke vom Denken zum Handeln schlägt. Intensiv erlebte Emotionen – sowohl als angenehm entspannend (Parasympathikus), aber v.a. auch als unangenehm energiemobilisierend (Sympathikus) empfundene – bahnen im vegetativen Nervensystem Programme.

Ein solches FDV Programm kann lange im Unbewussten schlummern und bei situativer Aktivierung sodann überraschend abrupt wirksam werden. Die Menge der FDV Programme bildet das gegenwärtige FDV System eines Individuums im Kleinen und eines Kollektivs im Großen. Ein Bereich des FDV Systems ist die Komfortzone der Alltagslogik, in der unbewusst automatisierten FDV Programme mit minimalem Energieaufwand am Werk sind. Neues wird durch bewusste Wiederholung in die Alltagslogik eingegliedert. Bei starker emotionaler Ladung – z. B. wenn scheinbar Selbstverständliches wie Verhaltensregeln verletzt werden – aktivieren unbewusste Schaltungen andere FDV Programme, was oft mit intensiven Affekten einhergeht.

Emotionen erfüllen einen motivativen Zweck und sind sinnvoll. Ob sie konstruktiv oder destruktiv wirken, ist eine Frage des Maßes und der Verarbeitung. Menschliches Denken kann bewirken, dass einigen Emotionen angehaftet und andere Perspektiven nicht mehr wahrgenommen werden. Das gilt individuell, aber noch mehr auf kollektiver Ebene. Bei gleich gerichteten Emotionen in einer Gruppe entstehen so gewaltige kollektive Kräfte. Versärker- und Resonanzen bewirken hypnoseähnlich emotionale Ansteckung und führen zu massenpsychologischen suggestiven Effekten. In der Masse lässt sich dann ein Einzelner leicht von Gefühlen leiten und verliert jede Kritikfähigkeit. So reagieren soziale Systeme emotional systemrational (pseudorational) zwecks Abwehr und Selbstbestärkung. Nur um die Identität, Selbstwert und Erhaltung des Kollektivs zu bewahren.

Selbstbewusstsein durch Sprache und Reflexion

Mit der Sprache vor 10.000 Jahren entwickelte sich das Denken und Bewusstsein. Durch Reflexion seiner Mixturen aus Gedanken und Gefühlen erlangt der Mensch explizites Selbstbewusstsein und Kontrolle über diese. Daher kann Denken – mit  Jean Piaget – als abstraktes Handeln betrachtet werden. Was Denken und Bewusstsein auf individueller Ebene ist, ist Kommunikation auf kollektiver Ebene. Da im Denken (und in der Kommunikation) jedoch grenzenlos alles möglich ist, müssen dem menschlichen Denken z.B. durch Wertesysteme Grenzen gesetzt werden. 

Ein klarer Wille geknüpft an Kognitionen, die starke emotionale Motivatoren bereitstellen, ermöglicht, einem Sinn zu verfolgen und andere Triebe und Bedürfnisse aufzuschieben. Es ist dieser Wille, der nach der Tiefenpsychologie Sigmund Freuds die psychische Reife des Menschen prägt. Jedoch nutzt Wille wenig, wenn er ohne Macht, einher geht. Dabei bedeutet Macht psychologisch gesehen neutral die Fähigkeit, den eigenen Willen durchzusetzen. Unter negativ zerstörerischen Leitgefühlen (wie Hass, Wut, Aggression) bzw. Haltungen wirkt Macht destruktiv, unter der Gemeinschaft bildenden Haltung der Liebe wirkt Macht konstruktiv. In der Führung ist es gegenüber dem Kollektiv der ganzen Schöpfung eine Verantwortung, stets in die Haltung der Liebe zu bleiben.

Kollektive Betrachtung von Ciompi

Die Zeitgeschichte belegt leider, welche zerstörenden Entwicklungen sonst möglich sind. Auf der Basis von Schuld, Ohnmacht und Scham entwickeln sich oft individuelle und kollektive Traumata. Mit der Reflexion von Entstehung, Wirkung und möglichen Auflösung setzt sich das Buch abschließend auseinander. Immer wieder zeigen die Autoren auf: Verdrängen und Vergessen sind keine Optionen. Die Erfahrungen von Ohnmacht und Scham wirken latent, jederzeit abrupt entflammbar als Zunder einer Gewaltspirale, um den eigenen Selbstwert zu stärken. Es gibt nur den einen Weg: auch schlimmste Erfahrungen mitfühlend anzusehen und anzuerkennen, um sie zu heilen und sie nicht unbewusst transgenerativ über Resonanz-Phänomene weiterzugeben. Verdrängung ins Unbewusste, Dissoziation von Emotion vermeidet keine Übertragung.

Um Krisen, Konflikte, Traumata zu lösen gilt es daher, die unterdrückten Gefühle und emotionalen Grenzen des Menschen wieder ins Bewusstsein zu bringen. Sie anzunehmen und anzuerkennen, wie sie sind. Um sie dann dauerhaft ziehen lassen zu können und das Leben wiederzugewinnen. Zur Bewältigung von Traumata ist ein Therapeut angeraten. Zur Krisenintervention stellen die Autoren eine psychotherapeutische Zauberformel vor. Auch der angeborene Sinn für das Schöne unter dem Leitgefühl der Liebe, sorgt für Entspannung und deutet Handlungsoptionen auf kollektiver Ebene an. Ebenso das Abschlussgleichnis der Schwarmintelligenz: Ein Vogelschwarm als selbstorganisiertes FDV System, nutzt die Chance seiner Diversität zur situativen Rollenübernahme.

 

Anmerkungen:

[1] Zwischen Gefühl, Emotion, Affekt wird hier nicht differenziert. Vielmehr werden alle drei gleichrangig im weiten Sinne als Oberbegriffe verwendet. Sie umschreiben über Sinneskanäle situativ wahrgenommene seelisch-körperliche Erfahrung. Dabei handelt es sich um evolutionär biologisch verankerte, kurz anhaltende körperliche energetische Reaktionen – überlebenswichtige verhaltensregulierende Funktionen und energetische Wirkungen.

[2] FDV Programme sind Systeme von  nicht hinterfragten Glaubenssätzen. Besonders tief verankern sich FDV Programme in der frühen Kindheit. Studien zeigen, dass die ersten drei bis sieben Jahren die Grundlage für seelische Stabilität und körperliche Gesundheit bilden. Deshalb ist es entscheidend, was und wer uns in dieser Zeit begegnet. Zwar beginnt die bewusste Erinnerung erst mit der umfassenden Sprache etwa ab dem dritten Lebensjahr, doch sind frühere Erfahrungen in unserem Körpergedächtnis gespeichert und steuern unser Verhalten. Grundsätzlich waren es hilfreiche Verinnerlichungen in jener Zeit, die zu FDV Programmen herausgebildet haben, die uns und unsere Wahrnehmung prägten.

Luc Ciompi/ Elke Endert: Gefühle machen Geschichte: Die Wirkung kollektiver Emotionen – von Hitler bis Obama, Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2011.


 

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