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Des Kaisers Ego: Das wahre Selbst finden

von Jun 1, 2021Impulsgeschichten

Wie der Menschen sein Ego lassen, alles sein lassen kann, wie es ist, und dafür eine Weile nicht unterscheidet, etikettiert und bewertet. DaMo lehrt, was dann vom Menschen selbst hervorkommt.

Bodhidharma (DaMo), der erste Mönch und Gründer des Zen Buddhismus, war wenig an Materiellem interessiert, sondern bemüht, den Frieden zu stärken und Eintracht unter den Menschen zu verbreiten. Er folgte dem Wunsch seines verstorbenen Meisters, der ihn in Indien in die Lehre Buddhas eingewiesen hatte, und zog nach China. Im Kloster Shaolin begründete er 527 die buddhistisch chinesischen Kampfkünste (Kung Fu), für die das Kloster noch heute berühmt ist.

Einmal besuchte ihn dort der chinesische Kaiser mit einem Anliegen: „Ich habe eine Menge Unruhe in mir. Ich bin ehrgeizig. Obwohl ich eines der größten Kaiserreiche der Welt besitze, fühle ich mich stets unzufrieden.“
DaMo sagte: „Kommen Sie am frühen Morgen zu mir in den Tempel, um vier Uhr. Und vergessen Sie nicht, Ihr Ego mitzunehmen. Wenn Sie es nicht mitbringen, kann ich nichts tun.“
Der Kaiser war verwirrt und fragte: „Was meinen Sie?“
Da Mo sagte nur: „Genau was ich sage. Bringen Sie Ihr Ego mit und ich werde ihm ein sicheres Ende bereiten.“

Der Kaiser konnte an diesem Abend nicht schlafen. Er wollte am frühen Morgen nicht in den Tempel gehen und doch war er auch neugierig. Er rang mit sich und rang sich schließlich durch, zu Bodhidharma zu gehen. Als er dort ankam, saß DaMo schon auf dem Fußboden. Der Kaiser näherte sich zögerlich.
DaMo fragte ihn „Allein? Wo ist Ihr Ego?“
Der Kaiser antwortete: „Es ist nichts, was ich extra mitbringen kann. Es ist immer in mir.“
DaMo sagte: „Dann setzen Sie sich, schließen Sie die Augen und finden Sie heraus, wo es sich versteckt hält. Wenn Sie es zu fassen kriegen, sagen Sie mir Bescheid.“
Folgsam setzte sich der Kaiser im Tempel nieder und zum ersten Mal in seinem Leben schloss er die Augen zum Meditieren. Er sah sich in sich selbst um: Wo ist das Ego? Eine Stunde verging und noch eine weitere. Die Sonne ging auf und der Kaiser saß in einem Zustand absoluter Glückseligkeit da.

Bodhidharma rüttelte ihn irgendwann auf: „Nun ist es genug. Wo ist es?“ >
Da fing der Kaiser an zu lachen. Er senkte seinen Kopf, berührte DaMos Füße und sagte: „Ich kann es nicht finden.“
DaMo sagte: „Sehen Sie wohl! Ich habe ihm ein sicheres Ende bereitet. Falls Sie jemals wieder von Ihrem Ego bedrängt werden, fragen Sie nicht, wie Sie es loswerden, sondern schließen Sie nur Ihre Augen und spüren Sie nach, wo es steckt. Es ist nicht wahrhaftig.“

 

Im Erkennen, wie unglücklich und unzufrieden er bei allem äußerlichen Erfolg ist, wendet sich der Kaiser an DaMo. Indem er seine Aufmerksamkeit auf Punkte in seinem Körper konzentriert, seinen Atem darauf lenkt, bringt der das übermäßige „geistige Geschwätz“ der Gedanken und Gefühle in sich zur Ruhe. In der Meditation sammelt er sich für den Weg nach innen. Die Stille bringt ihn mit dem Grund seiner Seele und der Heilquelle vitalen Lebens, aus der wir unsere innerer Kraft schöpfen, in Berührung.[1] So wird er selbst ruhig und entspannt, öffnet sich für sich und die Welt und gelangt in diesem Körperbewusstsein in einen Bewusstseinszustand des bloßen Glück und Frieden. Sein Ego ist vollkommen gestillt. Aufkommende Gedanken prallen an ihm ab. Er ist ganz er selbst. In diesem Modus der Liebe kann er selbst im Netz des Lebens sein und wahrhaftiges Glück empfinden, das nur im Innern zu finden ist. Geben und Nehmen fallen in eins zusammen, in Verbundenheit und Einheit.[2]

Anders als der Kriegstyrann, der – eigentlich als Bedürftiger – andere durch ständige Vergrößerung seines Kaiserreichs seinem Ego unterwirft, um sich selbst aufzuwerten. In einem chronischen Mangelgefühl macht er sich von äußerer Anerkennung abhängig und damit bedürftig. So hat er sich h in seinem Ego so abgeschottet hat, dass er keine Lebensfreude, kein Glück und keine Zufriedenheit mehr empfindet und sich selbst nicht mehr achtet. Das ist eine missliche Lage, in die sich die Welt manövriert hat, wie der Hirnforscher Gerald Hüther sagt, dass sie Bedürftige ausgerechnet zu ihren Anführern macht.[3] In der Angst um sich selbst neigt der bedürftige Mensch zu Eitelkeit wie Sorge um Außenwirkung, zu Egoismus und zum Nehmen von anderen im Übermaß, ohne für einen Ausgleich zu sorgen.

 

Vom Ego/ ICH

Alles was der Mensch von der Welt und sich selbst weiß, stammt aus seinen eigenen Gedanken, seinen Gefühlen, seiner Vorstellungskraft und ist abhängig von seinem Bewusstseinszustand.[4] Das Ego ist ein mentales Konstrukt des Menschen über sich selbst. Egal wie diese Selbstbild auch ist, es ist nie real, sondern immer nur eine Idee, eine Einbildung. Im Dualismus von körperlicher „Sinneswelt“ und geistiger „Ideenwelt“ erlebt der Mensch sein Leben als Individuum und in der Sorge um sich selbst. Um eine „Idee von sich selbst“ zu bekommen und Identität zu erfahren, muss er sich von anderen abgrenzen und bewerten. Als Kind schon beginnt dies, indem der Mensch die Zuschreibungen anderer über sich unbewusst übernimmt und sich mit diesen identifiziert. Um im Leben immer mehr bei sich selbst anzukommen, gilt es, sich von unglücklichen Zuschreibungen zu lösen und nicht hinterfragten Glaubenssätzen auf die Spur zu kommen. Denn auch umgekehrt gilt: das Ego bestimmt wie der Mensch denkt, fühlt, sich verhält, sich Status und Selbstwert zuschreibt. Darum ist es nötig, sich immer wieder von seinem Denken und Gedankenkonstrukten zu lösen, um sein Sein im Hier und Jetzt körperlich bewusst wahrnehmen mit alle Sinnen, vitalen Gefühlen und Bedürfnissen. Es so quasi „durch sich hindurchgehen lassen“.

Ein Ego per se ist nichts Schlechtes. Es begleitet dem Menschen, sich selbst zu erkennen. Doch dabei kommt es entscheidend auf die Haltung an:

  • In einer (von-weg) Logik von Angst und Mangel wird das Ego statisch überhört und der Status verteidigt (Klammern/ Festhalten). Es trennt den Menschen von seinem wahren Selbst. In einer potenziell als gefährlich wahrgenommen Umwelt übernimmt das Ego instinkthaft das Kommando (Selbsterhaltungstrieb). Je höher der Stress, desto stärker der blitzartige Bewertungs- und Autopilotenmodus im Denken und Handeln. Wie ein Drehen im Kreis, um sich selbst, ohne weiterzukommen. Die Angst des Egos vor der Ablehnung anderer ist im Defizit-Denken so groß, dass es eine regelrechte Sucht nach Anerkennung entwickelt.[5]
  • In einer (hin-zu) Logik der Liebe und Fülle hingegen ist das Selbstbild dynamisch und entwicklungsoffen (Fließen, Loslassen) Selbst-Bewusstsein beginnt mit der Wahrnehmung von außen und innen. Das Ego lässt den Menschen bei sich sein, Stand in sich selbst finden und verbindet ihn frei von äußere Anhaftungen mit dem Selbst. Es wird so zu einem strukturierenden Element, das sich aus freiem Willen in einen höheren Dienst stellt. Das ist schon klassisches griechisches Denken: Von der Sinneswahrnehmung über den ordnenden Verstand – durch Reflexion/Philosophie und Meditation – zur hellen Vernunft und Weisheit gelangen.[6]

Um Abstand von einem statischen Selbstbild zu gewinnen, ist es gut, sich offen auf das Erleben einzulassen, alles sein zu lassen, wie es ist, und dafür eine Weile nicht zu unterscheiden, zu etikettieren, zu bewerten und abzuwerten. Dafür brauchte es einen Raum der Entspannung und Entschleunigung. In diesem ist es dem Organismus möglich zu reflektieren. Der Mensch kann eine höhere Perspektive einnehmen, aus seiner Enge heraustreten, offen hinterfragen. Er gewinnt dabei die freie Entscheidung zwischen Reiz und Reaktion. Das ist zugleich der Zustand der Sammlung, in dem der Mensch eine Ahnung von seinem größerem Selbst und Selbst-Bewusstsein erfährt.[7]

 

Zum wahren Selbst/ Verbundensein

Der absichtslose, bewertungsfreie Zustand, in dem man sich von der Verhaftung im eigenen Ego löst und den glückseligen Bewusstseinszustand innerer Freiheit seines Selbst wahrnehmen kann, nennt sich Meditation. Selbst das Fokussieren und Visualisieren wie im Mentaltraining wird nicht mehr verfolgt, um „eins zu sein mit allem, was ist“. Geist und Körper verbinden sich zu einem erweiterten Bewusstseins- und Erfahrungsfluss bloßen Seins, in dem intuitive Ideen nicht länger Gedanken und Gefühlen anhaften.[8] Das Selbst ist sich selbst genug. Es ist erhaben, eingebunden und getragen in ein Geflecht des Lebens und hat schon alles, was es zum Glück braucht. So ist in der Lage, tief zu empfinden und zu genießen, was im Moment – Zeit und Raum überschreitend – ist.

Wir erfahren unser Selbst, statt einem irrealen Selbstbild anzuhängen und machen so dem bloßen Ego ein Ende. So gewinnt der Mensch mehr und mehr festen Stand in sich selbst, ohne sich zu gering zu schätzen oder zu überschätzen oder sich um Dinge zu sorgen, die seine Möglichkeiten übersteigen und ihn überfordern. Die Seele drängt in diesem Zustand wie eine Quelle aus sich selbst heraus zu sein. Am Ende hat der Kaiser völlige Distanz zu seinem Ego gefunden. Sein wahres Selbst in der Meditation erfahren. Er lacht über sich selbst. Diese Lachen befreit und ist Spiegel seines Glücksgefühls. Nicht jenes äußere vergängliche Glück, das der Kaiser aus der Größe seines Reiches zieht, sondern tief empfundenes inneres Glück. 

 

[1] Die Quelle des Lebens auf dem Grund der Seele nennen die Mystiker mit Meister Eckhart das „göttliche Seelenfünklein“ in uns. Das „Büchlein der göttlichen Tröstungen“ vom aus Erfurt stämmigen Dominikaner Meister Eckhart zählt im christlichen Bereich zu den bedeutendsten Texten des Mittelalters. Meister Eckhart gilt als einer der wenigen Europäer, die vom Buddhismus tief verehrt werden. Von Karl Rahner stammt in den 1960ern der bedenkenswerte Satz: „Der Fromme von morgen wird ein Mystiker sein, einer der etwas erfahren hat, oder er wird nicht mehr sein.“

[2] Meditation fördert die Produktion von Endorphinen, Alpha-Wellen und Serotonin im Gehirn und damit Körper und Seele, in einen Glückszustand zu kommen. Studien von Hirnforschern zeigen, dass sich durch regelmäßige Meditation Hirnströme und Vernetzungen im Hirn verändern.

[3] Vgl. hierzu den Beitrag von Gerald Hüther „Die unsichtbare Herausforderung unserer Zeit“ (zuletzt abgerufen am 15.2.2021), in dem er als Herausforderung der heutigen Zeit unsere Bedürftigkeit herausstellt. Sie mache uns unfrei und sei meistens unbewusst. Im Vergleich, Wettkampf und im ewigen Kampf um Anerkennung durch Leistung machen sich Menschen zu Objekten der Erwartung und Bewertung anderer (statt das Selbstbewusstsein zu besitzen, um ihrer selbst wegen geliebt zu sein). Die damit verbundenen Schmerzen und Ängste wollen nicht gefühlt werden, so dass man sich ein Leben einrichtet, in dem man alles unter Kontrolle hat, sich unverletzlich macht und letztlich nur noch ein Programm abarbeitet. Das gleicht einem unglücklichen Leben ohne Vitalität, unverbunden und unfrei. Eine extreme Form von Bedürftigen seien Narzissten mit ihren großen Egos, die nicht zuhören und ihre Realität um jeden Preis aufrecht erhalten. Die nachtragend, persönlich angreifend sind und immer für ihre Bedürfnisse sorgen müssen. Wir sind in unseren Systemen und Mustern verstrickt, in Zukunftsängste und Gedanken wie „Es wird nicht für alle reichen, also sorge ich vor, dass es für mich genug ist.“ Statt in der Einheit zu denken: „Manche haben nicht, was sie brauchen, also teile ich mit ihnen.“

[4] Oder wie der Philosoph des Idealismus Johann Gottlieb Fichte sich zur Konstruktion innerer Landkarten ausdrückte: Unsere Vorstellungskraft erzeugt unsere Welt.

[5] Der Mensch läuft Gefahr, an toxisch negativen Emotionen psychisch und körperlich krank zu werden. Die „Gifte des Ego“ korrespondieren mit den 7 klassischen Hauptlastern in der katholischen Theologie: Hochmut/ Eitelkeit, Geiz/ Gier, Neid/ Eifersucht, Zorn/ Jähzorn, Maßlosigkeit/ Selbstsucht, Genusssucht/ Begehren, Faulheit/ Feigheit.

[6] Dies entspricht dem dreistufigen Erkenntnismodell von Nikolaus von Kues/ Cusanus, einer der ersten deutschen Humanisten an der Schwelle zur Neuzeit: Sinne – Verstand – Vernunft. Über die Wahrnehmungssinne werden vom Körper mit seinem „Gedächtnis“, insbesondere vom Gehirn, Gedanken und Gefühle erzeugt. Um dem Mechanismus nachzuspüren, ist es daher wichtig, „im Körper zu sein“ und unangenehme Gedanken und Gefühle nicht zu verdrängen. So entsteht „vernünftiger“ Abstand zu sich selbst, der Heilung und neue Entwicklung zulässt, und Weisheit, die Dinge so zu nehmen, wie sie sind, statt sie durch die Brille des Egos wahrzunehmen.

Bernhard von Clairvaux zeigt auf, dass es für eine verantwortliche Lebensführung darauf ankommt, in sich selbst Stand zu gewinnen und sich nicht von äußeren Ansprüchen treiben zu lassen. Der Mensch kann sich selbst verfehlen, indem er sich überschätzt oder zu gering von sich denkt, indem er sich um Dinge sorgt, die seine Möglichkeiten überschreiten und ihn maßlos überfordern.

[7] Wir können uns  unseres Egos bewusst werden. Das Selbst – als Gegenüber zum Selbstbild – ist dagegen nicht gänzlich bewusstseinsfähig und damit transzendenter Natur, weil wir nicht aus ihm heraustreten und es von außen betrachten können.

[8] Zen wurzelt im Non-Dualismus, der untrennbaren Einheit allen Seins, im bloßen Sein im Hier und Jetzt.  Buddha lehrte, dass die Ursache des Leidens und der Verwirrung der Menschen aus der Unfähigkeit entsteht, die Dinge zu sehen, wie sie wirklich sind. Weil der Betrachtung der Wirklichkeit zu sehr auf das Ego zentriert ist. Bei der Meditation ist es daher wichtig, sie ohne jede Absicht zu vollziehen, an die sich das Ego klammern könnte.

 


 

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