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Bernhard von Clairvaux: Gefüllte Schale der Liebe

von Feb 22, 2019Impulsgeschichten

Der Hl. Bernhard von Clairvaux (1090-1153), Abt der Zisterzienser, schrieb vor 900 Jahren einem Brief an seinen Zögling, Papst Eugen III. Darin wies er mit der Metapher der gut gefüllten und überfließenden Schale der Liebe auf den Wert der Selbstempathie hin…

Menschen sollen zu persönlicher Weiterentwicklung bereit sein und so auch in ihrem Umfeld eine Evolution zum Guten hin gestalten. Das Auseinandersetzen mit sich selbst kostet Energie. Da braucht es Selbstempathie. Der Prozess führt den Menschen aber näher zu sich selbst, um aus seiner gesunden Mitte heraus zu handeln.

So gibt Bernhard von Clairvaux seine Lebensweisheit weiter:

„Wenn du vernünftig bist, erweise dich als Schale und nicht als Kanal, der fast gleichzeitig empfängt und weitergibt, während jene wartet, bis sie gefüllt ist… Auf diese Weise gibt sie das, was bei ihr überfließt, ohne eigenen Schaden weiter…

Lerne auch du, nur aus der Fülle auszugießen und habe nicht den Wunsch freigiebiger zu sein als Gott. Die Schale ahmt die Quelle nach. Erst wenn sie mit Wasser gesättigt ist, strömt sie zum Fluss, wird zur See. Die Schale schämt sich nicht, nicht überströmender zu sein als die Quelle…

Ich möchte nicht reich werden, wenn du dabei leer wirst. Wenn du nämlich mit dir selbst schlecht umgehst, wem bist du dann gut? Wenn du kannst, hilf mir aus deiner Fülle, wenn nicht, schone dich.“

Bernhard von Clairvaux macht uns damit bis heute dafür achtsam, liebevoll mit uns selbst umzugehen. Gerade in dienenden und unterstützenden Berufen ist die Selbstempathie wichtig. Bin ich nicht in meiner Kraft, dann gilt es erst einmal sich seine Schale wieder zu füllen. Um zu spüren, wie das Bedürfnis – etwa nach Liebe – gefüllt wird, um dann aus seiner Fülle geben zu können, statt schleichend auszubrennen. Genau genommen kann jedes einzelne Bedürfnis auch als eigene Schale dargestellt werden. Die Wahrnehmung dafür, wie gefüllt die eigenen Schalen sind, führt nicht zu einer übermäßigen Selbstfürsorge, die sich als Egoismus bezeichnen lassen kann, sondern zu einem gesunden maß an Selbstfürsorge.

 

Angenehme Gefühle füllen die Schale mit Liebe und Energie

Das Verdrängen von Gefühlen ist in der deutschen Geschichte verankert. Erst heute beginnt man, das kollektive Trauma nach dem 2. Weltkrieg zu betrachten. Bücher zur Kriegsenkel Generation haben das Bewusstsein geschärft, dass ein unverarbeitetes Trauma noch über Generationen weiter gegeben wird. In den Jahren des Wiederaufbaus nach dem Krieg war es noch nicht möglich, auf den eigenen Schmerz zu schauen. Arbeiten, Durchhalten, Zähne zusammenbeißen war die Devise. Funktionieren ist so ein Wert an sich geworden. In der Gewohnheit ist daraus eine Unfähigkeit erwachsen, über Gefühle zu reflektieren, sie an- und wahrzunehmen. Wer sich aber selbst in seinen emotionalen Bedürfnissen nicht sehen und spüren kann, wie ist der in der Lage – sowohl angenehme als auch unangenehme – Gefühle des Gegenübers wahrzunehmen und Konflikte produktiv zu klären? 

Das Unterbewusstsein steuert das Handeln zu den üblichen Gewohnheiten. In der Gewohnheit fühlt sich der Mensch in seiner Komfortzone. Oft gehen Denk- und Verhaltensmuster weit in die Kindheit zurück. Zurück zur Suche des Kindes nach der Anerkennung von seinen Eltern. Anerkennung von Eltern, die mit sich selbst zu tun und gar keine Kraft hatten, das Kind in seiner Persönlichkeit wahrzunehmen. Kinder beziehen jedes Verhalten der Eltern, das in ihnen Schmerz auslöst, auf sich selbst. Daraus erwachsen Gefühle von Minderwertigkeit und Selbstzweifel. Das Zulegen eines emotionalen Panzers und Verdrängen der Gefühle werden erlernt. Kompensationen werden zu inneren Antreibern: Höchstleistungsanspruch an sich selbst, immer der Beste sein wollen, Anerkennungssucht, Workaholic – Strategien, um Belastendes nicht mehr zu spüren, und um zu beweisen, wie wertvoll man ist.

Entsteht dabei Erfolg, ist das Gehirn kurzfristig in Glück und in Sicherheit gewogen. Das Fatale  ist, dass der zunächst geerntete Erfolg das Unterbewusstsein bestärkt, dass Verdrängen von Schmerz der richtige Weg zum Überleben ist. In der Gewohnheit werden so aus akuten Gefühlen dauerhaft verdrängte Gefühle, um zu funktionieren.[1] Die Schale der Liebe und Energie aber trocknet dabei schleichend aus…

Der Mensch braucht Beziehung und Gemeinschaft

Unangenehmen Gefühle wie Wut, Ohnmacht, Panik, Angst, Sorgen, Zweifel, Trauer, Unsicherheit, Schmerz, Schuld und Scham haben den guten Sinn, uns auf einen Mangel hinzuweisen. Um auf das aufmerksam machen, was in der Schale gerade fehlt an unerfüllten Bedürfnissen. Längerfristig wird das ständige Unterdrücken von Gefühlen immer zum Problem. Somatisch kann es sich etwa in Hochblutdruck zeigen. Es raubt die Fähigkeit zur Empathie: Empathie zuerst für sich selbst und dann für andere. Empathie ist die Basis von Beziehungsfähigkeit. Oft fehlen denen, die funktionieren, die Kraft und Gelassenheit, anderen offen zu begegnen. Die aufgestauten Emotionen entladen sich geballt und unreflektiert in Stress-Situation, in denen sie am wenigsten zu gebrauchen sind.

Wer es schafft, die verdrängten Emotionen aufzuarbeiten, sich seine Wunden zu betrachten, um sie dann in Frieden heilen lassen zu können, der ist in der Veränderung. Das gelingt nicht von heute auf morgen. Der Prozess ist kaum alleine zu bewältigen. Der Mensch ist beim Arbeiten an seinen blinden Flecken auf andere angewiesen. Wer erkennt, dass es ihm subjektiv nicht gut geht und Hilfe annimmt, begibt sich auf den Weg. Ein Reflexionspartner, der in emotionaler Distanz durch den Prozess mit dem Blick von außen begleitet und die Ressourcen darin betrachtet, kann hier wertvoll sein.[2] Auch wenn das Bewusstsein dafür mitunter verdeckt ist – jeder hat die Wahl, Emotionen neu zu bewerten. Denn es sind immer die subjektiven Bewertungen von Ereignissen, die das Denken und Handeln bestimmen.

Ein Miteinander von Geben und Nehmen schafft ein Umfeld der Fülle

Heute erleben wir ein Aufeinanderprallen der Generationen in der Arbeitswelt. Die jüngere Generation ist oft mit einer gefüllten Schale voll unbedingter Liebe schmerzfreier aufgewachsen als die Generationen vor ihr. Sie ist das Nehmen viel mehr gewohnt. Sie ist deshalb weniger zu einem Leben ohne Beziehungsqualität bereit. Damit berührt sie ein Tabu bei der älteren Generation, die fehlendes Geben und Einsatzbereitschaft bei den Jungen bemängelt, und verdrängt, dass diese den Finger in einen wunden Punkt bei ihnen legt: Wann habe ich mir meine Schale füllen lassen, andere um Hilfe gebeten, Fülle erlebt, den Mut gehabt, für mich selbst zu fordern? Wo stecke ich im Mangeldenken fest?

Der Mensch ist darum weniger ein Kanal, der immer das abgibt, was ihm zufließt. Sondern eher ein Brunnen, der von einer unsichtbaren Quelle gefüllt wird. Je mehr er abgibt, desto mehr fließt ihm zu. In Dankbarkeit nehmen – sodass es auch den Gebenden mit Freude füllt und nicht ausbeutet – und aus offenem Herzen geben, dem Leben vertrauen, dass es die Schale in jedem Augenblick mit dem Notwendigen füllt – das muss unsere Gesellschaft erst wieder lernen. Wenn Beziehung ein Umsatz an Geben und Nehmen ist, dann sind es die erfüllten Beziehungen, die dem Menschen soviel geben, dass sie die Schale zum Überfließen bringen. Warum auch sollte das in Arbeitswelt und Führung nicht so sein? [3]

 

[1] Vgl. Eva Klein (2019): Frozen Feelings, Umgang mit verdrängten Emotionen, aus: manager Seminare 251, S. 48-54.

[2] Zur Aufarbeitung von Traumata sollte man einen spezialisierten Therapeuten zu Rate zu ziehen. Die Verarbeitung von Traumata sind das beste Erbe, das man der nächsten Generation hinterlassen kann.

[3] Mehr zu unseren Führungskräfte Trainings finden Sie hier.

 


 

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