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Der Wagenheber und Tamale: Geben und Nehmen in Dankbarkeit

von Jan 15, 2013Impulsgeschichten

Die New York Times berichtete 2011 von einer Begebenheit unter dem „The Tire Iron and the Tamale“.* Wo Geben und Nehmen in Dankbarkeit eins werden, geschehen Begegnungen aus offenem Herzen und Beziehung vertieft sich. Das ist im Alltag weniger die “große Tat” als die Achtsamkeit für die Bedürfnisse des Gegenübers im Moment, und wenn es gerade der Wagenheber ist.

Während des letzten Jahres bin ich dreimal auf der Autobahn mit einem Auto liegengeblieben: ein leerer Tank, eine durchgebrannte Sicherung, eine Reifenpanne. Das ist immer dann passiert, wenn ich mit Autos von Freunden unterwegs war. Das hat es für mich noch unangenehmer gemacht. In allen Fällen stand ich am Rand der Fahrbahn und war empört darüber, dass ein Auto nach dem nächsten an mir vorbeifuhr, ohne mir Hilfe anzubieten. Wo war das Mitgefühl der Menschen geblieben? Selbst zwei Abschleppwagen fuhren einfach vorbei. Letztlich hat dann nach einer gefühlten Ewigkeit jedes Mal doch noch ein Auto gehalten.

Bei der Reifenpanne hatte ich bereits nahezu drei Stunden am Seitenrand gestanden. In meiner Verzweiflung hatte ich ein Schild gemalt, um um einen Wagenheber zu bitten. Gerade als ich aufgeben und versuchen wollte per Anhalter weiterzukommen, hielt ein Wagen. Ein in mexikanischer Immigrant stieg aus, gefolgt von seiner gesamten Familie im Schlepptau. Er sprach fast kein Wort unserer Sprache. So erklärte mir seine Tochter in rudimentärem Englisch, dass ihr Vater einen Wagenheber hätte, der aber zu klein für meinen Jeep wäre und verstärkt werden müsste. Er verlängerte den Wagenheber mit Holz vom Wegesrand und gemeinsam versuchten wir, den kaputten Reifen zu lösen. Ich zog kräftig, doch anstelle eines gelösten Reifens hatte ich zwei Teile des Wagenhebers in der Hand. Er war zerbrochen. Wie unangenehm. Dem Mann schien es nichts auszumachen.

Er brachte den zerbrochenen Wagenheber zu seiner Frau, gab ihr ein paar Instruktionen und sie brauste mit dem Auto davon – um nach einiger Zeit mit einem neu gekauften großen Wagenheber zurück zu kommen. Nach einiger gemeinsamer Anstrengung bekamen wir damit schließlich den Reifen gelockert und den Ersatzreifen montiert. Verschwitzt und mit schwarzen Händen gratulierten wir uns zu dem Erfolg. Die Frau zauberte einen großen Krug mit Wasser hervor und wir konnten uns die Hände waschen. Ich versuchte dem Mann 20 Dollar zu geben, doch er lehnte sie ab. So steckte ich den Schein seiner Frau zu. Ich fragte die Tochter, wo sie denn wohnten – ich dachte daran, ihnen vielleicht ein kleines Geschenk als Dankeschön für ihre Unterstützung zu schicken. Sie erzählte mir, sie wohnten in Mexiko und wären hier, um die nächsten Wochen bei der Obsternte zu helfen. Danach würden sie wieder heimkehren.

Ich verabschiedete mich und war auf dem Rückweg zum Jeep, als mir das Mädchen nachrief, ob ich denn schon gegessen hätte. Als ich verneinte, kam sie mir mit einer Portion Tamale nach. Diese Familie, ganz sicher ärmer als jeder andere, der auf der Autobahn unterwegs war, die als Erntehelfer arbeitete und für die daher „Zeit ist Geld“ mehr als alles andere galt, nahm sich Stunden Zeit, um einem Fremden wie mir zu helfen. Wo nicht einmal ein Abschlepper gehalten hatte. Als ich im Auto das Tamale anhob, fand ich meine 20 Dollar in der Folie. Ich stieg aus und rannte zurück und hielt dem Mann das Geld hin. Er schüttelte den Kopf und sagte mit einem Lächeln auf Englisch: „Heute du, morgen ich“. Dann fuhr er los. Ich saß noch eine Weile im Auto und aß das beste Tamale meines Lebens, platt vor Rührung. Es war ein hartes Jahr gewesen und nichts schien für mich  gut zu laufen. Das, was gerade passiert war, war so außergewöhnlich – ich wusste nicht damit umzugehen.

Die letzten Monate seit diesem Ereignis habe ich selbst ein paar Reifen gewechselt, ein paar Menschen mit zur Tankstelle genommen und bin sogar einmal 50 Meilen Umweg gefahren, um ein Mädchen zum Flughafen zu bringen. Ich nahm kein Geld dafür an. Doch jedes Mal, wenn ich helfen konnte, fühlte ich mich, als hätte ich etwas auf einer Bank eingezahlt…

Trainer benutzen gerne die Metapher des Beziehungskontos. Wie ein Bankkonto misst es den Umsatz an Geben und Nehmen in der paarweisen Beziehung. Bei der ersten Begegnung wird es sozusagen eröffnet. Beziehungen sind umso intensiver, je höher der Umsatz ist,  wie sich Menschen gegenseitig ihre Bedürfnisse erfüllen. Ist das Konto im Überschuss hält die Beziehung auch einmal Phase aus, in der eine Seite nur abhebt. Daher ist es wichtig, in guten Phasen immer wieder bewusst Einzahlungen auf die Beziehungen zu machen. Der Mann mit den drei Verkehrspannen hat sein Glückskonto von der mexikanischen Familie so reich aufgeladen bekommen, dass er Auszahlungen an eine Vielzahl von fremden Menschen machte, um sein Glück zu teilen und es so zu vermehren…

Wenn wir uns fragen, was die Währung ist, mit der wir auf das Beziehungskonto einzahlen, so dass der andere Glück empfindet, dann landen wir schnell bei der (Schale voller) Liebe

 

[*] Frei übersetzt nach Justin Horner „The Tire Iron and the Tamale“ zu lesen auf reddit.com.

 


 

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