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Lerneinheit Positive Fehlerkultur – Von Scham und Beschämung

von Juni 30, 2026Blogs

Stephan Marks ist einer der wichtigsten deutschen Forscher zum Thema Scham.  Er selbst nennt Scham eine tabuisierte Emotion oder auch das „Aschenputtel“ unter den Gefühlen. Aktuell ist sein Grundlagenwerk von 2007 in einer erweiterten Neuauflage erschienen.[1] Auf über 200 Seiten widmet er sich der Scham und würdigt ihre Funktion im Kontext sozialen Miteinanders. Wer in sozialen Systemen wirklich eine grundlegend positive Fehlerkultur aufbauen will, kommt nicht umhin, sich mit seinen Forschungen zum Thema Scham und Beschämung auseinander zu setzen. Und mit den eigenen Werten und der eigenen Würde und v.a. dem Wahrnehmen und Sprechen über die Scham. 

Vier Quellen von Scham

Marks beschreibt Scham als menschliches Gefühl, das unser Denken und Handeln stärker prägt als uns bewusst ist. Scham berührt die Verletzlichkeit menschlichen Lebens. Als soziale Verletzung stellt sie eines der schmerzhaftesten Gefühle dar. Sie wird  darum als extrem unangenehm bis unaushaltbar erlebt und deshalb am liebsten verdrängt oder verborgen. So aber wird sie mehr und mehr ein blinder Fleck menschlichen Verhaltens.

Scham gilt in der Psychologie (Entwicklung des moralischen Gewissens) als eine soziale Emotion. die sich im Laufe der menschlichen Entwicklung in Stufen ausgestaltet. Marks unterscheidet dementsprechend verschiedene Quellen von Scham, je nach zugrunde liegendem sozialen Bedürfnis:

  • Anerkennung:

    Wird jemanden in seinen Gefühlen chronisch missachtet, nicht gesehen oder nicht ernst genommen, dann verletzt das das Selbstwerterleben. Schon bei Säuglingen führt das zu Bindungstraumata. Weil dies bei vielen Menschen eine Urwunde berührt, sind Blaming und manipulativen Anerkennung als gewaltvolle Verführungsmethode in Dominanzsystemen so wirksam. 

  • Schutz der eigenen Grenzen:

    Wird die eigene Intimität oder Grenzen der eigenen Individualität körperlich oder seelisch verletzt, oder fühlt man sich bloßgestellt, dann trifft dies ein elementares Schutzbedürfnis. Die Übergriffigkeit überflutet den Menschen in seiner Ohnmächtigkeit.

  • Zugehörig:

    Ausgeschlossen sein, ausgegrenzt, abgewertet, verachtet. Werten und Normen anderer nicht genügen, gespiegelt bekommen „du bist nicht oK“ und die Sorge darum, was andere denken könnten. Das ist für soziale Wesen eine kaum aushaltbare Beschämung. Um das Gefühl nicht dazuzugehören zu vermeiden, passen sich Menschen an die Erwartungen anderer an und finden Kompensationsmechanismen.

  • Gewissen:

    Gegen die eigenen Werte, moralischen Überzeugungen, innere Wahrheit zu handeln, führt reife Menschen dazu, sich nicht mehr selbst in die Augen schauen zu können. Mit eigener Schuld und dem Verletzen der eigenen Integrität und Würde ist schwer ein Umgang zu finden.

Mechanismen der Schamabwehr

Statt seine Scham offen zu zeigen und zu ihr zu stehen, wird Scham aus vermeintlichem Selbstschutz fast reflexhaft abgewehrt. Oder sie wird gegen andere umgekehrt: weil ich die Scham nicht aushalte, beschäme ich andere und werde im Teufelskreis der Gewalt zum Täter. Scham zeigt eine tiefe Überlebensnot und gerade das verletzte Grundbedürfnis nach sozialer Bindung ist für den Menschen als soziales Wesen  kaum aushaltbar. Da Scham darum nicht gefühlt werden will, bleibt sie oft oberflächlich unsichtbar und wirkt im Verborgenen. Um unser „Überleben“ zu sichern, bringt sie uns dazu, in vorgebahnte Kompensationsmuster zu springen. Nur um keinen Schmerz zu fühlen. Unser Verhalten in bestimmten Trigger-Situationen wirkt dann unauthentisch und der Situation gegenüber unangemessen übertrieben. 

Schamabwehr kann viele Gesichter haben wie

  • Wut, Hass, Groll, Rache, (verbale & körperliche) Gewaltbereitschaft, Aggression, Schuldzuweisung, 
  • Neid, Ressentiment
  • Arroganz, One up, Hochmut, Trotz, Maske, Lüge, Rechtfertigung
  • Perfektionismus, übertriebener Ehrgeiz, Idealisierung, Größenphantasie – Unbarmherzigkeit gegen sich 
  • Emotionale Erstarrung, Rückzug, Bindungsverlust, Kontaktabbruch, Einigeln, sich verschließen
  • Zynismus, Pessimismus,
  • Ablenkung, Clownverhalten, gute Mine zum bösen Spiel, Schamlosigkeit, Unverschämtheit
  • Suchtverhalten und Konsum als typischer Teufelskreis von Sucht und Scham
  • Abwertung, Verachtung und Beschämung von sich selbst oder anderen Menschen 

Da sie durch derlei Abwehrverhalten so verdeckt ist, wird Scham leicht übersehen.. 

Wirkung von Scham

Gesunde und zerstörerische Scham

Scham zu empfinden hat einen gesunden Kern als moralischem Kompass, damit soziales Miteinander gelingen kann. Menschen sind keine Übermenschen und haben keine Chance, stets allen idealisierten Wertvorstellungen zu genügen. Wahrhaftige Fehlerkultur bedeutet, dies als Fakt anzunehmen und zugleich stets nach dem Guten zu streben. Wer seinen eigenen Fehlverhalten gegenüber nachsichtiger wird, kann auch toleranter mit anderen sein. So dass es überhaupt erst möglich wird, gesunde Scham zu empfinden und darüber miteinander zu sprechen. 

In der Beschämung von außen steckt dagegen eine Abwertung als Person, die als emotionale Gewalt bewertet werden muss. Sie führt in eine zerstörerische Scham. Gerade chronische Beschämung und Verachtung. wiederholte Demütigungen und emotionale Vernachlässigung durch Menschen, die als Bezugspersonen wichtig sind oder waren, führt in eine traumatische Überwältigung und zu Bindungstraumata. Häufig sind ein geringes Selbstwertgefühl, Beziehungsunfähgkeit, starke Selbstkritik, Depressionen, Aggressionen und soziale Isolation eine Folge. Die Symptome lassen sich nur Schritt für Schritt  in der eigenen Entwicklung (heraus aus der Verwicklung) durch zunehmendes Bewusstsein für die Urauslöser überwinden.

Gesunde Fehlerkultur

Scham kann nur dienlich verarbeitet und aufgelöst werden, wenn man lernt, sie wahrzunehmen und sich ihr bewusst zu stellen, statt sie zu verdrängen und sie unbewusst gar auf andere umzuleiten und weiterzugeben. Ziel ist es, die hilfreiche Funktion der Scham zu verstehen und ihre schädlichen Wirkungen zu reduzieren. Dabei ist wichtig, Scham nicht den Beigeschmack von Schuld zu geben. Scham gibt einen Hinweis auf unerfüllte tiefe moralische oder zwischenmenschliche Bedürfnisse. Es gilt, darüber sprechen zu lernen und eine respektvolle, würdigende Haltung zu sich selbst und anderen einzunehmen. Selbstmitgefühl und das eigene Empfinden spielen dabei eine zentrale Rolle. Beschämungen sind aufzudecken. 

Es geht – gerade wenn es um eigene Werte und Menschenwürde geht – darum, Kritik oder Rückmeldungen klar in der Sache, in einer grundpositiven Haltung zum Menschen ohne Beschämung wahrnehmen und besprechen zu lernen. Statt Kritik aus Angst davor zu vermeiden, dass sie Scham auslösen kann („du musst dich nicht schämen“), oder Menschen bloß und an den Pranger zu stellen („schäm dich“), darf sie  coregulierend wirken und menschliche Entwicklung unterstützen. Erst in der respektvollen Zumutung und Auseinandersetzung mit eigenen menschlichen Fehlern kann Scham ihre eigentliche Funktion erfüllen und ein konstruktiver Impuls für die weitere moralische Entwicklung werden. Und dazu braucht es Achtsamkeit und kommunikatives Feingefühl, den anderen nicht unbewusst zu beschämen.

Scham und menschliche Würde

Wird in der Bewusstseinsbildung Scham ehrlich gefühlt, entsteht eine Durchlässigkeit, so dass auch Bedauern und Reue wahrhaftig möglich werden. Das schafft Resonanz in sozialen Beziehungen. Es kommt an und fällt ins Herz. Schnell dahergesagte Entschuldigungen verhindern hingegen eher die Heilung von Beziehungen. Gegenseitiges Vergeben und Verzeihen fallen leichter bei Scham und Einsicht. So wird es möglich, Schatten der Vergangenheit Schritt-für-Schritt aus dem Weg zu räumen.

Wird der Schmerz der Scham nicht mehr gefühlt, ist das Fühlen insgesamt blockiert. Der Mensch landet im unbewussten Dauermodus des Hochstresses. Unwillentliche Affekte übernehmen die Regie, um weg von der Überlebensangst zu kommen. Unwillentlich wird der Dauerstress im Körper in typischen Schamhaltungen[2] verkörpert: Statt einer würdevollen stolzen Ausstrahlung, macht sich der Mensch klein, krumm, buckelig. Der Selbstwert, die eigene Würde, ist tief verletzt und der Mensch verkörpert das regelrecht oder übermalt es übertrieben durch unstimmiges, fast karikatives Auftreten. Man lernt sich unsichtbar zu machen oder eine Rolle zu übernehmen. 

Marks sieht Scham als „Wächterin der menschlichen Würde“: Sie ist ein inhärenter Kompass des bewussten Menschen, seinen Selbstwert zu schützen. Sie ist Ausdruck seiner Begabung zur Bewusstwerdung und Selbstreflexion. V.a. ist sie Hinweisgeber für die Korrektur sozialen Verhaltens im Umgang mit sich selbst und anderen.

Anhang

Bedeutung in Gewaltsystemen – ein dunkles Kapitel der Menschheit

Marks betrachtet Scham nicht nur als individuelles Gefühl, sondern interessiert sich v.a. auch für systematische Beschämung in Machtsystemen als gesellschaftliches Phänomen. Seine Beschäftigung mit kollektiver Scham kam ursprünglich von Forschungen zur Frage, wie Menschen für den Nationalsozialismus gewonnen werden konnten.

In Dominanzsystemen, in denen Macht zum Selbstzweck geworden ist, spielt Narzissmus und Selbstaufwertung auf Kosten anderer eine Rolle. Lob und Beschämung – in allen vier Ebenen – hat als Machtmittel und Mittel tiefer emotionaler Gewalt darin System. Kaum jemand erkennt,  dass es doch nur ein perfides Schamabwehrprogramm der Mächtigen ist, das Massen kleinhalten will.[3] Es zeigt sich z.B. dass systematisches Beschämen und Kleinmachen im Militär, dazu führt, dass Menschen bereiter werden, in den Krieg zu ziehen. Minderheiten, die weniger gefestigt sind und sich zu Opfern machen lassen, werden in schambehafteten Umgebungen leicht zur chronischen Projektionsfläche der Scham anderer. Die Schande wird regelrecht auf sie abgeladen, so dass die Mehrheiten den Schmerz ihrer Scham nicht fühlen müssen.

Dazu ist zu verstehen, dass die „Pädagogik der Beschämung“ statt Beziehung ein Jahrhunderte altes Erziehungskonzept ist, um Menschen in Systemen und ihren Regeln „funktionsfähig“ zu machen. Das Schamgefühl entsprechend gedemütigter Menschen und ihr Hunger nach wahrhaftigem Gesehenzuwerden sind leicht in Wut gegen andere zu kanalisieren, wenn ein Heilsbringer kommt, der von der eigenen Scham erlöst und sie in Wut nach außen richtet. So wird  die Schamspirale als Teufelskreis emotionaler Gewalt immer weiter angeheizt. Die Geschichte ist voll mit Beispielen. Stephan Marks zeigt, dass Scham ein Schlüssel zum Verständnis vieler persönlicher und gesellschaftlicher Gewaltentwicklungen ist.

 

[1] Vgl. Stephan Marks (2026): Scham – über die tabuisierte Emotion, Patmos Verlag, Düsseldorf, Neuauflage. 

[2] Akute Schamreaktionen des Körpers zeigen sich besonders am Kopf: Kopfsenken, Blickkontakt vermeiden, Rotwerden (Adrenalin) oder Bleichwerden.

[3] Es ist keine 100 Jahre her, da zeigte der Nationalsozialismus in Deutschland, zu welcher Bestialität Menschen fähig sind. So wurden z.B. die Menschen, die im Nationalsozialismus ins KZ eingeliefert wurden, systematisch jeglicher Menschenwürde beraubt. Sie wurden auf allen Ebenen systematisch menschenunwürdig beschämt: 

  • Anerkennung: Ihnen wurde ihre Identität genommen und eine Nummer und Winkelfarbe zugewiesen.
  • Schutz der eigenen intimsten Grenzen: Bei ihrer Ankunft wurden sie entblößt, am ganzen Körper rasiert und mit den Schnittverletzungen in ein Desinfektionsbad getaucht.
  • Zugehörigkeit: Ihnen wurden alle menschlichen Rechte entzogen. Das Lager war ein rechtsfreier Raum. Dort waren sie unter menschenunwürdigen Bedingungen eingesperrt. Sie wurden im „Sklavendienst“ bis zur Erschöpfungsgrenze ausgebeutet und waren der Gewaltwillkür schutzlos ausgeliefert.
  • Gewissen: Es wurde eine Häftlingshierarchie aufgebaut, um das Lager mit vergleichsweise wenig Wachpersonal zu kontrollieren. Häftlinge wurden zu Mittätern gemacht indem es  ihnen bewusst ermöglicht wurde, sich selbst  Hafterleichterungen zu verschaffen.