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Lerneinheit Biografiearbeit – Von 7 Jahre Zyklen und 7 Stufen der Moral

von Apr 14, 2020Blogs

Wer kennt nicht die Woche als Rhythmus von 7 Tagen? Oder das so g. verflixte 7. Jahr? [1] Der Mensch verändert sich alle 7 Jahre. Und bei Hunden wird ein Lebensjahr gern in 7 Menschenjahre umgerechnet. Zeigt nicht die lange Distanz von 7 Jahren, dass Leben stetige Entwicklung, Wandel und Reifung bedeutet? Und dass es uns durch so manche Krise führt?

Quasi alle 7 Jahre kommen wir auf in neue Phase des Lebens. Oder wie der Volksmund es sagt, wechseln wir unsere Haut. Dabei finden äußere und innere Wandlungen statt: Auf die Anthroposophie von Rudolf Steiner geht die Aussage zurück, dass der menschliche Körper sich alle 7 Jahre in Gänze verändert habe. Nämlich indem er in dem Zyklus fast alle physische Materie abgeschieden und erneuert hätte. Diese Theorie hat viel für sich, ist aber zumindest für das menschliche Herz widerlegt. Doch nicht nur der Körper, auch die Psyche entwickelt sich stetig.

In der persönlichen Biografiearbeit wird die Reife im Leben des Menschen gerne prototypisch in 4 Abschnitte aus mehreren Jahrsiebten gegliedert. [2] Ebenso können wir das auf soziale Systeme übertragen. Dann sehen wir, in der Kulturarbeit dauert es 7 Jahre, einen Wandel zu etablieren. Und auch die 7 Stufen der moralischen Entwicklung nach Lawrence Kohlberg folgen dieser Idee. Doch sieht Kolhlberg nur die wenigsten Menschen sich in Bewusstsein, Gewissensbildung und Reifung über den ersten Abschnitt hinaus entwickeln und den rechten Umgang mit Nähe und Distanz zu sich und zu anderen zu finden. Entwicklung ist eben doch kein Selbstläufer.

7 Jahres Lebenszyklus

Die ersten 21 Jahre der leiblichen Entwicklung (0-21): Kindheit/ Jugend

  • Die 1. Lebensphase ist von leiblicher Entwicklung und starkem körperlichen Wachstum geprägt. Bis Mitte des ersten Jahrsiebts bilden sich Sinnes- und zentrales Nervensystem aus. Das Ich-Bewusstsein erwacht, sobald das Kind zum ersten Mal “Ich” zu sich selbst sagt. Danach folgt eine Trotzphase, in der sich das Selbst behauptet. Bevor dann um das 7. Lebensjahr mit der Schulreife der Zahnwechsel kommt und ein Bewusstsein für Zeit erwacht.[3]
  • Im 2. Jahrsiebt reift das rhythmische System der Atmung und Zirkulation. Damit werden die Gefühle wacher. Nun ist das Kind stärker in sich gekehrt und träumerisch. Aber auch aggressiv und mit seinen Gefühlen überfordert. Die Pubertät beginnt. Den Lebensabschnitt prägen starke körperliche Veränderungen bis um das 14. Lebensjahr das Kind geschlechtsreif ist. 
  • Dann im 3. Jahrsiebt reifen Knochen, Muskeln, Sehnen, Reproduktions- und Stoffwechselsystem aus. Die Jugend ist die Zeit des In-Frage-Stellen gerade der vermittelten Werte. Die elterliche Autorität wird durch die Autorität einer Peer-Group getauscht. Doch bleibt die elterliche Führung oft bis zum 21. Lebensjahr fundamental, um die Weichen im Leben zu stellenl.

Die zweiten 21 Jahre der seelisch geistigen Entwicklung (21-42): Erwachsensein

  • Die stoffliche Erneuerung des physischen Leibes setzt sich in einem 7 Jahres Rhythmus fort. Dabei verlangsamt sich der Aufbau und der Abbau wird markanter. Entwicklung verlagert sich mehr auf die geistige Ebene. Nun ab dem 21. Lebensjahr legt sich der Fokus mehr auf Selbstverwirklichung und das Gestalten des eigenen Lebens. Am sozialen Leben ausgerichtet erkennen Menschen ihre Talente und Stärken und die Bedingungen, unter denen sie effektiv sind. Dann steigen sie in den Beruf ein und richten sich auf ihre Karriere aus. Es ist oft eine Phase höchster Produktivität und oft der Beginn der Familiengründung.
  • Das autonome Ich ist ausgebildet. Und der Mensch verarbeitet unabhängig, was er aufnimmt. So kann er seine Individualität entfalten und sichtbar sein. Zugleich reift das Bewusstsein weiter aus. Dabei sind die Dreißiger eine Phase enormer Leistungsbereitschaft.
  • Im 6. Jahrsiebt lernt der Mensch gelassener mit Gefühlen zu leben und sie zu kontrollieren. So erreicht er psychische Reife.

Geistige Vertiefung der dritten Lebensphase (42-63): Reife

  • Nun verstärken sich Erfolg und Selbstvertrauen selbst. Auch geraten körperliche Auf- und Abbauprozesse aus dem Gleichgewicht. Die biologischen Kräfte lassen nach. Muskeln werden schwächer. Und bei der Frau hört mit den Wechseljahren die Menstruation auf. So wird die Endlichkeit des Lebens überall sichtbarer. Die typische Midlife Crisis beginnt um das 42. Lebensjahr und kann bis zum 56. dauern. Darin wird bewusst, dass die erste Lebenshälfte unwiderruflich vorbei ist. In der psychischen Verunsicherung läuft das Leben auf eine tiefe Sinnkrise zu. Diese endet häufig in einer Umorientierung.
  • Um das 49. Lebensjahr muss ein neuer, verlangsamter Rhythmus im Leben gefunden werden, der dem physischen Abbau entspricht. Die Sinnesorgane lassen nach und so findet eine stärkere innere Einkehr statt. Es ist auch die Zeit, sich mit seinen verdrängten Schatten auseinander zu setzen und sich so geistig weiter zu entwicklen. 
  • Doch ab dem 56. Lebensjahr sind die Früchte des Lebens sichtbar geworden. So zehrt der Mensch von seinen Erfahrungen, überwindet oft sein Ego und fragt sich, was er mit dem bis dato Erreichten für die Welt tun kann. Das Ende des Berufslebens und Renteneinstieg stehen an (künftig ja erst ab 67).

Tiefe Verinnerlichung in der vierten Lebensphase (64-84+): Alter

  • Der Beginn der Rente ist ein weiterer tiefer Umbruch. Man verliert jäh eine Aufgabe, einen bisherigen Sinn im Leben und nicht zuletzt institutionelle Anerkennung. Darauf sollte man vorbereitet sein, um die Chance des Neubeginns zu nutzen und nicht in Langeweile und Depression zu sinken. Die Weisheit des Alters ist davon geprägt, über sich selbst in Generationen hinaus zu denken und auf allen Ebenen die Früchte eines gelebten Lebens zu ernten. Der Mensch wendet sich vertieft den großen Fragen des Lebens zu. Es entfaltet sich ein größeres Bewusstsein. So realisiert er sich mehr und mehr als Persönlichkeit in der Welt. 

 

Die 7 Stufen der Moral nach Kohlberg

Gewissensbildung, moralische Reife und Übernahme von Verantwortung liegen nicht in den Genen. Vielmehr entwickeln sie sich aus Erziehung, Bildung, Prägung, Fähigkeiten, Erfahrung, Austausch. Z.B. ist soziale Auseinandersetzung mit moralischen Dilemmata ein Zeichen des Reifeprozesses [4]. Und eine Gesellschaft tut gut daran, sie zu begünstigen.

 

Reifegrad Modell nach Lawrence Kohlberg

Kohlberg hat sein Reifegrad Modell immer wieder empirisch überprüft und erweitert.

Stufe der moralischen Reife
1 Frühkindlicher Gehorsam gegenüber Autoritäten und ihren Regeln, um Strafe zu vermeiden.
2 Kinder lernen, ihr Verhalten reziprok am Anderen auszurichten. Sie reagieren kooperativ auf kooperatives Verhalten und rächen sich für erlittenes Leid (tit for tat/ wie du mir so ich dir).
3 Jugendliche erkennen die moralischen Erwartungen Anderer und die Bedeutung für das Funktionieren der Gesellschaft. Sie wollen dem gerecht werden. Und selbst haben sie auch Erwartungen an Verhalten und Intention Anderer. Gewissen und Schuldempfinden orientieren sich an geltenden Normen, Gesetz und Ordnung.
4 Im Übergang zum Erwachsenen lösen sie sich von Konventionen. Sie hinterfragen Normen und folgen Autoritäten nicht mehr blind. Eigenen Ansichten und Empfindungen werden wichtig. Wenn ihre Moral auch noch nicht kohärenten Prinzipien folgt, gelingt doch einigen bereits ein Reifesprung.
5 Nur einleuchtende moralische Normen werden noch anerkannt. Autoritäten und ihren Regeln wird nicht blind gefolgt, das eigene personale Gewissen wird befragt. Doch nur etwa 25% der Menschen ab 21 erreichten diese Stufe.
6 Moral bemisst sich von der Vernunft her an eigenen ethischen Prinzipien. Unabhängig von Regeln, Recht und Gesetz. Ethisches Handeln wird Selbstzweck. Diese Reifestufe wird von weniger als 5% der Menschen erreicht.
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Kohlberg hat später als weitere Stufe die Weisheit vorgeschlagen, in der moralische Urteile transzendental begründet werden. Das reife Individuum entfaltet sich aus der Tiefe seines Seins und tritt aus der eigenen Individualität heraus. Jenen Ursprung des Seins kann man religionsübergreifend als Gott bezeichnen. [5]

Personsein

Ähnlich ist der Mensch für Scholz ein personal werdendes Wesen. Mit einem nur im Keim angelegten Gewissen (sittlichen Bewusstsein) entfaltet es sein inneres Wesen bis zum Tod.[6] Das personale Gewissen, das die geistige Reife und Bewusstheit des Menschen umfasst, ist der innere Kompass des Menschen. Dieser ist nicht wie bei Tieren durch Instinkte und Emotionen (Es) und nicht durch Abhängigkeiten von Autoritäten (Über-Ich) determiniert. Vielmehr besitzt der Mensch die Freiheit der Entscheidung (und damit der Verantwortung). Das reife Gewissen entwickelt sich – nach der Emanzipation von äußeren Autoritäten – in autonomer Freiheit und mit dem Willen, die Bedürfnisse der Anderen zu achten.

Die Würde des Menschen bestimmt sein Personsein aus eigener innerer Führung heraus. Die Übereinstimmung mit der inneren Haltung macht Verhalten des reflektierten Menschen kohärent und stimmig. Dialogfähigkeit (zu Austausch, Aussprache, Kritik) wächst mit Reflexion und Willen mit zunehmender psychischer Reife. Rein außengeleitete Menschen wären unfähig zu Dialog und Entscheidung – Wissen wäre statisch, alle Antworten wären vorgefertigt. Eine reife gesunde Persönlichkeit weiß um die Dynamik von Entwicklung und bleibt offen für Impulse von innen und außen.

 

Biografiearbeit: Die persönliche Lebenslinie

Betrachten Sie dIhr eigenes Leben im Rückblick in den wichtigen großen Meilensteinen. Es gibt in Ihrem Leben nichts Spannenderes!

  • Zeichnen Sie einen Zeitstrahl mit 7 Jahres Abständen bis zu Ihrem heutigen Lebensjahr. Die y-Achse stellt ihr Glücksniveau im Rückblick aus heutiger Sicht dar. Zeichnen Sie in das Schaubild Ihre Lebenslinie.

Notieren Sie dazu:

  • Was war Ihr bedeutsamstes Erlebnis in jeweils welchem Jahrsiebt?
  • Was nehmen Sie aus welchem Jahrsiebt an wesentlichen Erfahrungen mit?
  • Und was waren Ihre wichtigsten (Gewissens-) Entscheidungen im jeweiligen Jahrsiebt?

Viel Freude bei der Arbeit mit Ihrer Biografie!

 

 

[1] Die 7-Tage-Woche ist ein jüdiches Erbe in unserer Kultur. Die Zahl 7 spielt auch in der Zahlensymbolik der Bibel eine zentrale Rolle. Im Mittelalter steht die 3 für die nach dem dreifaltigen Gott geschaffene Seele und alle geistigen Dinge. Die 4 steht für die Zahl der Elemente und damit symbolisch für die materiellen Dinge. Die 7 symbolisiert als Summe beider den Menschen.

[2] Vgl. Burkhard, Gudrun (1993): Das Leben in die Hand nehmen. Arbeit an der eigenen Biographie, Stuttgart.

[3] In der Psychoanalytik nach Carl Gustav Jung stellt das Selbst das Zentrum der menschlichen Psyche dar, die das Bewusstsein und das Unbewusste umfasst. Das Ich stellt den bewussten Teil des Selbst dar. Wachsende Bewusstwerdung bezeichnet C. G. Jung als Selbstverwirklichung oder Individuation. Das Selbstbewusstsein ist damit Grund und Ziel der persönlichen Entwicklung des Menschen, ein der Person innewohnendes Entwicklungsprinzip, das auf persönliche Ganzheit ausgerichtet ist.

[4] Von Kohlberg stammt das Heinz Dilemma: Die Frau von Heinz ist sterbenskrank ist. Der einzige Apotheker der Stadt hat ein Medikament entwickelt, das die Frau heilen könnte. Trotz Bemühungen von Heinz, ist der Apotheker nicht bereit, das Medikament günstiger zu verkaufen. Heinz gelingt es nicht, das Geld aufzubringen. Verzweifelt bricht Heinz in die Apotheke ein und stiehlt das Medikament für seine Frau. Es geht hier um zwei nicht zu vereinende moralische Normen. Was tun? So oder so ist die Entscheidung nach gängigen Normen falsch. Wie begründet die reife Persönlichkeit ihre Gewissens-Entscheidung?

Helmut Schmidt hat eine Gewissens-Entscheidung zum politischen Durchbruch verholfen:

Der 43 Jahre junge Hamburger Polizeisenator Helmut Schmidt zeigt 1962 Bereitschaft zur Verantwortung. Als Schmidt davon erfährt, dass die Sturmflut die Deiche weggespült hatte, übernimmt er wegen der Abwesenheit des Bürgermeisters beherzt die Führung des Katastrophenstabes. Er überschreitet Paragraphen und Gesetz und ordert tausende Soldaten zur Versorgung und Rettung von 60.000 eingeschlossenen Bürgern. Er entscheidet im Krisenmanagement bewusst und rettet Leben.

Ähnlich 15 Jahre später. Helmut Schmidt ist nun Bundeskanzler im Terror Jahr 1977. Im Oktober 1977 wird die Lufthansa Maschine Landshut auf dem Weg von Mallorca nach Frankfurt mit 87 Menschen an Bord von Palästinensern entführt. Elf in Deutschland einsitzende RAF Terroristen sollen freigepresst werden. Helmut Schmidt entschließt, nicht auf die Forderungen einzugehen und schickt dem Flugzeug die Spezialeinheit GSG9 hinterher. Auf dem Flugfeld in Mogadischu stürmt das Kommando die Maschine, kann alle Passagiere befreien und drei der vier Terroristen erschießen. Schmidt hatte für den Fall des Fehlschlags der Aktion bereits sein Rücktrittsgesuch angefertigt. Schmidt sorgte so dafür, dass der deutsche Staat nicht erpressbar ist und brachte den RAF Terroristen die entscheidende Niederlage bei. Am Ende wurde Hanns Martin Schleyer kaltblütig getötet, der für die Entführer wertlos geworden war.

[5] Gewissenserlebnisse dürften so alt sein wie die Menschheit selbst. Auch primitive Völker erkannten in der eigenen Mitte die Stimme Gottes.

[6] Vgl. Scholz, Franz (1975): Das Licht in Dir (Lk11,35), Kyrios-Verlag Meitingen Freising.


Mit unseren Blogs geben wir Ihnen Mini-Schulungen an die Hand

Immer neue Inspiration, Fort- und Weiterbildung sind im digitalen Zeitalter v. a. für s. g.  Wissensarbeiter wichtig. Es gilt, der persönlichen Reflexion und dem Abgleich mit Wahrnehmung immer wieder Raum zu geben. Die digitale Transformation verändert und vernetzt unsere Welt. Wissen wird blitzschnell in z.T. höchster Qualität virtuell geteilt. Einfach nur ins Web gestellt. Es kann so in kürzester Zeit in immer neuen Kontexten neu verknüpft werden. Dazu leisten auch wir bewusst einen Beitrag. Berater des 21. Jhd. verkaufen kein Wissen an sich. Sie verknüpfen es mit praktischen Lösungen. Zum Nutzen des Kundens. Damit die Lösungskompetenz nachhaltig in der Organisation verankert wird, ist uns dabei die offene Umsetzung mit den Leistungsträgern in der Organisation wichtig. Es ist ein Arbeiten an und für die Organisation in der realen Welt. Von Mensch zu Mensch, Face to Face.

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