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Lerneinheit Stimmigkeit – Von Wesens- und Situationsgerechtigkeit

von Apr 15, 2017Blogs

Wie geht stimmige Kommunikation über den Umgang mit der eigenen Stimme hinaus? Wie spiegeln Kommunikation und Verhalten innere Stimmigkeit? Wie definiert sich Stimmigkeit im 4-Felder-Konzept darüber, wesens- und situationsgerecht zu sein?

 

Innere Haltung und stimmige Kommunikation.

Von Ärzten und Pflegenden, die in eine Führungsposition kommen, wird quasi über Nacht erwartet, ein Team von Mitarbeitern zu führen und den richtigen Ton zu treffen. Nun sollen sie kommunikative Kompetenzen beherrschen, die in ihrem bisherigen Berufsleben oft nicht in dieser Art gefragt waren.[1]

Vielen Unternehmen ist die Bedeutung der Kommunikation ihrer Führungskräfte längst bewusst. Sie arbeiten an Rhetorik, überzeugender Argumentation, passender Formulierung und dem Einsatz der Stimme. Dabei geht Kommunikation über die gesprochenen und verstandenen Worte hinaus. Menschen kommunizieren mit Körpersprache, Stimmlage, Tonalität, Mimik und Gestik. V.a. senden sie unbewusst ständig Signale, die ihre innere Haltung transportieren. Diese Signale sind ausschlaggebend dafür, wie sie und damit auch der Inhalt des Gesagten beim Anderen ankommen. Alle äußeren Faktoren, wie die Körperhaltung, hängen von dem ab, was den Menschen im Inneren ausmacht und bewegt. Wirkung ist von daher erst dann wirklich zu verbessern, wenn die Kommunikation „stimmt” und der inneren Überzeugung entspricht. Äußere und innere Haltung beeinflussen sich gegenseitig. So  kann sich nur über eine zur inneren Haltung stimmige Kommunikation sowohl bei der Führung selbst als auch bei ihren Mitarbeiter eine klare und auf Dauer stabile Orientierung entwickeln.

Die innere Haltung hat viele Facetten. Hilfreich ist es, bei der Reflexion im professionellen Kontext von Führung drei Ebenen zu unterscheiden: 

  • Die innere Haltung gegenüber sich selbst.
  • Die innere Haltung gegenüber dem Anderen als Gesprächspartner.
  • Die innere Haltung gegenüber der eigenen Rolle im Gespräch, v.a. die Passung zwischen Führungsrolle und eigener Überzeugung.

Stimmig und nachhaltig wirksam zu kommunizieren ist eine notwendige Kompetenz von Führung.

 

4-Felder-Konzept der Stimmigkeit

Stimmig oder kohärent heißt, wesens- und situationsgerecht sein

Kleine Kinder in den ersten drei Lebensjahren – vor den Entwicklung des ICH Bewusstseins – verhalten sich in jeder Situation wesensgemäß (authentisch). Direkt so wie es ihnen emotional geht. Gehen Sie z.B. mit einem Kleinkind in den Supermarkt und verweigern Sie ihm ersehnte Süßigkeiten, dann erleben Sie es ganz authentisch. Situationsgerecht kann man den Wutausbruch mit Tränen, Geschrei und Gebrüll “Ich will aber!” und sich mitten auf den Boden zu werfen jedoch nicht bezeichnen. Welche Eltern bringen in einer solchen Situation den Mut auf, sich – ebenso wesensgerecht – daneben zu schmeißen und zu schreien, „Ich mag das auch nicht mehr“ bis das Kind aufsteht, um dem seltsamen Verhalten des bis dato vernünftigen Erwachsenen ein Ende zu setzen…

Starke negative Emotionen sind Hinweise, dass mir etwas nicht passt. Dass etwas den eigenen Werten und Bedürfnissen zuwider läuft. Die Wahrnehmung der inneren Regung ist eine Ressource – v.a. wenn auf sie nicht unreflektiert und impulsiv reagiert wird. Das wäre zwar authentisch wie beim Kleinkind, aber eben nicht der Situation angemessen. Mit unkontrolliert ausagierten Emotionen ist schnell Porzellan zerschlagen, das sich so leicht nicht mehr kitten lässt. Es ist daher nicht zu raten, bei Stress und auf emotionale Trigger hin authentisch zu explodieren. Nach einer Nacht sieht die Sache bewusst und nüchtern betrachtet doch oft schon wieder anders aus und dann lässt sich ja immer noch reagieren. Reflektiertes Verhalten ist meist fruchtbarer. Oder wie es der Schöpfer des Peter Prinzips, Laurence J. Peter, ausdrückte: “Sprich, wenn du wütend bist, und du wirst die beste Rede halten, die du jemals bereuen wirst.” Im kleinen Moment zwischen Reiz und Reaktion liegt die Freiheit des reifen Menschen. Die Freiheit über sein Verhalten selbst bewusst zu entscheiden…

So lernen Menschen in der Gesellschaft sich situativ willentlich anzupassen und verlernen dabei nicht selten einen wesensgemäßen Zugang zu sich selbst über die eigenen Emotionen. V.a. in neuen Rollen, in denen es noch einer Orientierung bedarf, wird zuerst der situationsgerechte Zugang gesucht. Gerade in den ersten Tagen in neuer Führung gibt es bei vielen, die ihre Sache gut machen wollen, eine hektische Suche nach situativ passenden Rezepten und Anleitungen. Es folgen mehr oder weniger vergebliche Versuche, durch die ganze Fülle der Ratgeber hindurch Orientierung zu finden und Wissen aufzubauen. Am Ende des Strebens nach situationsgerechtem Know-how von Außen mag es einem wie Faust zumute sein:

Habe nun, ach! Philosophie, Juristerei und Medizin,… studiert, mit heißem Bemüh’n.
Da steh ich nun, ich armer Tor! Und bin so klug als wie zuvor;
Heiße Magister, heiße Doktor gar, Und ziehe schon an die zehn Jahr,
Herauf, herab und quer und krumm, Meine Schüler an der Nase herum.
Und sehe, dass wir nichts wissen können! Das will mir schier das Herz verbrennen.
Dass ich erkenne, was die Welt Im Innersten zusammen hält,
Schau alle Wirkenskraft und Samen. Und tu nicht mehr in Worten kramen.

(aus: Johann Wolfgang von Goethe – Faust I)

 

Erst der autonome innere Halt in der Weisheit des eigenen Herzens lässt uns mit der Erfahrung erkennen, dass Außenleitung durch Wissen und Vernunft alleine noch keine stimmige bzw. kohärente Führung ausmachen. „Stimmiges“ Verhalten aber ist in doppelter Übereinstimmung wesensgemäß authentisch und situationsgerecht passend. [2]

Stimmigkeit ist die Rollenprofessionalität der reifen Persönlichkeit. Stimmig entfaltet die Persönlichkeit Wirkung. Das Lernfeld besteht darin, dass sich situationsadäquates Verhalten und Kommunikation dem eigenen Wesens anpassen soll, damit der Mensch im Einklang mit sich selbst wirkt – situativ angemessen und authentisch in Einklang mit sich selbst.

situationsgerecht (außen) nicht situationsgerecht (außen)
mir wesensgerecht (innen) stimmig unstimmig-daneben
mir nicht wesensgerecht (innen) unstimmig-angepasst unstimmig-sonderlich

 

Dauerhafte Stimmigkeit (Kohärenz) gibt es nicht, nur stimmige Momente. Unstimmigkeit ist für das Hirn Stress. Es ist immer bestrebt, Energie zu sparen. Daher schafft es mitunter auch die Illusion der Stimmigkeit durch

  • selektive Wahrnehmungsfilter (Fokus auf das, was sich ins eigene Weltbild einfügt – ich kann nur “wahr” nehmen, was ich denken kann)

Unser Hirn nimmt ca. 11 Mio. Bits pro Sekunde auf. Aber nur 20-40 Bits (0,0002%) kann es im Bewusstsein verarbeiten. Zugleich können wir bewusst nur einen Gedanken zu einer Zeit denken. Unter Stress und Angst fokussiert sich unsere Wahrnehmung noch weiter gegenüber dem entspannte Zustand, Seitenreize werden immer stärker ausgeblendet. Im entspannten und achtsamen Zustand, lassen wir die Welt in uns hinein, nehmen viele Dinge gleichzeitig auf unterschiedlichen Ebenen wahr und kommen so in einen kreativen zutiefst stimmigen Modus.

  • kognitive Dissonanz strebt nach Auflösung (Umdeutung von abweichenden Wahrnehmungen, um Dissonanz aufzulösen – Nichtanschlussfähiges wird in der Regel nach 30 Sekunden wieder “vergessen”)
  • Verdrängung von Unstimmigkeit aus dem Bewusstsein ins Unterbewusste (das Unterbewusste findet seinen körperlichen Ausdruck)

 

Stimmige Kommunikation – Innere und äußere Haltung

Eine stimmige Kommunikation erst überzeugt in ihrer Natürlichkeit – mit oder ohne geschliffene Rhetorik, Argumentation und  Formulierung. Ob Kommunikation stimmig wirkt, geht weit über die Worte hinaus. Es hängt davon ab, inwieweit wir das, was wir sagen auch fühlen. Dann ist es stimmig. Unstimmigkeit  kommt beim Anderen sofort an. Und dann bildet er sein Urteil zu über 90% eben gerade nicht anhand der sachlich übermittelten Botschaft, sondern v.a. anhand der Entschlüsselung nonverbaler Kommunikation.[3] Also anhand dessen, was Körpersprache, Stimmlage, Tonalität, Mimik und Gestik übermitteln. Denn er sucht die verdeckte Botschaft hinter den Worten – das was ich über mich selbst verschweige.

Verbale und nonverbale Botschaft sollen stimmig und kongruent mit der inneren Haltung, den Gefühlen, Bedürfnissen, dem Denken sein. Es sei denn wir wollen trainieren, Masken aufzusetzen und Fassaden zu pflegen und zu uns als Mensch in Distanz zu gehen. Wo führt das auf lange Sicht hin? Das ist kein Plädoyer, der Wirkung der Worte kein Augenmerk zu schenken. Es ist vielmehr ein Aufruf, innere Haltung und nonverbaler Ausdruck achtsam wahrzunehmen.[4]

Ständig senden wir Signale, die unsere innere Haltung transportieren. Gerade diese Signale geben den Ausschlag dafür, wie wir und unsere Botschaften beim Anderen ankommen. Alle äußeren Faktoren, wie die Körperhaltung, Mimik und Gestik, hängen von dem ab, was uns als Menschen im Inneren ausmacht und bewegt. Kommunikation lässt sich daher erst dann wirklich verbessern, wenn in der Kommunikation das „stimmt“, was der inneren Überzeugung entspricht. Zwar können wir unsere nonverbale Wirkung bewusst verändern und steuern. Jedoch wird immer ein Teil unserer Wirkung von unbewussten Signalen abhängig bleiben (und die Dissonanzen werden guten Beobachtern und feinfühligen Menschen nicht entgehen). Auf Dauer braucht Führung, der andere vertrauen, daher stimmige Kommunikation.

  • Dafür ist ein gutes Selbstwertgefühl entscheidend, das das Wesen der Persönlichkeit ausmacht, sich selbst mit seinen Gefühlen und Bedürfnissen zu spüren und mit sich in seiner Rolle im Reinen zu sein.
  • So steigt auch die Fähigkeit zur Empathie gegenüber anderen.

Wer sich situations- und wesensgerecht verhält und kommuniziert, wirkt vertrauenswürdig. Geht er zudem empathisch auf den Zuhörer ein, entstehen Resonanz und Verbindung. Das wiederum ist der Nährboden guter Rede und Kommunikation.

Die innere und äußere Haltung beeinflussen sich immerfort gegenseitig – bewusst und unbewusst. Wenn Sie etwa für ein paar Sekunden die Mundwinkel hochziehen und beobachten, wie sich Ihre Stimmung erhellt, merken Sie das sofort… So schließt sich der Kreis: Wenn uns starke emotionale Regungen überkommen, verschaffen wir uns durch Fokus auf die äußere Haltung Handlungsoptionen, um nicht impulsiven Kräften in uns Ausdruck zu verleihen. Etwa können wir vor die Tür treten, tief durchatmen, Körperteile in kaltes Wasser tauchen, Herz- bzw. Pulsschlag fühlen etc. So spüren wir den Körper und kommen ins Bewusstsein im Hier und Jetzt zurück.

 

[1] Vgl. Spitzer R. B. (2004): Gegen den Strom schwimmen: Die Herausforderungen des Gesundheitswesens. In: Drucker, Peter F., Paschek P. (Hrsg). Kardinaltugenden effektiver Führung. S. 133 – 146.

In der Literatur ist das Phänomen, dass die Beförderung von Mitarbeitern in die nächste Leitungsebene häufig mehr mit ihrer Fachlichkeit in der aktuellen Position als mit den Anforderungen der neuen Position zu tun hat, als „Peter-Prinzip“ bekannt. Benannt nach dem Urheber der Überlegung Laurence J. Peter. Vgl. Laurence J. Peter; Raymond Hull (1972) Das Peter-Prinzip oder die Hierarchie der Unfähigen, Kapitel 1.

[2] Vgl. Schulz von Thun, Friedemann (1998): Miteinander reden, 3. Das Innere Team und situationsgerechte Kommunikation, Reinbek bei Hamburg.

[3] So z.B. Albert Mehrabian, der mit seinen Experimenten zur Bedeutung der nonverbalen Elemente in der menschlichen Kommunikation berühmt wurde. Sind Inhalt, stimmlicher oder mimischer Ausdruck miteinander inkongruent, so zieht der Zuhörer seine Information nur zu 7 % (!) aus dem sprachlichen Inhalt, zu 38 % aus dem stimmlichen Ausdruck und zu 55 % aus der Körpersprache. Daraus wurde die 7-38-55-Regel abgeleitet.

[4] Ein spannendes, etwas anderes Buch zur nonverbalen Kommunikation stammt von einem Zauberkünstler: Thorsten Havener: Ohne Worte – was andere über Dich denken.

 


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