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Keltner, Dacher (1. Auflage 2016)

von Dez. 19, 2019Buchtipps

Das Macht Paradox. Wie wir Einfluss gewinnen – oder verlieren. Campus Verlag, Frankfurt.

Der amerikanische Psychologe Dacher Keltner, Professor für Psychologie an der University of California in Berkeley, gehört zu den wichtigsten Forschern der Positiven Psychologie – v.a. wegen seiner Arbeit zu sozialen Emotionen. Er betont die Bedeutung von Empathie für gute Beziehungen und ein erfülltes Leben. Ein zentrales Thema bei ihm ist „Awe“ sich als Teil von etwas viel größerem zu erleben und damit Sinn, Verbundenheit und emotionale Tiefe zu suchen und vom eigenen Ego, von Leistung und äußerem Erfolg zu lassen. Analog zum PERMA-Modell von Martin Seligman. Keltner beschäftigt sich zudem seit über 20 Jahren mit der Frage: Was ist Macht? Das Macht Paradox ist die Zusammenfassung seiner Studien zu diesem Thema.

Seiner Forschung nach ist das Verständnis von Macht in unserer Kultur nachhaltig vom Florentiner Nicolò Machiavelli geprägt. Machiavelli verfasste 1513, in gewaltbereiten Zeiten, in denen Mord, Vergewaltigungen, Folter, Verletzung von Menschenrechten meist unreguliert blieben, ein Buch mit dem Titel „Il Principe – der Fürst“. Darin argumentiert Marchiavelli, dass Macht im Wesen mit Stärke und Unbarmherzigkeit, Betrug und Täuschung, Zwang und Gewalt zu tun hat. In der Folge hat wohl kein Diktator das Buch nicht gelesen. Es setzte sich ein Verständnis von Macht durch, das die Ausübung von Macht mit Dominanz, Zwang, körperlicher und seelischer Gewalt gleichsetzt.

Keltner hält dieses Bild von Macht für nicht haltbar. Ihm stehen viele Entwicklungen in der Geschichte der Menschheit entgegen: Die Abschaffung der Sklaverei, der Sturz von Diktatoren, das Ende der Apartheid, der Aufstieg der Bürgerrechte usw. Menschen greifen v.a. dann auf Gewalt, Lügen, Manipulation, Nach-unten-Treten etc. zurück, wenn ihre Macht bereits im Schwinden ist. Für Keltner ist die Gleichsetzung von Macht mit Gewalt und Manipulation ein Grund, warum wir blind für die konstruktive Form von Macht in unserem Alltag und Miteinander sind.

Keltner definiert spannende Leitsätze dazu: Macht ist…

  • … die Fähigkeit, etwas in der Welt zu verändern, z.B. indem wir andere aufrütteln.
  • … eine alltägliche kommunikative Fähigkeit, Dinge zu bewegen.
  • … das Mittel, durch das wir uns aufeinander beziehen.
  • … die Welt zu gestalten, indem wir andere beeinflussen. Sie prägt das Selbstbewusstsein.
  • …entgegen der machiavellischen Philosophie nicht zu ergreifen. Sie wird auf Zeit von anderen verliehen.

Evolutionär habe uns das Zusammenleben in Gruppen zu sozialen Wesen gemacht, die sich gegenseitig stützen. Hierarchie steht für Stabilität und den Schutz der Bedürfnissen von mächtigen Minderheiten. Wer dem Gemeinwohl dient, erntet dafür soziale Anerkennung – nicht der Gewalt ausübende Machiavellist. Das Konstrukt des wohlwollenden Diktators bzw. Hierarchien nach dem Vorbild des Militärs wollen heute durch Muster der Vernetzung in sozialen Organisationen ersetzt werden.

Knackpunkt ist – wie bereits die Bedürfnispyramide von Maslow herausstellt – dass Menschen sich nach Macht, Ruhm und Ansehen durch die Anderen sehnen. Sie wollen auf der Welt etwas bewirken. Ein Gefühl von Macht, etwas bewirken zu können, löst einen Dopamin Rausch aus, Freude, Vertrauen und Sinn. Macht wird als lebendige Kraft erfahren.

Das Macht-Paradoxon

Von dem Moment an, in dem Sie Macht erhalten, stellt sich die Frage, was Sie damit anfangen und in der Folge, ob Sie sie wieder verlieren. Darin zeigt sich das Paradox:

„Wenn unsere Macht und unser Einfluss zunehmen, versuchen wir, mit dem, was unsere menschliche Natur zu bieten hat, etwas zu bewirken und etwas in der Welt zu verändern. Die Fähigkeit, etwas zu bewirken, drückt sich darin aus, dass wir das Leben von anderen verändern. Doch diese Macht verlieren wir dadurch wieder, wenn wir uns in einer paradoxen Wende verleiten lassen, Macht und Privilegien gegen die Bedürfnisse anderer zu missbrauchen. In dunklen Momenten ähnelt unser Verhalten dem eines aus Kontrolle geratenen Soziopathen.” (Keltner, S. 8).

Missbrauch von Macht und Egozentrierung ist nicht unvermeidlich und nicht Teil der menschlichen Natur. Der Mensch verfolgt dann egoistischen Interessen. Dabei verliert er Respekt und Empathie gegenüber anderen, Moral im Handeln und entwickelt ein Heldenethos. Machtmissbrauch führt so am Ende zum Verlust der Macht. Laut Keltner bestimmt, wie wir unsere Macht einsetzen, wenn wir Macht zugestanden bekommen, über unser Glück und das der Menschen für die wir sorgen.

Bewusstsein des gegenseitigen Einflusses

In 5 Kapiteln zeigt Keltner, wie Macht und das Paradoxon funktioniert und wie der Mensch es bewusst überwinden kann:

  1. Macht auszuüben bedeutet, etwas in der Welt zu verändern.
  2. Macht wird verliehen, man kann sie nicht ergreifen.
  3. Den Fokus auf die Anderen zu richten, schenkt dauerhafte Macht.
  4. Macht verführt zu Machtmissbrauch.
  5. Der Preis der Machtlosigkeit.

Wer sich auf Dauer als ohnmächtig und fremdgesteuert erlebt, lebt auf einem hohen Angst- und Stresspegel, der wiederum offenes Denken und Reflexion beeinträchtigt. Selbstbewusstsein, Hoffnung, Engagement und Gesundheit schwinden.

Dem setzt Keltner fünf Wege des Bewusstseins des gegenseitigen Einflusses entgegen:

  • Nehme das Gefühl von Macht als lebendige Kraft wahr, die durch deinen Körper wandert. Macht miteinander heißt, den eigenen Weg zu gehen und das Gemeinwohl zu fördern.
    Geld, Titel, soziale Klasse etc. sind alles nur Statussymbole in Dominanzsystemen, Insignien der Macht, die Möglichkeiten andeuten, die Welt zu verändern. Doch sie sind Mythen.
  • Praktiziere Bescheidenheit. Kollektive verleihen uns Macht, indem sie uns wertschätzen. Unsere Macht wächst, wenn wir andere mit Demut beeinflussen. Sei nicht zu sehr von dir und deinen Leistungen beeindruckt;  es haben dir immer immer andere ermöglicht, etwas in der Welt zu bewirken.
  • Sei großzügig – auch mit Geld, Zeit und Respekt. Verleihe anderen Macht. Gebe mehr als du nimmst. Menschen, die sich wechselseitig Macht verleihen, sind glücklicher und gesünder. Wer sich in puncto Macht auf Augenhöhe wahrnimmt, vertraut sich mehr und hat gute Partnerschaften.
  • Verhalte dich respektvoll. Frage die anderen, höre zu. Sei offen und neugierig. Spende Anerkennung und Lob.
  • Vermeide, dass sich andere in deiner Nähe unterlegen fühlen.

Eine spannende Lektüre für alle, die das Wesen von Macht interessiert.

Dacher Keltner: Das Macht Pradox. Wie wir Einfluss gewinnen – oder verlieren, Campus Verlag, Frankfurt/ New York 2016.


 

Buchtipp – für noch mehr Inspiration

Heute wird immer weniger gelesen. Sich immer weiter zu bilden, hält den Geist wach – da würde es helfen, etwa von Zeit zu Zeit ein Buch in die Hand zu nehmen. Zum kleinen Preis erhalten Leser die über oft lange Jahre entwickelten Gedanken der Autoren zu einem Thema. Das ist ein Geschenk! Bewusst leisten auch wir einen Beitrag, Wissen zu vernetzen. Und je freier der Kopf und je offener wir dem Autoren und dem Buch gegenüber sind, um so leichter fällt es, sich auf neues Denken einzulassen und es zu hinterfragen. So gedeihen weitere Gedanken und tieferes Verstehen, wenn sich der Blick weitet. Dazu braucht es auch, sich Ruhe und Muse beim Lesen zu nehmen.

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