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Wie im Himmel: Zusammen immer mehr stimmig werden

von Dez 16, 2011Impulsgeschichten

Die Schlussszene mit dem sterbenden Dirigenten am Ziel seiner Träume stellt den Höhepunkt des Films von Regisseur Kay Pollak Wie im Himmel dar.

Der herzkranke Dirigent Daniel hat sein Werk vollbracht. Er hat gerade wieder einen Herzinfarkt erlitten. Er schleppt sich zum Waschraum, wo er taumelnd mit dem Kopf gegen den Heizkörper stürzt und blutend zusammensackt. Sein Chor steht in diesem Moment auf der Bühne. Da der Dirigent nicht erscheint, sind die Sänger irritiert. Einer von ihnen, Tore, beginnt in der Unruhe hörbar und permanent seinen Ton zu singen, sich einzustimmen. Dann stimmt auch eine Sängerin ihren Ton an. Nach und nach folgen die anderen. Die Mitglieder der anderen Chöre werden davon so sehr in Bann gezogen, dass auch sie nach und nach alle mit einstimmen. Ein Sänger nach dem anderen fühlt den Moment und seine Bedeutung. Jeder Sänger hat seine eigene Stimme gefunden und stimmt sie in das Geflecht der anderen Stimmen wunderbar harmonisch ein. Wie einer unsichtbaren Struktur folgend.

Daniel hört über den Lautsprecher im Waschraum die Übertragung aus dem Konzertsaal. Die Situation ist an Dramatik und Kraft kaum zu überbieten. Was für ein Lebenswerk, was für ein Vermächtnis. Wenige Monate zuvor war das Team aus einem kleinen Dorf aus Nordschweden noch voller Konflikte. Keiner achtete auf den anderen. Der Gesang jedes Einzelnen ist mehr als bescheiden und wirklich kein Genuss. Zuviel lastete auf jeder Schulter. In dieser Situation war nicht zu erwarten, dass ein internationaler Star-Dirigent von Mitte Vierzig einen Herzinfarkt erleidet, seine Arbeit niederlegt und sich in das Dorf seiner Kindheit zurückzieht. Noch weniger war zu erwarten, dass er sich dort überreden lässt, zu einer Probe des Kirchenchors zu kommen, die Leitung zu übernehmen und den einfachen Sängern Unterricht zu geben. Doch er tut genau dies und begeistert die Menschen mit Leib und Seele für die Musik.

Der anfangs kleine und schlechte Chor wächst wie im Himmel immer mehrstimmiger zusammen.

Auch der geistig behinderte Tore mit seinem ehr ursprünglichen Herangehen an das Singen ist willkommen. Daniel kommt mit seinen eigenwilligen Methoden bei den Sängern an. Sie öffnen sich ihm und der Musik. So erlebt er intensive Stunden mit dem Chor. Der Zusammenhalt und die Unterstützung bei Sorgen und Problemen Einzelner wachsen in der Enge des Dorflebens. Unter der Führung des Dirigenten entwickelt sich über die Monate sachte etwas in diesem Team: ein stärkendes Zusammenspiel zu immer mehr Stimmigkeit. Der Dirigent filtert die Schönheit der Stimmen heraus, statt dem Chor zu vermitteln, dass nicht alle Anlagen bereits da seien und ihm eine Interpretation überzustülpen, die nichts mit den vorhandenen Ressourcen gemein hat. Ein Team entwickelt sich so in bester Art. Der Chor liebt Daniel und Daniel liebt seinen Chor.

Ein Chormitglied meldet den Chor dann zu einem internationalen Chorwettbewerb an. Daniel lässt sich überreden. Man könnte meinen, dabei geht es um akkuraten, technisch perfekten Gesang. Oder ist das gar nicht alles: Verliert das Spiel das Spielerische und die Freude, auch für die Zuhörer? Braucht es nicht gerade die spontane Interaktion und das sich selbst Hineingeben des Menschen in den Moment? Ist nicht viel wichtiger: Singen, um im Hier und Jetzt zu sein, statt um die Besten zu sein. Singen, um das Beste in Menschen anzurühren? Daniel träumte von einer Musik, die die Herzen der Menschen öffnet und verbindet. Ihm geht es nicht um Vergleich, sondern um die Freude des stimmigen Tuns. So öffnet sich die Höchstleistung wie von selbst. Die Sänger werden beim Auftritt leidenschaftliche Akteure, Mitgestalter – statt nur einen Job perfekt zu machen. Ihre Stimmen stützen und erheben sich gegenseitig.

 Wie im Himmel

Wenn wir – jenseits von Wettkampf und Vergleich – nur ein Stück mehr Füreinander entfalten, dann kommen wir auf einen wesengemäßen, stimmigen menschlichen Weg. Der Film von Regisseur Kay Pollak Wie im Himmel zeigt, wie die Haltung des Meisterdirigenten alles ändert. Er öffnet die Herzen der Sänger, so dass die Musik die Herzen der Zuhörer erreichen kann. Daniel ist am Ziel seiner Sehnsucht angekommen. Für ihn erfüllt sich in der Fülle des Moments sein Lebenstraum. 

Im Sterben schwinden die Sinne nach und nach. So konzentriert sich am Ende immer mehr auf den Tast- und den Gehörsinn, auf das Fühlen und Hören, auch wenn das Bewusstsein schon eingetrübt ist. Und so liegt Daniel in dieser Nacht sterbend im Waschraum am Ziel seiner Träume und hört über den Lautsprecher in kaum zu überbietender Intensität, wie die Improvisation die Menschen im Saal erreicht und verbindet. Himmel und Erde berühren sich. So hört er mit einem glücklichen Lächeln im Gesicht auf zu atmen.

 


 

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