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Hoffmann, Oliver (2025)

von Aug. 25, 2025Buchtipps

Die Ökonomie der Erinnerung: Innere Austauschprozesse als Weg zur geistigen Leistungsfähigkeit, Nomos Verlagsgesellschaft mbH & Co. KG.

Das über 300 Seiten umfassende Werk hält unzählige philosophische Impulse bereit, vom doppelten Prolog bis zum doppelten Epilog. In den sechs Hauptkapiteln wird die Bedeutung der Erinnerung als zentrale mentale Ressource entfaltet. Es mündet darin, Erinnern der eigenen Lebensgeschichte als Wert des Lebens an sich zu würdigen. Zu hinterfragen, was Erinnerung ist, und die Würdigung der biographischen Erinnerung im menschlichen Leben, inspirieren uns.

Zentraler Einfluss von Erinnerungen

Der Psychologe und Wirtschaftsphilosoph Oliver Hoffmann hat sich daran gewagt, die Bedeutung der Erinnerung im Erkenntnis- und Entwicklungsprozess des Menschen wissenschaftlich aufzuarbeiten. Er setzt sich dabei mit der Wirkung mentaler Prozesse zur Erkenntnis von Wahrheit und Realität des Seins (nach außen gerichtet) und zur Selbsterkenntnis (nach innen gerichtet) auseinander. Als Fundament von individuellen Glaubenssystemen und Haltungen prägen kognitive Prozesse (Wahrnehmen, Denken, Gedächtnis) Verhalten. Dazu entwirft Hoffmann den Leitgedanken, dass unsere Gedanken, Gefühle, Bewertungen und Erinnerungen nicht nur passive Bausteine unseres mentalen Systems sind, sondern interagierende aktive Ressourcen. Die bewusste Auseinandersetzung mit ihnen ermöglicht Intervention und das Lösen von alten Mustern.

Erinnerungen ermöglichen individuelle Erkenntnis der Wirklichkeit und innere Entwicklung. Ein bewusster Umgang mit Erinnerungen ist eine starke Ressource. Denn Erinnerungen sind nicht einfach dokumentarisch gespeichert, sondern werden wie unsere Vorstellungen laufend je nach Kontext neu bewertet und umgewertet. Die äußere Welt aber erleben wir durch diese Filter. Mit diesem Bewusstsein können wir den Prozess verändern, erschöpfende Erinnerungen aktiv verarbeiten und ein gesünderes Selbstbild in unserem Leben kultivieren. 

Erinnerungen sind Rekonstruktionen – weder dokumentarisch noch statisch

Jeder erlebte Augenblick beinhaltet nicht nur das Jetzt, sondern trägt auch die Erinnerung an vergangene Augenblicke in sich. Unsere Erinnerungen zeigen umgekehrt nicht, was war, sondern vielmehr das Bild, das wir uns heute davon machen. Erinnerung ist also kein Abruf aus einem dokumentarischen Archiv, sondern eine Rekonstruktion, die von Emotionen und Bedürfnissen, narrativen und kulturellen Filtern im Hier und Jetzt geprägt ist. Was nicht ins eigene Weltbild passt, wird weggelassen, umgedeutet oder durch spätere Erkenntnisse ergänzt. Indem wir es – bewusst oder unbewusst – passend machen, schaffen wir uns Kohärenz und vermeiden Stress.*

Folge ist, dass Erinnerungen immer fluide und formbar und durch Neuordnung der Rekonstruktion veränderbar sind. Erinnerung ist also nicht rein faktisch, sondern entwickelt sich v.a. als psychisches Bewältigungsprinzip fortwährend im Gedächtnis weiter. So kann man sich fragen, was dann eigentlich noch objektiv am Erleben der eigenen Lebensgeschichte wahr ist? 

Wie wir uns mit unseren Erinnerungen heilsam auseinandersetzen können

Die Betrachtung startet mit der Interdependenz von Identität, Kultur und Erinnerung. Identität als Person wird als selbstreflektorisches Konstrukt aufgefasst, das äußere Identifikationen und eine Verankerung in einer inneren Identifikation der eigenen Person braucht. Autobiographische Erinnerungen an vergangene Ereignisse und Erfahrungen halten diese aufrecht. Brüche können hingegen in die Identitätskrise führen. Erinnerungen verarbeiteten, interpretieren und integrieren Erfahrungen in das Selbstbild. So beeinflussen sie Identität und Kultur. Zur aktiven Einflussnahme auf die Erinnerung als zentrale Ressource nimmt Hoffmann im weiteren Verlauf drei wichtige Ansätze in den Fokus:

  • Imagination: Vorstellen neuer Perspektiven zur Rekonstruktion emotionaler Muster
  • Narration: Wie wir unsere Lebensgeschichte erzählen und deuten formt unsere Energie
  • Suggestion: Bewusst Impulse (z.B.  Affirmationen) über unbewusste Prozesse legen

Diese werden durch konkrete Methoden und Techniken für Coaching, Therapie oder Selbstarbeit unterfüttert, wie z.B. gute Reflexionsfragen im Kontext der Narration. So können wir unsere Geschichten und Erinnerungen halten, hinterfragen, verarbeiten und neu deuten. Und die Erinnerung an sich als wertvolle menschliche Fähigkeit zur Entfaltung des eigenen Selbstwertes erkennen.

Hoffmann, Oliver (2025): Die Ökonomie der Erinnerung: Innere Austauschprozesse als Weg zur geistigen Leistungsfähigkeit, Nomos Verlagsgesellschaft mbH & Co. KG.

* Diese kognitive Verzerrung ist auch als Rashomon-Effekt bekannt. Wahrheit kann darum immer nur relativ sein.


 

Buchtipp – für noch mehr Inspiration

Heute wird immer weniger gelesen. Sich immer weiter zu bilden, hält den Geist wach – da würde es helfen, etwa von Zeit zu Zeit ein Buch in die Hand zu nehmen. Zum kleinen Preis erhalten Leser die über oft lange Jahre entwickelten Gedanken der Autoren zu einem Thema. Das ist ein Geschenk! Bewusst leisten auch wir einen Beitrag, Wissen zu vernetzen. Und je freier der Kopf und je offener wir dem Autoren und dem Buch gegenüber sind, um so leichter fällt es, sich auf neues Denken einzulassen und es zu hinterfragen. So gedeihen weitere Gedanken und tieferes Verstehen, wenn sich der Blick weitet. Dazu braucht es auch, sich Ruhe und Muse beim Lesen zu nehmen.

Viel Spaß und Freude mit unserem Buchtipp. Lassen Sie sich bereichern. Die empfohlenen Bücher haben wir zum Reinschmökern direkt verknüpft. Und: Viele Bücher sind heute übrigens auch als Hörbücher verfügbar…  Abonnieren Sie unseren Newsletter. So erhalten Sie 4x im Jahr unsere aktuellen Beiträge auf einen Blick.