0177 | 3288500 info@ruhl-consulting.de

Spratte, Annette (2025)

von Dez. 1, 2025Buchtipps

Blumen im Schuh

Francke-Buch GmbH, Marburg.

Annette Spratte ist bekannt durch ihre historischen Romane (wie „Die Kannenbäckerin“ oder „Die Tochter der Hungergräfin“). Im aktuellen 400 Seiten dicken Roman Blumen im Schuh der sympathischen Autorin ist Narzissmus als Beziehungsdynamik das zentrale Motiv.[1] Die Autorin selbst sagt, das dieses Genre so im Buchhandel nicht zu finden ist und nennt ihn einen Ü40 Frauen-Freundschafts-Entwicklungsroman mit viel Humor, Lebensweisheiten, Bauernhofidylle und zu viel Kaffee. Mich hat der Roman sehr beschäftigt, sodass im folgenden eine ausführliche Reflexion dazu kommt.

Ein System aus Narzisst und „Narzissen“

Die Handlung beginnt 24 Jahre nach der Hochzeit von Wolf und Elisabeth. Elisabeth hat nach ihrem herausragenden Studienabschluss als Buchhalterin in seinem Unternehmen mitgearbeitet, bis Wolf entschied, sie solle sich nun ganz um Kind und Haushalt kümmern. Beide führen eine scheinbar perfekte Ehe in der Gesellschaft. Bis Elisabeth entdeckt, dass ihr Mann sie belügt und betrügt. Sie beginnt zu erkennen, wie er sie jahrelang klein gehalten hat. Ein Narzisst, der sich seine „Narzissen“ sucht, um seine Selbstinszenierung nach außen zu leben. Der ein Gegenüber braucht, das ihn bewundert – das auch schön blüht, aber doch so unauffällig, dass es ihm nicht das Rampenlicht stiehlt. Das seine eigenen Wünsche und Bedürfnisse verleugnet und sich ganz an die Erwartungen des Narzissten anpasst. Elisabeth funktionierte in dieser Ehe wie eine angepasste Musterschülerin.

Es geht um ein toxisches Beziehungsmuster. Beide Seiten kümmern sich nicht um ihre Bedürfnisse, sondern kompensieren sie. Elisabeth lebt diszipliniert eine Rolle nach Bildern, Zielen und Regeln anderer. Dafür, allen alles recht zu machen, perfekt zu sein. Elisabeth räumt Wolf im Haus alles hinterher, stets darauf bedacht, sich nicht seinem Zorn auszuliefern. Sie pflegt keine eigenen Freunde außerhalb des Systems. Sie merkt nicht, wie sie unter totaler Kontrolle, subtiler Demütigung und stetiger Manipulation steht. Längst trifft sie keine eigenen Entscheidungen mehr. Wolf braucht – typisch Narzisst – für sein Ego die stetige Bewunderung anderer. Leistungen anderer kann er in Eifersucht stets nur kleinreden und seine eigenen überhöhen. Mangels wahrhaftigen Selbstwertes geht es ihm stets um Selbstbestätigung, nicht um eine gleichwertige Beziehung, die von Liebe geprägt ist.

Beziehung zu sich selbst und zu seinen Bedürfnissen verlieren

Wolfs Stresstoleranz ist gering.[2] Zuhause äußert er seine Gedanken, die von Schuld und Beschämung anderer, Neid und Eifersucht geprägt sind. Elisabeth hat in der Ehe schleichend die Beziehung zu sich selbst und jede Autonomie verloren. Ihr Kopf denkt abgespalten vom Körper, ohne es zu fühlen. Sie denkt glücklich zu sein, den perfekten Traum anderer leben zu können. Ihr Leben in selbst nicht wahrgenommenen Dauerstress und -Beschämung, fühlt sich „normal“ (Komfortzone) an. Dabei erzählt der Körper unbewusst von ihrem seelischen Leid. Doch sie kommt nicht darauf, dass ihre seelischen Grundbedürfnisse wie Lebendigkeit und Verbundenheit sowie Entfaltung und autonome Gestaltung des eigenen Lebens im Mangel sind. Folge ist ein daueralarmiertes Nervensystem im Überlebensmodus, das keine Ruhe und Entspannung findet, um zu sich selbst zu kommen und wieder zu empfinden. 

Wut und Abwertung anderer einer- wie auch Verdrängen von Stress und Angst andererseits sind Abwehrmechanismen von Schmerz auf beiden Seiten. Beide meiden unbewusst das Fühlen. Aus Angst, dass die Auseinandersetzung mit dem Schmerz nicht emotional regulierbar und auszuhalten ist. Glaubenssätze, Rationalisieren, Bagatellisieren helfen, Zweifel am Status Quo zu verdrängen. Bis das Leben abrupt dazwischen funkt. Erkennen-Müssen wie leer und an der Oberfläche die Beziehung bleibt, wie sehr sie auf narzisstischer Über- und Unterordnung aufgebaut ist, ist der Anfang zur Transformation, des Loslassen. Doch um aus dem dysfunktionalen Muster herauszutreten, müssten sich beide radikal ändern. Dass der Narzisst dies will, ist unrealistisch. Sich vom Narzissten und Selbst-Aufgeben für den anderen zu lösen, braucht darum meist den Austritt aus dem System.

Ende der Illusion und langsamer Neubeginn

Es ist allein schwer, sich aus gewohnten Systemen zu befreien. Unentschiedenheit lähmt, hält in alten Träumen und Glaubenssätzen gefangen. Es braucht die klare Entscheidung zum ersten Schritt sich hinauszubewegen, und den Mut der eigenen vagen Intuition zu folgen. Der vermeintlich kleine konsequente Schritt ist ein riesiger. Immer wieder werden sich Zweifel melden und damit im bisherigen Leben gefangen halten. Bis Elisabeth ihren Mann beim Ehebruch stellt und in einer ersten Kurzschlussreaktion zu ihrer freiheitsliebenden Schwägerin in eine andere Welt zieht. Erst außerhalb der narzisstischen Beziehung erfährt sie, was Vertrauen, Unterstützung und Selbstwert bedeuten, beginnt selbst zu reflektieren und kann sich schrittweise aus ihrer emotionalen Abhängigkeit von Wolf befreien. 

So beginnt ihre langsame Transformation aus der völligen Selbstaufgabe heraus in die Wiederentdeckung ihrer Grenzen und des eigenen Selbst. Sie erkennt die kleinhaltenden Muster immer mehr und merkt, dass sie nicht nur in eine emotionale, sondern auch in finanzielle Abhängigkeit von Wolf geraten ist. Immer klarer durchschaut sie, wie sie sich durch das Glaubenwollen an leere Worte manipulieren ließ. Je mehr sie der Realität ins Auge blickt, umso freier wird sie, selbstbestimmt ihre Bedürfnisse zu leben. Diese Freiheit muss sie sich bei allen Rückschlägen im Lernprozess und Kampf mit den verschiedenen inneren Stimmen in ihrem Kopf hart aneignen. Wolf versteht es, sich in seinem Umfeld selbst als Opfer darzustellen, weil seine Frau ihn verlassen hat. Narzissmus und Täter-Opfer-Umkehr gehen Hand in Hand. Auch das gilt es nüchtern zu sehen.

Ein langer Weg in die Freiheit

Narzissten verstehen es, sich gut darzustellen und anderen Schuld aufzuladen, statt selbst Verantwortung zu übernehmen. Dem Narzissten differenziert als Person zu vergeben ist darum der letzte Schritt der Loslösung aus der eigenen Ohnmacht in die Freiheit. Zuvor, darf die eigene Unabhängigkeit reifen und als Lebenserfahrung tief in den Körper gefallen sein. Das mag Jahre dauern. Vorschnelle Kompromisse halten weiter gefangen. Im Prozess der Vergebung sind Person und Verhalten voneinander zu trennen. Gewalttätiges Verhalten an sich ist und bleibt falsch. Der Person zu vergeben beendet die Verwicklung.

Mein Fazit

Der Roman liest sich erstaunlich leicht, so dass man sich wunderbar in ihn versenken kann. Elisabeths Weg in die Freiheit führt zugleich die Funktionsweisen von Dominanzsystemen vor Augen, die tief in das Denken und Handeln von Menschen eingreifen. Aber er zeigt auch, dass es mit Hilfe von außen und mit Selbstreflexion gelingen kann, aus diesen Systemen und ihren Verführungen auszusteigen. Patriarchale Machtsysteme ziehen schon immer Narzissten an. Die Geschichte von Elisabeth zeigt, dass Narzissmus kein isoliertes Persönlichkeitsmerkmal, sondern ein toxische Beziehungsmuster in menschlichen Gesellschaften ist. Ein Bewusstsein darüber ist zentral für den Kulturwandel hin zu gesünderen, menschlichen Beziehungen.

Wolf als Narzisst missbraucht seine Frau emotional. In der Psychologie spricht man heute vom komplexen Beziehungstrauma, das die Protagonistin in ihrer Ehe erlebt. Viele mag es heute noch irritieren, es als Gewalt zu bezeichnen, was unter Menschen in sozialen Systemen wie selbstverständlich täglich stattfindet. Wir halten Kompensationsmechanismen für „normal“ und erfolgreich, die Ungebundenheit bzw. Trennung in die Welt bringen und uns unsere Verletzungen ausblenden lassen. Bis es zum Kollaps des Systems kommt. Um es in Anlehnung an Gerald Hüther zu sagen: Das Wichtigste, was wir für eine friedlichere Welt transformieren müssen, ist nicht die Welt, sondern uns selbst, unsere Haltungen und unsere Beziehungen.

Spratte, Annette (2025):.Blumen im Schuh, Francke-Buch GmbH, Marburg.

[1] Auch Fritz B. Simon (2025) betrachtet in seinem aktuellen Werk „Wie Diktaturen funktionieren, Muster, die verbinden – ein Katalog“ die sozialen Dynamiken und Muster von autoritären Dominanzsystemen ohne die Persönlichkeit oder das „Bestiarium“ der Diktatoren, die darin die Macht ergreifen und kein Interesse an ihrer Veränderung haben, genauer betrachten zu wollen. Unfreiheit beginne, wenn man sich so mit einem System identifiziert, dass man es über sich bestimmen lässt, seine Bedürfnisse unterdrückt, sich den Bedürfnissen anderer unterwirft und so für andere kontrollierbar werde.

Um ein gewaltvolles System zu erkennen, hilft es. seine Regeln und Muster anzuschauen und die eigene Angst. Grundlegend sei, dass durch Konditionierung die realistische Selbstbeobachtung des Einzelnen ausgeschaltet werde, so dass sich sein Denken, Fühlen und Verhalten steuern lasse. Seit es soziale Systeme gibt – von Familien über Stämme, Städte bis zu Staaten – waren sie in der Regel hierarchisch und oft autokratisch (Herrscher steht über den Regeln, schuldet keine Rechenschaft, übt mit willkürlichen und unvorhersehbaren Entscheidungen uneingeschränkte Macht aus) organisiert. Moderne Demokratien (wie in den USA und Westeuropa nach dem Zweiten Weltkrieg), wo die Gewalt der Regierenden durch Abwahl ohne Einsatz von Gewaltmitteln beendet werden kann und so die Logik der Herrschaft Einzelner in hierarchischen Organisationen begrenzt wird, sind da ein sehr junges und offenbar noch vulnerables  Phänomen. Fritz B. Simon zeigt am Ende auch, wie es gelingen kann, aus autoritären Regimes heraus das Heft wieder in die Hand zu nehmen.

[2] Menschen sind nicht als Narzissten geboren, sondern in Systemen aufgewachsen, die sie ihren Weg einschlagen ließen. Um den Weg nachzuvollziehen, wie sie ohne Rücksicht auf Verluste zu „Nehmern“ geworden sind, gilt es den Schmerz in deren Lebensgeschichte anzuschauen. Narzissten verstehen die Bedürfnisse anderer durchaus intellektuell und nutzen sie für ihre Manipulation. Aber sie sind ohne Zugang zu sich selbst nicht in der Lage, Verbundenheit zu empfinden.
Er lernt,  das System zu beherrschen. Oberflächlich betrachtet, kommt der Wolf nett, charmant, unterhaltsam, mit viel Lachen einher. Andere genießen es sogar, zu seiner Welt zu gehören. Denn es fühlt sich mehr als Verbundenheit an, als die Menschen von woanders kennen. Seine Unwahrhaftigkeit und Bedürftigkeit zu entlarven kann damit beginnen, seine Worte zu ignorieren und nüchternes Geben und Nehmen und nonverbalen Ausdruck zu betrachten. Zu prüfen, wie frei und uneingeschränkt ich für mich selbst entscheiden kann. Welches Feedback ich bekomme, ob ich z.B. vor allem dort gemessen werde, wo ich Defizite und er seine Stärken hat?


 

Buchtipp – für noch mehr Inspiration

Heute wird immer weniger gelesen. Sich immer weiter zu bilden, hält den Geist wach – da würde es helfen, etwa von Zeit zu Zeit ein Buch in die Hand zu nehmen. Zum kleinen Preis erhalten Leser die über oft lange Jahre entwickelten Gedanken der Autoren zu einem Thema. Das ist ein Geschenk! Bewusst leisten auch wir einen Beitrag, Wissen zu vernetzen. Und je freier der Kopf und je offener wir dem Autoren und dem Buch gegenüber sind, um so leichter fällt es, sich auf neues Denken einzulassen und es zu hinterfragen. So gedeihen weitere Gedanken und tieferes Verstehen, wenn sich der Blick weitet. Dazu braucht es auch, sich Ruhe und Muse beim Lesen zu nehmen.

Viel Spaß und Freude mit unserem Buchtipp. Lassen Sie sich bereichern. Die empfohlenen Bücher haben wir zum Reinschmökern direkt verknüpft. Und: Viele Bücher sind heute übrigens auch als Hörbücher verfügbar…  Abonnieren Sie unseren Newsletter. So erhalten Sie 4x im Jahr unsere aktuellen Beiträge auf einen Blick.