Der Wolf und die sieben Geißlein ist ein bekanntes Kindermärchen aus der Sammlung der Gebrüder Grimm. Gerade die Grimmschen Märchen sind ein deutsches Kulturgut, das von der traditionellen Abschreckungspädagogik zur moralischen Erziehung von Kindern zeugt. Durch ihre Narrative vermitteln diese Märchen, dass Kinder sich gehorsam an die Weisungen der Eltern halten müssen, wollen sie in einer gefährlichen Welt bestehen. Dabei geht es auch ganz anders: Der GFK-Trainer Johannes Henn hat das alte Märchen unter dem Titel „Der Wolf und die sieben Giräfflein“[1] neu erzählt:
Der Wolf und die sieben Giräfflein
Es war einmal eine weise Muttergiraffe, die hatte sieben Girafflein, und die hatte sie lieb, wie eine Mutter ihre Kinder lieb hat. Einmal wollte sie Besorgungen im Wald machen und die Kinder das erste Mal allein zu Hause lassen. Sie rief alle sieben herbei und sprach: „Kinder, ich bin heute unterwegs. Seid ihr nur gut auf der Hut und lasst niemanden ins Haus. Wenn der Wolf ins Haus kommt, kann er euch mit Haut und Haar verschlingen. Er verstellt sich oft, aber an seiner Sprache mit Forderungen, Bedrohungen und Urteilen könnt ihr ihn erkennen.“ Die Giräfflein versicherten, achtsam zu sein: „Du kannst ohne Sorge gehen, wir sind schon groß.“ Da nickte die Muttergiraffe und machte sich auf den Weg.
Es dauerte nicht lange, bis jemand an die Tür klopfte und rief: „Macht auf, Kinder, eure Mutter ist schon wieder da.“ Aber die Giräfflein wussten, dass ihre Mutter so nicht redete und antworteten: „Nein. Wir machen nicht auf. Du bist nicht unsere Giraffenmama. Unsere Mutter redet gewaltfrei, du aber hast eine Forderung gestellt. Du redest wie ein Wolf.“ Da ging der Wolf und machte online einen Crashkurs in Giraffensprache. So lernte er schnell die vier Schritte der gewaltfreien Kommunikation (GFK), was seine Sprache sofort viel weicher machte.
Forderungen, Drohungen, Urteile
Dann kehrte er zurück zum Giraffenhaus, klopfte an die Tür und rief: „Liebe Kinder, eure Mutter ist vollbeladen wieder da, müde von der Reise. Macht bitte auf. Dann will ich jedem von euch eine kleine Freude machen.“ Die Kinder sagten: „Nein, wir glauben dir nicht, dass du unsere Mutter bist. Du sprichst wie eine Giraffe, aber wir glauben im Inneren bist du gar keine. Unsere Mama gibt uns Einfühlung und ihre Bitten fühlen sich nicht bedrohlich an, sondern offen und von Herzen.“ Erneut zog der Wolf davon und setzte sich nochmal an seinen Online-Kurs, um Einfühlung zu lernen. Die Übungen erweichten sein Herz und er besorgte sich prompt noch sieben Kraftsteine in Herzform, die er den kleinen Girafflein schenken wollte.
Nun lief der Wolf zum dritten Mal zur Tür, klopfte und sprach: „Kinder, eure Mutter ist da und hat jedem was Schönes mitgebracht. Ich bin voll in der Liebe, eine echte Giraffe. Macht ihr mir bitte auf?“ Die Kinder sagten: „Wir wollen erst ganz sicher sein, dass du kein Wolf bist. Sag uns bitte den Schlüsselunterschied zwischen Werturteil und moralischem Urteil.“ Das wusste der Wolf nicht, aber da er jetzt empathische Vermutungen formulieren konnte, sagte er: „Kinder, habt ihr Angst vor dem bösen Wolf, und braucht Vertrauen, dass ich wirklich eine Giraffe bin?“„Ja!“, riefen die Kinder und öffneten die Tür. Wie erschrocken waren sie, als sie merkten, wen sie da herein gelassen hatten.
Giraffe und Wolf
Als der Wolf sein Maul aufsperrte, sagte die kleinste Giraffe: „Oh, Wolf, was hast du für ein großes Maul! Willst du uns jetzt alle verschlingen? Hattest du nicht gesagt, dass du uns allen etwas mitgebracht hast?“ Da erinnerte sich der Wolf an seine Einfühlungsübungen und die Kraftsteine für die Girafflein und fühlte sich auf einmal anders. In dem Moment geschah der Wandel: Er wurde voller Mitgefühl. Statt die Kleinen zu fressen, verband er sich mit ihnen als Freund. Bald schon gaben sie sich gegenseitig Einfühlung, machten GFK-Tanzparkette und öffneten sich einem tiefen Prozess gegenseitiger Verbindung bis sie müde wurden und ein Girafflein nach dem anderen eindöste.
Wie erschauerte die Mutter, als sie nach Hause kam und die Tür noch offen war. Sie fürchtete schon, einen schnarchenden Wolf zu finden, der alle ihre Girafflein verschlungen hatte. Sie müsste sicherlich zum Äußersten greifen und ihm den Bauch aufschneiden, um ihre Kinder zu befreien. Doch nein. Die Girafflein lagen versöhnlich um den Wolf herum. Unendlich erleichtert nach dem Schrecken und stolz auf ihren Giraffennachwuchs nahm sie ein Kind nach dem Anderen in ihre Arme und gab jedem einem dicken Kuss. Dem Wolf aber dankte sie aufrichtig für seine Unterstützung und feierte mit ihm noch lange ihre neue Freundschaft und Lebendigkeit.
Wie stehen Sie zu alten Märchen?
Das zugrunde liegende Märchen „Der Wolf und die sieben Geißlein“ der Gebrüder Grimm ist gewaltvoller und mehr an Gehorsam als an Lernprozessen der Kinder orientiert. Die neu erzählte Version mit den Giräfflein ist empathischer und in ihrer Weltsicht differenzierter. Doch beide Varianten verbildlichen Warnung vor Gefahren, Ängste von Kindern, familiären Zusammenhalt. Als die Mutter unterwegs ist, sind die Kinder erstmals alleine zuhause. Sie halten wegen der ausdrücklichen Warnungen der Mutter den anklopfenden Täuschungen des Wolfes zweimal stand. Grimms Märchen hat klar die Funktion zu zeigen, dass Kinder sich in Gefahr bringen, wenn sie nicht die Regeln der Eltern befolgen. Denn in ihrer Autorität kennen diese äußere Gefahren. Die Geißleins sind abhängig vom Schutz der Mutter und der Sicherheit des Zuhauses.
Im Märchen mit den sieben Geißlein steht der Wolf für die Angst vor Trennung und Bedrohung. Die Geißlein beachten die Anweisungen, sind aber nicht erfahren genug, den Wolf auch im dritten Anlauf zu enttarnen und lassen ihn ein. So wird die Mutter zur Retterin. Sie befreit und sorgt für Gerechtigkeit. Märchen vermitteln hier eine klare Wertorientierung von Gut und Böse. Die Mutter ist gut und verdient Ehre. Der Wolf ist böse und verdient Strafe. Belohnung und Bestrafung stiften emotionale Stabilität. So vermittelt sich ein Gerechtigkeitsgefühl und Vertrauen in das Gute. Doch wirken Märchen wortwörtlich genommen heute v.a. in ihrer drastischen Brutalität nicht kindgerecht: Der Wolf verschlingt die Geißlein mit Haut und Haar. Die Mutter schneidet ihm den Bauch auf, holt die Kinder heraus, legt schwere Steine hinein. Damit stürzt der Wolf in den Brunnen und ertrinkt.
Verborgene Erzählebene von Märchen
Märchen sind also Lehrgeschichten für Kinder. Und doch sind sie nicht einfach Kindergeschichten. Was Märchen für Erwachsene interessant macht, ist, dass ihnen neben der direkten Bedeutungsebene eine zweite psychologische Erzählebene innerseelischer Prozesse in Form von Bildern innewohnt.[2] Insofern sind sie auch Schlüssel zum Unbewussten. Die Symbole tragen Botschaften über Seelenanteile in sich und über Gefahren zur Reifung der Seele. Diese Innenorientierung wurde in außenorientierten Dominanzsystemen unterdrückt. Doch die Ebenen verschmelzen und erklären, warum Märchen seit Jahrhunderten wirken: Sie sprechen die Seele auf einer präverbalen, symbolischen, kollektiv geteilten Ebene an. Jede Figur, jedes Motiv und jede Handlung erzählen davon.
Der Wolf als Archetyp, als Urbild äußerer Gefahr, [3] will als Angst und Schattenaspekt ins Innere eindringen. Dazu täuscht und überfällt er mit falschen Worten und Erscheinungen. Angst raubt und verschlingt das Selbst, statt es zu nähren. Daher warnt die Mutter vor der Gefahr und lehrt die Kinder die Zeichen, woran sie den Wolf erkennen werden. Das Alleinsein im Elternhaus markiert einen Übergang ins Erwachsenenleben, wobei die Kinder noch nicht in den Wald gehen und die geschützte Welt der Kindheit verlassen. Dem Wolf gelingt durch die unschuldige Offenheit der Kinder das Eindringen. Die Geißlein erleben Tod und Wiedergeburt im Bauch des Wolfes. Die Seele wird verschlungen, aber sie kann nicht ausgelöscht werden. Verletzungen der Seele können wieder geheilt werden. Der Wolf wird mit Steinen gefüllt und verliert – versteinert – endgültig alle Macht.[4]
Moderne Kinderbuchgeschichten
Geschichten, mit denen sich Kinder in jungen Jahren auseinandersetzen, prägen unbewusst. Wir kommen gar nicht auf die Idee, unsere Kindheitswahrheiten ohne Anlass zu hinterfragen. Insofern stärkten Märchen auch gewisse Indoktrinationen. Moralische Erziehung zum Gehorsam wird in Dominanzsystemen durch Regeln und Normen gemacht, statt dass Individuen ihre Gewissensentscheidungen mit ihren inneren Instanzen entwickeln. So findet Erziehung zum Funktionieren und zur Abhängigkeit statt. Menschen werden nicht in ihrer Menschlichkeit gesehen. Autoritäten setzen die Regeln, statt dass Regeln gemeinsam aufgestellt werden ohne Einzelne dabei zu übergehen und dadurch von allen auch mit Überzeugung umgesetzt werden. Und durch Definition von Pflicht, Strafe und Belohnung, Schuld und Scham halten sie ihre Macht über andere aufrecht.
Regeln werden nicht hinterfragt. Bewusstsein zu ihrer Intention geht immer mehr verloren und Strafe und Lohn werden immer mehr zum Selbstzweck. So wird die Masse an Menschen entmündigt. Die Brutalität der abschreckenden Strafe offenbart die Gewalttätigkeit der Systeme. Moderne Kinderbücher setzen statt auf Brutalität zur Abschreckung auf Dialog und friedliche Konfliktbewältigung. Sie erklären Gefühle, nehmen Selbstwirksamkeit und Reflexion in den Blick statt weiterhin mit Angst, Bedrohung und Konsequenzen zu arbeiten. Das Neuerzählen alter Märchen ist darum nötig, um eine gewaltfreie Variante zu finden. Doch lässt auch das neue Narrativen den Märchen unbeschadet die zweite innerseelische Erzählebene.
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