Drei Tore hat der 10-jährige Atréju in Michael Endes unendlicher Geschichte auf seiner inneren Reise zu durchschreiten auf dem Weg zum Orakel Uyulála: zur stillen Stimme im Inneren, die er befragen will. Erst wenn man durch das erste Felsentor, das Große Rätsel Tor, gelangt ist, ist das zweite Tor, das Zauber Spiegel Tor, da. Erst wenn man durch das zweite Tor gegangen ist, ist das dritte Tor, das Ohne Schlüssel Tor, da. Und die Tore können nicht einfach von außen umgangen werden. Ähnlich wie Momo ist hält die Geschichte für Erwachsene philosophischen Tiefgang bereit.
Sich selbst erkennen – sich seiner selbst bewusst werden
Atréju hatte sich dem Felsentor bis auf wenige Schritte genähert. Es war viel riesiger, als es aus der Ferne wirkte. Hinter dem Tor lag eine öde Ebene. Vor dem Tore und zwischen den beiden Pfeilern sah Atréju unzählige Schädel und Gerippe. Aber nicht die Knochen ließen Atréju innehalten. Es war der zugleich schöne und zutiefst erschreckende Anblick zweier gewaltiger steinerner Sphinxe – Mischwesen, vorn menschlich, hinten löwenartig. Der Ausdruck, mit dem sie einander im Mondlicht anblickten, schien sich mit jedem seiner Schritte zu wandeln. Es zuckten Ströme durch sie hindurch, so, als würden sie jeden Augenblick verschwinden und zugleich aus sich selbst heraus neu erschaffen. Dadurch wirkten sie wirklicher als jeder Stein.
Aus der ägyptischen Mythologie heraus fand die Gestalt des Sphinx auch Eingang in die griechische Sage, wie in die Abenteuer des Ödipus, in der sie in der Regel nun geflügelt und weiblich wird. Eine Sphinx verkörpert das Rätselhafte und in ihrer steinernen Gestalt die zeitlose Unendlichkeit. Sie stellt Rätsel, bei denen es um Leben und Tod geht, und ist so auch Torwächterin zu einer höheren Wahrheit. Michael Ende gibt ihr die Funktion, zu prüfen, ob der Mensch wahrhaftig mit sich selbst verbunden ist oder mit seiner Angst. So lässt er die Augen der Sphinx die Rätsel des Lebens und der Existenz aussenden. Doch der Blick einer Sphinx kann nur von einer anderen erwidert werden. Wie sich ein Spiegel im Spiegel unendlich projiziert, projizieren sich im Blickwechsel der Sphinxe die unendlichen Rätsel der Welt. Verfängt sich ein Unglücklicher darin, muss er fortan über alle Rätsel der Welt grübeln.
1. Tor: Großes Rätsel Felsentor
Atréju empfand lähmende Angst. Er dachte kaum daran, dass er – falls der Blick der Sphinxe ihn treffen würde – für immer erstarrt bliebe. Nein, es war die unbewusste Angst vor dem Unbegreiflichen, vor der Wirklichkeit des Übermächtigen, die seine Schritte immer schwerer machte, bis er sich wie ganz aus Blei fühlte. Doch er ging weiter. Er blickte nicht mehr empor. Demütig hielt er den Kopf gesenkt. Die Last der Angst wurde immer gewaltiger. Fuß vor Fuß setzend, bewegte er sich weiter auf das Felsentor zu. Er wusste nicht, ob die Sphinxe ihre Augen geschlossen hatten oder nicht. Er musste es darauf ankommen lassen, ob er Zutritt erhalten würde oder ob dies das Ende seiner Suche war.
Ein fester innerer Stand in sich selbst verhindert in schwierigen Situationen letztlich, im Nichts der äußeren Wirklichkeit verloren zu gehen. Und er ermöglicht es, das Wesen des Menschen selbst zu entschlüsseln.
Gerade als er glaubte, sein Wille reiche nicht mehr aus, um ihn nur noch einen einzigen Schritt voran zu tragen, hörte er den Widerhall seines Schrittes im Inneren des Felsbogens. Sofort fiel alle Last von ihm ab. Er hatte dem Leben vertraut, seine Angst auf dem Weg durch das erste Tor überwunden und ist auf die tieferen Rätsel seines Seins zugegangen. Nun fühlte er sich, als würde er von nun an nie mehr Angst empfinden, was auch geschehen mochte. Er hob den Kopf und sah, dass das Große Rätsel Tor hinter ihm lag. Die erste Aufgabe hatte er gemeistert. Die Sphinxe hatten ihre Augen geschlossen und ihn passieren lassen.
2. Tor: Zauber Spiegel Tor
Vor ihm, nur zwanzig Schritte entfernt, stand nun, wo eben noch endlose Ebene gewesen war, das Zauber Spiegel Tor. Es war groß, rund und glänzte wie blankes Silber, war aber weder aus Glas noch aus Metall. Schwer zu glauben, dass man durch diese Fläche hindurchgehen sollte, doch Atréju zögerte nicht. Er rechnete damit, dass sich ihm irgendein Entsetzen erregendes Bild seiner selbst spiegeln würde. Viele sind schon schreiend vor dem Ungeheuer geflohen, das ihnen in dem Spiegel entgegen blickte und brauchten lange davon wieder zu erholen. Doch da er alle Furcht zurückgelassen hatte, schien ihm das kaum noch der Beachtung wert. Statt eines Schreckbildes sah er, worauf er nicht gefasst war: Er erkannte einen dicken blassen Jungen mit großen traurigen Augen – Bastian, sein Ich in der Alltagsrealität.
Mit einem erstaunten Lächeln ging Atréju in sein Spiegelbild hinein. Er war verwundert, dass ihm so leicht gelingen sollte, was anderen unüberwindlich schwer schien. Doch während er hindurchging, fühlte er ein prickelndes Erschauern. Er ahnte nicht, was mit ihm geschehen war. Als er nämlich auf der anderen Seite des Zauber-Spiegel-Tors stand, hatte er jede Erinnerung an sich selbst, an sein Leben, seine Ziele und Absichten vergessen. Er wusste nichts mehr von der Suche, die ihn hierher geführt hatte, und kannte seinen eigenen Namen nicht mehr. Ganz wie ein neugeborenes Kind.
Mit furchtlosem Blick betrachtet er sein Ich im Spiegel, mit all seinem Schmerz, und geht in es hinein. In dem Moment löst sich alles auf, die bisherige Erinnerungen, aber auch die Wünsche. Was aber bleibt dann?
3. Tor: Ohne Schlüssel Tor
Nur wenige Schritte vor sich lag das Ohne Schlüssel Tor. Aber Atréju erinnerte sich weder an die Bezeichnung noch daran, dass er vorgehabt hatte durchzugehen, um zum Orakel zu kommen. Er wusste nicht, was er da wollte und warum er hier war. Er fühlte sich heiter, lachte ohne Grund, einfach aus Vergnügen. Das Tor war wie eine gewöhnliche Pforte ohne Mauern auf einer weiten Fläche. Der Türflügel war zu. Er war aus einem kupferfarben schimmernden Material und hatte weder Klinke, Türknauf noch Schlüsselloch. Atréju ging um die Pforte herum und betrachtete sie von der Rückseite. Der Anblick war wie von vorn. Offensichtlich war die Tür nicht zu öffnen. Wozu auch, da sie ja nirgendwohin führte und nur einfach so dastand. Atréju wollte sich abwenden. Doch Bastian fieberte mit „Oh, nein! Du musst durch das Tor!“.
Atréju wandte sich doch wieder dem Ohne-Schlüssel-Tor zu und betrachtete seinen Schimmer. So stand er bald völlig im Einklang mit sich selbst an der Pforte und strich über das warme Material. Da öffnete sich die Tür einen Spalt. Das Tor reagiert nämlich auf den Willen des Egos. Der macht es unnachgiebig. Je mehr einer hineinwill, desto fester schließt es. Da Atréju ohne Absicht war, öffnete sich ihm die Tür wie von selbst. So konnte er den Kopf durchstrecken und auf die andere Seite sehen. Er zog den Kopf zurück und blickte an der Pforte vorbei: Da war die leere Ebene. Er blickte wieder durch den Türspalt und sah einen langen Säulengang, dahinter Stufen, andere Säulen, Terrassen, Treppen und über allem den Nachthimmel. Atréju trat durch die Pforte und blickte voll Staunen umher. Hinter ihm fiel die Tür ins Schloss.
Dem absichtslosen Selbst öffnen sich scheinbar verschlossene Türen. Doch ohne den Willen Bastians gibt es keinen Weg zurück.
Atréju und Bastian
Atréju ist die Heldenfigur in Michael Endes unendlicher Geschichte. Er erklärt, dass sein Name sich aus der „Sohn aller“ ableite, da alle Männer und Frauen der Gemeinschaft ihn liebten und gemeinsam aufgezogen hätten. Zugleich leitet sich der Name aus altgriechisch „der Furchtlose“ ab. In fast jeder Hinsicht ist er das Gegenteil von Bastian. Bastian fühlt sich, nachdem seine Mutter gestorben ist und sein Vater sich in sich selbst zurückgezogen hat, als „Sohn niemands“. Er fühlt sich minderwertig, ist schlecht in der Schule, unsportlich, unbeliebt und wird gehänselt. Doch beide 10-jährigen Jungs sind eine Einheit. Atréjus manifestiert das reine Selbst von Bastian. Während Bastian das Ich/ Ego in der Welt verkörpert, das seinen Wert im Außen sucht. Um sich selbst zu erfahren, braucht es beides.
Die Entwicklung Atréjus dient Bastian. Es geht bei der Heldenreise durch die drei Tore um tiefe Schritte. Tor für Tor kommt Atréju und damit Bastian mehr in die Selbsterfahrung. Dazu gilt es, alle Zweifel und Angst sein zu lassen, die letztlich in die Angst vor dem Tod münden. Ohne Urvertrauen ins Leben kann der Mensch nicht leben und aus der Komfortzone kommen, um seinen Weg zu gehen. Das äußere und innere Spiegelbild sind zwei Gesichter desselben. Man erkennt sich selbst nur, wenn man sich ganz mit allen Seiten annimmt. Dem steht der autonome Wille des Egos manchmal entgegen. Selbsterfahrung ist an das geformte Ego gebunden. Doch nur wenn der Mensch von eigener Wichtigkeit und Bedeutung ablässt, überwindet er alle Hybris, sein Ego und erfährt sich selbst in der Tiefe.
Labyrinth
In der unendlichen Geschichte verweben sich Außen und Innen im Erkenntnisprozess, Erleben und Reflexion. Das, wofür wir keine Worte, keinen Ausdruck, haben, wird nicht bewusst in unserer Welt. Michael Ende betrachtet die Fähigkeit, Dinge und Wesen zu benennen als besondere menschliche Begabung. Durch die Benamung holen wir sie aus dem Unbewussten ins Bewusstsein, setzen uns in Beziehung zu ihnen und geben ihnen Bedeutung. Menschen gelingt der Zugang zur Innenschau und Reflexion mehr oder weniger, andere verhaften sich ganz in Rückzug und Weltflucht und verpassen das reale Leben. Aber nur wer zwischen äußerer und innerer Welt hin- und herreist, kann beide Welten verbinden und Selbst-Erkenntnis und einen festen Stand in sich selbst finden.
Die drei magischen Tore auf dem Weg zum Orakel sind mit einem Labyrinth zu vergleichen, das in die eigene Mitte führt. Die Pfade des Lebens sind nie gerade und doch keine Umwege. Das Labyrinth beschreibt die unsichtbare Dimension der Existenz, in die man ab und zu einkehren muss, um zu reflektieren und in der inneren Wirklichkeit sich selbst immer tiefer zu verstehen. Dann kann man mit tieferem Bewusstsein zurückkehren in die äußere Welt und dort die Realität verändern. Sie wenigstens neu sehen, bewerten und erleben. Innere und äußere Welt des Menschen, Bewusstwerdung und Erleben, sind zwei Seiten einer Medaille.
Für die Reise in die eigene Tiefe hat Michaels Ende unendliche Geschichte drei Schlüsselfragen für uns:
- Wie trägt mich mein fester Stand in mir selbst in schwierigen Situationen?
- Mit welchem Blick betrachte ich mich mit all meinen Sonnen- und Schattenseiten?
- Gehe ich meinen wahrhaftigen inneren Weg meiner Freude am Sein?

