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Hafner, Bettina | Ritz, Gudula (2020)

von Sep 23, 2020Buchtipps

Irgendwie seltsam …! Über den Umgang im Coaching mit extremen Persönlichkeitsstilen. Edition Training aktuell, managerseminare Verlags GmbH.

 

Coaching ist keine Therapie und will den Klienten nicht therapieren. Gerade die Entwicklung der Persönlichkeit ist ein Prozess über Jahre. Der Coach kann hier allenfalls Impulse setzen. Sein Auftrag besteht aber in der kurzen Frist darin, ein konkretes Anliegen mit dem Klienten zu bearbeiten. Und doch ist für den professionellen Coach ein Grundwissen zu psychischen Krankheitsbildern nötig, um sich nicht von den unbewussten Einladungen des Klienten in ein Muster bzw. in Beziehungsfallen verwickeln zu lassen. Nur dann kann das Potenzial des Coachings ausgeschöpft werden.

Bewusst geworden ist uns das schon in unseren Anfangszeiten als Coaches. Doch eine systematische Aufarbeitung der häufigsten Persönlichkeitsstörungen in unserer Gesellschaft – die ja immer auch Störungen in Beziehungen nach sich ziehen – haben wir für den Kontext des Coachings nun erst mit gefunden: Irgendwie seltsam – Über den Umgang im Coaching mit extremen Persönlichkeitsstilen.

In ihrem neuen Werk hangeln sich die beiden Autorinnen Bettina Hafner und Gudula Ritz am Klassifikationssystem „Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders” (DSM) entlang. Dieses führt Persönlichkeitsstörungen phänomenologisch als Diagnosen in drei Hauptgruppen (Clustern). Ziel ist natürlich nicht, den Klienten zu pathologisieren. Der Coach bekommt vielmehr übersichtlich geordnet Hintergrundwissen zu den verschiedenen Diagnosen der Persönlichkeitsstörungen in den relevanten DSM Clustern B (Extravertierte) und C (Introvertierte). Gemeinsames Merkmal der betrachteten Persönlichkeitstypen ist, dass ihre nach außen gerichteten Kompetenzen maßlos einseitig ausgeprägt sind, und soziale und emotionale Kompetenzen dagegen defizitär sind. Gute Führung, die in der heutigen Zeit Mitarbeiter mitnimmt, fängt aber genau da an – nämlich innen. Sie muss sich ihrer Persönlichkeitsausprägungen bewusst werden und an sich arbeiten. Je leichter Menschen den Zugang zu ihren inneren Bedürfnissen bekommen, desto leichter nehmen sie sie auch bei anderen wahr.

Betroffene im Coaching, die unbewusst DSM Phänomene aufweisen, empfinden ihr Muster gar nicht als anormal oder dysfunktional. Sie gehen mit ihm ja durchaus erfolgreich durch das Leben. So leiden sie auch nicht bewusst an ihrer Persönlichkeit, allenfalls an den Folgen. Welchen großen Handlungsbedarf sie haben, erkennen eher Andere und schreiben ihnen dann im günstigen Fall einen Veränderungsauftrag zu (wie z.B. besser mit Stress umzugehen, Prioritäten zu setzen, Beziehungsprobleme zu lösen). Ihre Lebensthemen sind ihnen selbst in der Regel im blinden Fleck des Unbewussten verborgen.

Hafner/ Ritz betrachten folgende Muster genauer:

  • Spontaner Stil und emotional untersteuerter Borderliner und Melancholiker
  • Sorgfältiger Stil und emotional übersteuerter Zwanghafter und Phlegmatiker
  • Ehrgeiziger Stil und Narzisst
  • Loyaler Stil und Abhängiger
  • Antisozialer Stil und aggressiver Choleriker
  • Selbstkritischer Stil und selbstunsicherer Vermeider
  • Kritischer Stil und passiv-aggressiver Pessimist
  • Liebenswürdiger Stil und Historniker/ Optimist

Das gut aufbereitete bewährte Fachwissen hilft dem Coach, Persönlichkeitsmuster zu reflektieren. Es bietet so eine Vielfalt an Hypothesen dazu, die im Coaching – wie die Autorinnen aus langjähriger Erfahrung bestätigen – einige Schleifen vermeiden helfen. Die fast 300 Seiten waren uns persönlich zu langatmig, aber sie bieten eine tolle Basis, sich daraus selbst eine Kurzübersicht auf wenigen Seiten zu schaffen und das ist für Coaches gerade im derzeitigen Wandel der Gesellschaft mit der zunehmenden Bewusstseinsbildung eine sehr gute Arbeitshilfe, die eine essentielle Lücke im Coaching in der Arbeit mit den blinden Flecken schließt.

 

Hafner, Bettina | Ritz, Gudula (2020): Irgendwie seltsam …! Über den Umgang im Coaching mit extremen Persönlichkeiten, managerseminare.

 


 

Buchtipp – für noch mehr Inspiration

Sich immer wieder fort- und weiter zu bilden ist v. a. für Kopfarbeiter wichtig. Zum einen wird in der vernetzten Welt Wissen in z.T. höchster Qualität offen im Web geteilt. So kann es in kürzester Zeit in diversen Kontexten neu verknüpft werden. Dazu leisten auch wir bewusst einen Beitrag. Zum anderen wird die Kommunikation von Mensch zu Mensch zentraler Anker. Das gibt dem Menschen Würde und lässt Wissen in die Umsetzung bringen. 

Führungskräfte sind für die Entwicklung von Teams verantwortlich. Gerade sie leben daher von Nähe und Distanz, Reflexion und von immer neuen Anregungen. Wie z.B. davon, von Zeit zu Zeit ein Buch in die Hand zu nehmen. Für einen oft kleinen Preis erhalten Leser die über oft lange Jahre entfalteten Gedanken von Autoren zu einem Thema. Das ist ein Geschenk! Also lassen Sie sich von unserem Buchtipp inspirieren und persönlich bereichern. Z.T. genügt dafür schon eine Randnotiz. Z.T. ist aber gerade die vertiefte Einordnung der Texte, ihrer Autoren und deren Denkmodelle erhellend. Irrlehren verstricken sich in Widerspruch zu sich selbst. Und so trainieren Bücher im Zweifel den wachen Geist.

Je freier der Kopf beim Lesen ist, umso leichter fällt es dabei, sich auf neues Denken einzulassen. Und umso leichter können daraus weitere Gedanken gedeihen. Davon hängt Verstehen ab. Vorgefasste Meinungen, ererbte und erworbene Ideen sind nicht einfach abzulegen. Dazu bedarf es der Offenheit dem Buch und dem Autor gegenüber. Wenn sich der Leser bewusst einlässt, wird sich sein Blickfeld weiten. Dazu braucht es auch Ruhe und Muse beim Lesen.

Die einzelnen empfohlenen Bücher haben wir zum Reinlesen direkt mit den Buchansichten verknüpft. Viele Bücher sind heute übrigens auch als Hörbücher verfügbar… Viel Spaß und Freude mit unserem Buchtipp