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Lerneinheit Visionär Führen – Die drei Steinmetze und die Kathedrale

von Mai 30, 2022Blogs

Die gute alte Management Parabel der drei Steinmetze von Peter Drucker zeigt, was eine Führungskraft ausmacht: [1] Dass sie nämlich visionär ein Bild des großen Ganzen schafft und dafür Sorge trägt, die Bausteine für das große Ganze zu setzen. 

Ein Mann sieht drei Steinmetze auf einer Baustelle.
Er geht zum ersten und fragt ihn: Was machen Sie?
Der antwortet: Ich schlage Steine und verdiene hier mein Geld.
Der Mann geht zum zweiten und fragt auch ihn, was er mache.
Dieser antwortet: Ich bin der beste Steinmetz im ganzen Land.
Daraufhin fragt der Mann den dritten Handwerker.

Der schaut mit einem Leuchten in den Augen auf und sagt:
Ich wirke hier mit, eine Kathedrale zu Ehren Gottes zu bauen. 

Der Baumeister unter den drei Steinmetze

Es ist o.k., dass es Phasen im Leben gibt, da bleibt uns kaum Kraft für die Arbeit, da geht es uns bei der Arbeit ums bloße Geld verdienen. Doch erst, wenn man die Tätigkeit auch tun würde, wenn das Geld keine primäre Rolle spielte, dann wird der Beruf zur Berufung. Manch einer entwickelt dabei vielleicht den Antrieb, der Beste seines Fachs werden zu wollen. Doch die beste Fachkraft ist selten nun eine geeignete Führungskraft – zumindest nicht, wenn sie in ihrem Denken nicht das Schaffen des Teams als Ganzes in den Blick nimmt. Das genau ist gebraucht, wenn es um die Auswahl einer geeigneten Führungskraft geht, die sich selbst im Dienste eines größeren Ganzen zurücknehmen kann, um miteinander etwas zu bewirken, was über den Einzelnen hinausgeht.

Der Begriff der Vision ist im Deutschen entzaubert. Im Amerikanischen ist er mit einem fast religiösen Sinn versehen. Viele moderne Menschen hierzulande lassen es nicht zu, große Träume zu haben und in großen Zielbildern zu denken. Doch das genau sind die kreativen Potenziale, die es in der Führungsarbeit braucht. Emotional anziehende Bilder vom großen Ganzen in den Köpfen zu schaffen, die einen selbst und das Team in ihren Bann nehmen. Ist dies erlernbar – so zu führen, dass Menschen gerne an der Entstehung großer Ziele aus freien Stücken mitgestaltenen möchten? Oder braucht dies ein besonderes Charisma oder doch zumindest eine besondere Haltung?

1. Presencing

Neben einer gewissen hartnäckigen Ausdauer ist zweierlei im Instrumentenkasten der Führung entscheidend: Präkognition oder Presencing (wie C. Otto Scharmer es nennt) zum einen und Integration zum anderen. Presencing spielt auf die Vorstellungskraft des letzten der drei Steinmetze vom Bild des großen Ganzen an. Am Anfang schon das Ende im Sinn zu haben. Dabei geht es um einen kreativen Prozess. Ein Einlassen auf etwas noch nicht Sichtbares, noch nicht Seiendes, einen Möglichkeitssinn. Visionäres Denken gründet auf inneren Bildern aus der Tiefe der eigenen Person. Hirnforscher haben herausgefunden, dass dies mit der rechten Hirnhälfte geschieht, in der Bilder, Emotionen, analoges, kreatives und ganzheitliches Denken erzeugt werden. Durch direkten Sprung in die Zukunft werden keine Barrieren der Angst durch Gefahren und Probleme gebaut. Im positiven Mindset öffnet man sich positiven Zukunftsgedanken.

Um Präkognitives anzuregen, ist die Wahrnehmung von Vorgefertigtem und eingefahrenen Denkmustern zu lösen, die für Neues blind machen. Presencing hat damit zu tun, frei zu spinnen, Einfälle zuzulassen, Ideen nicht sofort zu bewerten oder gar zu verurteilen. Um neue Strukturen im eigenen Denken und Fühlen zunächst in uns entstehen zu lassen. Präkognitionen einzuüben heißt daher, sich Zeit zu geben, um sich absichtslos in innere Bilder hinein zu begeben und diese weiter zu erkunden. Am Anfang sind die Bilder vielleicht eher wie ein weißer Monitor. Doch je länger wir uns mit ihnen beschäftigen, umso klarer zeigen sie uns nach und nach, wie unser Traum der Zukunft Gestalt annimmt. Wir merken dann: Präkognitives entsteht wie von selbst. Die rechte Hirnhälfte liefert im entspannten Zustand Antworten, wenn wir sie nur lassen.

In der Präsenz, im Fühlen dieser Bilder, im eigentlichen Presencing, lassen sich dann im gleichen Modus auch andere mitnehmen…

Und die Steine

Die Arbeit der drei Steinmetze ist mühsam. Doch stellen Sie sich erst einmal die Perspektive der Steine vor… Ein normaler Stein, der in einen Bau eingefügt wird, muss viel über sich ergehen und sich an seinen Ecken und Kanten behauen lassen. Klingt nicht angenehm. Er wird herausgebrochen, bearbeitet, transportiert und eingefügt an der Stelle, die der Baumeister für ihn sieht – weit oben oder unten. Er bleibt kein Einzelner mehr, sondern wird Teil eines Ganzen. Wer weiß, was der Baumeister in einem Stein sieht und wo man dann eingebaut wird? Vielleicht irgendwo, wo man kaum Beachtung findet, wo einfach über einen hinweg geschaut wird? Oder man wird an einer Stelle gesetzt, an der man Wind und Wetter schutzlos ausgesetzt ist oder an eine, wo man besonders viel Last zu tragen hat? Gut, wenn beim Einbau die eigenen Fähigkeiten geachtet werden und man so die rechte Stelle für sich findet.  

Sandsteinmauer in der Pfalz

Abb.: Die Steinmetze sprechen uns auf vielen Ebenen an: Teil unserer entstehenden Sandsteinwand mit Fernblick in unserem privaten Herzensprojekt in der Pfalz.

Die Nähe der Parabel der drei Steinmetze zum biblischen Bild der „lebendigen“ Steine [2] ist bei Peter Drucker sicher kein Zufall. Drucker sah in den christlichen Werten das unverzichtbare ethische Fundament einer verantwortungsvollen Führung.

2. Integration

Jeder einzelne Stein wird angesehen und berührt, bevor er seinen Platz in der Kathedrale findet. Mit dem Einblick in den tieferen Sinn des eigenen Beitrages aber bekommt jeder noch so kleine Stein unendlich viel Würde. Dass Steinmetze so mit ihren Bausteinen umgehen, wird alleine der Visionär, der die zukünftige Kathedrale bereits vor dem inneren Auge sieht, erreichen können. Was für eine wichtige und verantwortungsvolle Aufgabe jedes Menschen, dem andere gerne folgen! Dass er von seiner Hoffnung in die Zukunft und seinem Sinn erzählt und anderen den Raum lässt, in diesem Bild beizutragen. Damit über den einen hinaus auch andere beginnen, sich mit diesem Bild zu identifizieren und sich Schritt-für-Schritt einbringen und integrieren lassen.

Die Vision als geistige Schöpfung ist naturgemäß abstrakt und unkonkret. In der Umsetzung der Vision in der Welt bekommt sie erst Schritt für Schritt wahrhaftig Gestalt und füllt sich gerade durch die Beteiligung vieler zunehmend mit Leben und Präsenz. Um hier Freiheit und Selbstorganisation der Mitgestalter zu ermöglichen, braucht visionäre Führung nun die Fähigkeit der Integration: Sie stellt Rahmen und Strukturen zur Verfügung, in denen andere motiviert sind, an der Entstehung der Ziele im emotionalen Flow dieser Zugkraft mitzuwirken. Sie geht verantwortungsvoll und wertschätzend mit Ressourcen um, sie würdigt den Beitrag und die Leistung des Einzelnen und nimmt bereits auf dem Weg gemeinsam erreichte Erfolge wahr. So unterstützt sie Einzelne und das Team bei der Entwicklung.

3. Schleifen und Ausdauer auf dem Weg

Spätestens wenn die erste Begeisterung beginnt zu verfliegen, gilt es weitere Schleifen zu gehen. Also wieder zurück ins Presencing. Ausblenden was ist und sich die Situation genau ausmalen, wie sie aussieht, wenn die Vision wahr geworden ist, bis ins Detail. Und dann gehen Sie Schritt für Schritt den Weg zurück, der Sie dahin gebracht haben wird. So lässt sich priorisieren und entscheiden, was jetzt auf dem Weg hält und was es jetzt zu tun gilt. Welche Menschen sind noch zu integrieren? Was ist noch zu beachten? In diesem Prozess entsteht Ordnung. Für die Umsetzung fokussiert es auf das jetzt Wesentliche auf dem Weg, ohne sich von der Größe des Zukunftsbildes desillusionieren zu lassen. Und das ist der Kern des Führens mit Visionen: in der operativen Unruhe Motivation und Ruhe aus übergeordneten, Sinn stiftenden Bildern zu ziehen. Für sich und sein Umfeld.

Die Geschichte lehrt, dass große Visionen – gerade von großen Kathedralen – großer Ausdauer bedürfen. Nach mehreren hundert Jahren Bauzeit wird etwa der Kölner Dom heute nicht umsonst als „ewige Baustelle“ bezeichnet…

 

[1] Nach P. Drucker, Die Praxis des Managements, 1956. Peter Drucker (1909-2005) gilt als Vater des modernen Managements und Schöpfer vieler Managementklassiker, unermüdlicher Lernender und Lehrer in der Art des sokratisch Fragenden.
[2] So verwenden etwa Petrus und Paulus in der Bibel das paradoxe Bild von „lebendigen Steinen“. Vgl. z.B. 1 Petrus 2,1-10; 1 Korinther 3, 9-17.


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