0621 | 44596656 info@ruhl-consulting.de

Senkung der Arbeitsmoral: Die Krise der Gegenwart

von Apr 30, 2024Impulsgeschichten

Die Anekdote zur Senkung der Arbeitsmoral stammt von Heinrich Böll (1917-1985). Böll gilt als bedeutender deutscher Schriftsteller der Nachkriegszeit und war für schonungslose Kurzgeschichten bekannt. Die Anekdote ist heute ein Klassiker der Zivilisationskritik. Böll schrieb sie mitten im Boom des deutschen Wirtschaftswunders zum Tag der Arbeit [*], zum 1. Mai 1963 für den NDR.

In einem Hafen an der Westküste Europas schläft ein arm gekleideter Fischer und wird durch das Klicken des Fotoapparates eines Touristen geweckt. Der Tourist fragt den Fischer, warum er nicht draußen auf dem Meer sei und fische. Es sei doch ein toller Tag, um einen guten Fang zu machen.

Da der Fischer keine Antwort gibt, denkt sich der Tourist, dem Fischer gehe es nicht gut. Er fragt ihn nach dessen Befinden, doch der Fischer hat nichts zu beklagen. Der Tourist hakt noch einmal nach, warum er denn nicht hinausfahre. Nun antwortet der Fischer, er sei schon fischen gewesen und habe so gut gefangen, dass es ihm für die nächsten Tage reiche. Der Tourist meint, dass der Fischer noch zwei-, drei- oder gar viermal hinausfahren und dann ein kleines Unternehmen aufbauen könnte, danach ein größeres Unternehmen und dieses Wachstum schließlich immer weiter steigern könnte bis er sogar das Ausland mit seinem Fisch beliefern würde. Dann hätte der Fischer genug verdient, um am Hafen zu sitzen und sich entspannen zu können.

Der Fischer entgegnet gelassen, am Hafen sitzen und sich entspannen könne er jetzt schon. Darauf geht der Tourist nachdenklich und ein wenig neidisch weiter.

Kritik der Wachstumsökonomie

Anekdotisch provokant trägt Böll seine Gesellschaftskritik zum Tag der Arbeit vor. Der Tourist verkörpert den schicken Aufsteiger der Zeit: Wirtschaftlicher Erfolg ermöglicht ihm Bildung und Urlaub im Ausland. Das sorglose Sein des schlichten Fischers steht dazu in Kontrast. So werden der Materialismus und Aktionismus deutlich, sich selbst in der arbeitsfreien Zeit keine Ruhe und Entspannung zu gönnen. Böll bedient sich der satirischen Übertreibung, um Erkenntnis heraus zu polarisieren. Die Metapher wird so eine Antithese zum Zeitgeist und verspottet die Wachstumsökonomie, die naive Gläubigkeit in unbegrenztes Wachstum und den – dem Narrativ folgenden – vermeintliche Sicherheit stiftenden übermäßigen Arbeitseifer. Die Figur des Fischers nimmt den Postmaterialismus vorweg und rückt den Sinnbezug ins Bewusstsein: Der Mensch lebt nicht, um zu arbeiten. Darin verfehlt er seinen Lebenssinn.

Die angestoßenen Systemkritiken und Fragen zu Lebensplanung, zu materiellem Reichtum und Freiheit haben in der Krise der Gegenwart nichts an Aktualität verloren. Wir schaffen mit unserer Wachstumsökonomie kollektiv Ergebnisse, die niemand will. Mit Phänomen wie Klimaerwärmung, (in Kriegen) eskalierende weltweite Konflikte, KI-getriebene Social Media Propaganda der Spaltung. Dahinter steckt ein Mindset von Ego- und Silodenken, das letztlich die Dynamiken von Stress, Gewalt und Zerstörung anheizt. Es ist uns als Gesellschaft dringend geboten, jetzt zu sehen, wie rapide dies die verbundenen Systeme an den Kipppunkt fährt. Wenn wir die reale Entwicklung vom Ende her sehen, kommen wir kaum umhin, unsere gemeinsame Verantwortung für eine lebenswerte Zukunft aller hier und jetzt annehmen. Vom ich zum wir.

Wenn du willst, dass sich etwas ändert, tue es im Kleinen selbst

Die planetarische Notlage können wir kaum lösen, ohne unsere Gewohnheiten aufzugeben. Es gilt, unsere Rolle und unsere Beziehungen zu und in unserer Umwelt, ja unsere ökonomischen Systeme zu transformieren. Die gegenwärtige Senkung der Arbeitsmoral unserer Postcorona Zeit beinhaltet so sicher auch eine Chance auf echte Transformation: Was ist es, was der Einzelne und die Gesellschaft am Ende wirklich braucht? Der schlichte Fischer in Bölls Anekdote war uns in puncto Reflexion und Regeneration sich erschöpftender Ressourcen wohl schon Jahrzehnte voraus…

[*] Der Tag der Arbeit geht auf dem 1. Mai 1886 zurück, an dem die Gewerkschaften in den USA eine Reduzierung der Arbeitszeit auf acht Stunden täglich einforderten.