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Vom Leben gezeichnet: Das schöne und das perfekte Herz

von Sep 15, 2011Impulsgeschichten

Auf der Suche nach dem perfekten Herz stellt sich die Frage, was schöne Herzen wesentlich ausmacht? Und es zeigt sich: Wer lebendig, mit sich selbst und anderen in Verbindung und Beziehung ist, macht sich verletzlich. So dass Wunden entstehen und Narben zurückbleiben können. 

Das Herz steht im Dreiklang der Organe Kopf-Herz-Bauch wesentlich für Empathie [1] und damit für die Fähigkeit mit sich selbst und anderen in Verbindung zu treten und tragfähige Beziehungen zu gestalten. Es integriert den Organismus mit seinem Takt. Die folgende Geschichte Das schöne Herz [2] ist eine Metapher dafür, was es bedeutet, Menschen mit einem offenen Herzen zu begegnen. Lesen Sie selbst:

Ein junger Mann stand eines Tages auf einem belebten Platz und erklärte, dass er das schönste Herz der ganzen Stadt habe. Viele Menschen versammelten sich um ihn und bewunderten sein Herz. Es war auch wirklich wunderschön. Es hatte keine Flecken und keine Fehler. Die Menschen gaben ihm recht. Es war in der Tat das perfekte Herz. Der junge Mann war stolz und prahlte weiter, er habe das schönste Herz. 

Da tauchte ein alter Mann auf und sagte: „Dein Herz ist nicht annähernd so wundervoll wie meines.“ Die versammelte Menge und der junge Mann schauten auf das Herz des alten Mannes. Dieses schlug kräftig, aber es war voller Narben. Es hatte Stellen, wo Stücke entfernt und durch andere geflickt worden waren. Die passten nicht richtig, und so gab es ausgefranste Ecken. An einigen Stellen waren tiefe Furchen, und es fehlten auch Teile. Die Leute starrten ihn ungläubig an: „Wie kannst du behaupten, du hättest das schönste Herz ?“ Der junge Mann schaute auf das so wenig perfekte Herz des alten Mannes und begann zu lachen. „Du musst scherzen, dein Herz mit meinem zu vergleichen. Mein Herz ist perfekt und deines ist voller Narben und Tränen.“ So sagte der alte Mann, „Ja, Deines sieht perfekt aus. Aber wahre Schönheit erkennst du nicht mit den Augen.“

Die Menschen lauschten, als der Alte weiter sprach: „Jede Narbe steht für einen Menschen, dem ich mein Herz geöffnet und dem ich von Herzen gegeben habe. Ich reiße ein Stück meines Herzens heraus, auch wenn es mich verletzt, und reiche es meinen Mitmenschen. Oft geben sie mir ein Stück ihres Herzens. Aber weil die Stücke nicht genau gleich sind, habe ich einige Kanten. Ich schätze sie sehr, denn sie erinnern mich an die Beziehungen, die wir geknüpft haben. Manchmal habe ich auch ein Stück meines Herzens gegeben, ohne dass mir der Andere ein Stück seines Herzens zurück gegeben hat. Das sind die leeren Furchen und Narben. Beziehung anzubieten und zu gestalten heißt ein Risiko einzugehen. Auch wenn diese Wunden schmerzhaft sind, erinnern sie mich daran, was ich für diese Menschen empfinde. Sie sind Teil meines Lebens, meiner Geschichte. Ich hoffe, dass sie eines Tages zurückkehren und den Platz weiter ausfüllen. Erkennst du jetzt wahre Schönheit des Herzens?“

Der junge Mann stand da. Er griff nach seinem so perfekten Herz und riss das erste Stück aus ihm heraus und bot es dem alten Mann an. Der alte Mann nahm es an und setzte es in sein Herz. Dann nahm er ein Stück seines alten vernarbten Herzens und füllte damit die Wunde im Herzen des jungen Mannes. Es passte nicht perfekt, da es ausgefranst war. Der junge Mann sah sein Herz an. Es sah nicht mehr perfekt aus, aber es war schöner als je zuvor. Denn er spürte die tiefe Verbundenheit mit dem alten Mann und sah zwei schöne Herzen. 

Menschen, die wir lieben, hinterlassen tiefe Spuren in uns. Diese tiefe Liebe macht schöne Herzen aus. Wenn wir unser Herz öffnen, machen wir uns immer verletzlich. Wir riskieren, uns Tiefen, Leid und Krisen auszusetzen. Doch nur so können wir das Leben mit seinen Höhen und Tiefen auch wahrhaft leben und in seiner Tiefe und seinem Reichtum erfahren. Echtes Leben ist nicht ohne Brüche und Narben zu haben. Selbst wenn Verletzungen, Wunden und Brüche  gut heilen und gut vernarben, bleiben sie ewig ein Teil unserer Geschichte und werden nicht aus dem Gedächtnis getilgt. 

Vielleicht können wir Gesundheit, Glück und Liebe, wenn sich Bedürfnisse auf tiefster Ebene erfüllen, gerade erst wegen früherer Kontrasterfahrung wahrhaftig tief empfinden. Krankheit, Leid und Krisen sollten wir daher genauso wenig ignorieren und verdrängen wie die vielen kleinen Glücksmomente in unserem Leben. Vielmehr sollten wir jede Erfahrung bewusst zur Vertiefung des Lebens annehmen. Menschen, die bewusst durch schlechte Phasen ihres Leben gegangen sind, an ihre eigenen Grenzen gekommen sind, ihre eigene Verletzlichkeit und Ohnmacht existenziell gefühlt haben, die vielleicht weitere Lebenszeit geschenkt bekommen haben, leben danach anders. Weniger oberflächlich. Tiefer. Bewusster. Und genau das macht sie auch oft zu interessanten Gesprächspartnern voller Lebensweisheit.

Und am Ende git: Perfektion st immer ein unmenschlicher Maßstab. Wahrhaftiges Leben sieht gerade im Unperfekten die ihm eigene wundervolle Schönheit.

[1] Empathie war auch ein eigenes Thema in unserem Krankenhausbarometer 2012/ 2013 “Veränderungsbarometer – Barometer der Empathie”.

[2] Vgl. jetzt.sueddeutsche.de/texte/anzeigen/463100/Das-schoenste-Herz (abgerufen am 5.7.2013). Hinter der Metapher steckt ein altes biblisches Motiv von der Erneuerung des Herzens durch das Hineinlegen der Gottesbeziehung. Ezechiel – neben Jesaja und Jeremia der dritte große Prophet des Alten Testaments – lässt Gott in Hes 11,19 sprechen: Und ich will ihnen ein anderes Herz geben und einen neuen Geist in sie geben und will das steinerne Herz wegnehmen aus ihrem Leibe und ihnen ein lebendiges Herz geben.

Von hier aus ist es dann auch kein weiter Weg mehr zur Analogie mit den Wundmalen Jesu im Neuen Testament: Jesus geht mit Wunden an Händen und Füßen sowie mit einer Wunde an der Seite,  in manchen ikonographischen Darstellungen auch durch das Herz Jesu symbolisiert, ins Reich Gottes ein. Genau an den Wunden erkennen seine Jünger später den Auferstandenen.

 


 

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