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The Moses Art of Change: Der Weg ins gelobte Land.

von Jun 1, 2011Impulsgeschichten

Das Urbild von Führung auf dem Weg in die Veränderung findet sich bereits in der Bibel: Moses führt sein Volk ins gelobte Land …

Die Geschichte Moses ist das gemeinsame Kulturgut der drei abrahamelitischen Religionen: Christentum, Judentum, Islam. Die christliche Bibel beginnt im Alten Testament mit dem Pentateuch, den fünf Büchern Moses: Genesis, Exodus, Leviticus, Numeri, Deuteronomium. Er vereinigt in sich die wohl wichtigsten und wirkmächtigsten Texte der Weltliteratur von der Schöpfung bis zum Tod Moses. Moses gilt für Christen als Urbild des Propheten, als Freund Gottes. Im Judentum bilden die 5 Bücher Moses die Tora. Ihre herausragende Bedeutung ist für Juden unstrittig alleine wegen ihrer Gesetze und Weisungen für ein gutes Leben. Und auch im Islam wird Moses geliebt: Die Geschichte Moses reicht als die längste und detaillierteste Geschichte eines Propheten auch im Koran über mehrere Kapitel. So lässt sich die Geschichte Moses durchaus überreligiös als gemeinsames Kulturerbe der Menschheit bezeichnen.

Das Managen von Veränderung ist in der Dynamik heutigen Wandels eine zentrale Aufgabe für Führung geworden. Die Dynamik tiefer Veränderungen ist im Wesentliche aber gar nichts neues. Das Urbild von Führung durch die Veränderung findet sich dabei bereits als Lebenswerk Moses in den alten Schriften. Die Phasen von Führung lassen sich dabei in der Dramaturgie eines Fünfakters nachzeichnen: Moses führt sein Volk der Israeliten, aus dem Stamm Jakobs, aus der Sklaverei in Ägypten heraus durch die Wüste und zum Berg Sinai bis zum Einzug ins gelobte Land. Lassen Sie sich neu inspirieren von der 2.500 Jahre alten Geschichte, die wir unter diesem Blickwinkel und mit Fokus auf die typischen Phasen einer Krise für Sie (ohne die blutigen Details) zusammengefasst haben.[1]

 

1. Akt: Veränderungskrise. Der Auszug des Volkes Israel aus der Sklaverei in Ägypten.

Zu Beginn, im Vorspiel oder im ersten Akt, werden dem klassischen Drama gemäß die handelnden Personen eingeführt und der Konflikt benannt: Einst waren die Menschen des Volks Israel wegen einer großen Hungersnot nach Ägypten gezogen und waren dort als Gastarbeiter willkommen. Mit der Zeit jedoch wuchs die Angst der Einheimischen vor Überfremdung. Der Pharao sorgte dafür, dass die Menschen des Volkes Israel enteignet wurden, fortan Sklaven waren und nicht mehr ihrem Gott dienen konnten. Ein Konflikt für den Gläubigen.

Ein Konflikt ist ein Warnsignal, das an sich noch keine Krise macht. Krisen entstehen i. Allg. aus einer ganzen Ansammlung und Zuspitzung kritischer Situationen. Sie deuten auf eine zunehmend dringend fällige „(Ent-)Scheidung“, die im Rückblick zu Wendepunkten in der Entwicklung führen.

So begab es sich, dass Gott Moses zu sich rief, um auf die neuen Bedingungen zu reagieren.

Eine Vision wurde geschaffen: Das Volk solle Ägypten verlassen, um ins gelobte Land zu ziehen. Moses wird zur Führung ernannt und soll das Vorhaben umsetzen. Er kennt seine Stärken und weiß, dass er ein Visionär, nicht jedoch ein Umsetzer ist. Daher meldet er Bedenken an. „Ich sehe das gelobte Land vor mir und kann dem Volk vorangehen. Aber den Umzug organisieren, dazu bin ich nicht der Richtige.“ „Na gut, dann etablieren wir eine Doppelspitze“. Gott stellt Moses seinen redebegabten Bruder Aron an die Seite, um die Umsetzung zu unterstützen. Darauf willigt Mose ein, das Lebensprojekt zu leiten. Das heißt nun, sich das Projekt zum eigenen Anliegen zu machen.

Die Veränderungskrise umfasst das Erkennen, Akzeptieren und Annehmen, dass Veränderungen nötig sind. Der äußere Konflikt des Alten mit dem Neuen wird durch die Antagonisten, den Pharao und die Ägypter, verkörpert. Bevor es zu Abschied und Aufbruch kommt, müssen die Ägypter das Volk Israel ziehen zu lassen. Wer seine Identität verändern will, darf von seinem Umfeld nicht in der alten Identität festgehalten werden. Die Ägypter weigern sich – nicht zuletzt wegen der finanziellen Einbußen und der benötigten öffentlichen Dienste wie Müllentsorgung und Straßenbau. Erst der Druck durch furchtbare Naturkatastrophen, die 7 Plagen, bringt den Pharao zur Einsicht. Er fürchtet noch höhere Verluste, wenn er nicht einlenkt. Die Juden sammeln sich nach dem Abschiedsritual, dem Pascha Mahl, und brechen auf.

Doch auf den Abschied folgt nicht unmittelbar der Neubeginn. Dazwischen liegen in den weiteren Akten die typischen Phasen der Verwirrung und Verzweiflung. In diesen Krisen und Prüfungen spiegelt sich, wie und ob die Veränderung nachhaltig trägt.

Werkzeuge zum Überwinden der Veränderungskrise:

  • Die Hauptprotagonisten Moses und Aron werden benannt. Auch wenn die Veränderung am Ende von jedem Einzelnen zu tragen ist. Es ist von Anfang an klar, wer führt, wenn es um die Veränderung geht und die Rollenteilung ist für alle transparent. Nur was von Personen verantwortlich getragen und gelebt wird, wird auch realisiert.
  • Zudem wird eine Vision zur Lösung des Problems gezeichnet: Das gelobte Land erscheint vor Augen, als zugkräftige Motivation für jeden Einzelnen, die Veränderung anzugehen.
  • Die ersten Schritte von Abschied und die Vorbereitung des Aufbruchs werden gestaltet.

2. Akt: Führungs- & Vertrauenskrise zu Moses. Der Zug über das Rote Meer.

Mit dem Aufbruch dramatisieren sich die Komplikationen weiter. Im letzten Moment überlegt es sich der Pharao anders und setzt den Israeliten mit einem Heer nach, um sie zur Umkehr zu zwingen. Das Volk Israel vertraut der Führung Moses und zieht gegen alle Einwände durch das ausgetrocknete Schilfmeer. Das Heer des Pharaos ertrinkt in den hinter den Israeliten zurückkommenden Fluten. Die äußeren Gegner sind untergegangen. Für die Israeliten gibt es nach dieser gemeinsam durchgestandener Krise einen frühen gemeinsam Erfolg (Quick Win[2]). Es gibt nun kein Zurück mehr. Zwischen ihnen und Ägypten liegt nun das Rote Meer. Jetzt wird es ernst mit der Veränderung.

Bald darauf schon zeigen sich die Schattenseiten. Es drohen Hunger und Durst und das Volk beginnt in einer ersten Führungs- und Vertrauenskrise, gegen die Anführer zu murren. Sie erkennen, wie weit das Ziel entfernt ist. Die Zweifel wachsen, ob sich die Mühen auszahlen werden. Veränderung stellt Führung in Frage. Von Führung wird Sicherheit erwartet und Veränderung ist Unsicherheit. Der Handlungsdruck der ersten Krise ist durchstanden, jetzt steigt die Ungewissheit, wie es weitergeht. Entscheidend ist nun: Es gibt keine Umkehr mehr, der Rückweg zur Vergangenheit ist versperrt. Die Israeliten murren und folgen doch einer Führung, die Orientierung gibt. Es ist die Führung, die nun ihren Anspruch auf den neuen Weg vertritt. Zeichen und Symbole künden von einer gerade erst begonnenen Veränderung. Mit dem Stab, mit dem Moses das Meer geteilt hat, schlägt er dann Wasser aus dem Berg.

Der Stab wird zum Symbol der Führung. Symbole und Zeichen stärken das Vertrauen in den Weg.

In dem Fall nicht weniger als  “Wunder” als Zeichen für die Präsenz Gottes. Zur Bewältigung der anstehenden Krisen kommt es auf die Substanz, auf die Klarheit und Motivationskraft des Vorhabens an: Die alten Erfahrungen und Regeln der Sklaverei werden durch die neue Freiheit “verletzt”. Kehrseite der Freiheit ist eine Leerstelle. Ein Erfahrung von Mangel, die zeigt, dass es nun darum geht, Verantwortung für sich selbst zu übernehmen. Wie kann jetzt die Umsetzung gelingen? Wie komme ich mit dem Risiko zurecht, das die Freiheit beinhaltet? Es entsteht ein neues Verständnis, das sich mit Vertrauen zu den Hauptpersonen verbindet. Ein Schlüssel ist die Unterscheidung zwischen der “Freiheit von” (etwa erzwungenen Sklavendienst) und der “Freiheit für” (etwa freien Gottesdienst).

Es stellt sich also die Sinnfrage tiefer. Die Frage des Wozu. Wird diese für den Einzelnen nicht klar beantwortet, droht nach dem ersten Erfolg eine tiefe Sinn-Krise. Die Führung bietet hierfür ebenso wie für die nächsten Schritte klare Orientierung.

Werkzeuge zum Überwinden der Vertrauens- und Führungskrise:

  • Früh werden erste Erfolge sichtbar (Quick Wins).
  • Es gibt Rückfallsperren, der Rückweg zur Vergangenheit ist versperrt (Point of no return).
  • Das “Wozu” der Veränderung hat der Einzelne klar vor Augen, auch wenn der Weg dahin in der Phase der Unsicherheit und Verwirrung noch so weit ist. Die Führung gibt klare Orientierung für die nächsten Schritte.

3. Akt: Entscheidungskrise. Moses erhält die 10 Gebote am Berg Sinai.

Dann wendet sich der Blick. Der Blick geht voraus. Es gibt ein klares Bild von der Zukunft. Die meisten sind von der Notwendigkeit der Veränderung überzeugt. Jetzt wird die neue stabile Ordnung eingeführt. Neue Regeln, Abläufe und Strukturen werden eingeübt. Jetzt werden auch harte Schnitte vollzogen. Es braucht klare Umsetzungsmacht, um Scheitern zu verhindern und weiter voran zu kommen. Dazu müssen die Massen für die Umsetzung gewonnen werden. Damit dies gelingen kann, stellen sich Schlüsselpersonen klar und überzeugt auf die Seite des Neuen – oder treten ab. Nun sind bewusste Entscheidungen nötig. Diskussionen, die versäumt wurden, können nicht mehr nachgeholt werden. Beteiligte, die noch nicht für die Umsetzung gewonnen sind, bleiben außen vor.

Moses steigt vom Berg Sinai mit der neuen Sozialordnung, dem neuen Ablauf der Jahresfeste und des Kultes. Der Beginn der neuen Geschichte der persönlichen Verantwortung des Menschen vor Gott ist “ge-Macht”. Die Entscheidung dafür ist nicht umkehrbar. Mit der Einsetzung der neuen Ordnung in den 10 Geboten wird die Veränderung greifbar, eine neue Identität entwickelt. Und mit der Entscheidung regen sich zugleich noch einmal die heftigsten Zweifel. Alle antagonistischen Kräfte werden noch einmal aktiviert. Tiefe interne Widerstände werden sichtbar. Moses kommt vom Berg und sieht den alten Tanz des autoritären Baalskultes um das goldene Kalb. Zur Kunst des Veränderns gehört, zu unterscheiden, was bewahrt und was verabschiedet werden muss.

Unverzüglich und entschlossen kommt ein klares Nein zu alten Bräuchen und Riten der Sklaverei.

Moses verhängt drakonische Strafen dafür, andere Götter mit Opfern bestechen zu wollen. Dieses klare Nein geht mit einem konsequenten Ja zu den neuen Werten einher. Wieder nehmen symbolische Handlungen voraus, was noch nicht umgesetzt ist und fokussieren die Beteiligten auf die anstehenden Aufgabe (“fake it until you make it”). Ihre Bedeutung ist den Beteiligten offenkundig. Moses selbst fertigt die Bundeslade für die Gesetzestafeln mit den 10 Geboten. Wie ein großes Geheimnis wird sie hinter einem Vorhang im Offenbarungszelt verhüllt. Immer wenn die Wolke über dem Zelt die Sicht freigibt, zieht das Volk von nun an weiter. Die neue Ordnung baut auf den 10 Geboten auf.

Werkzeuge zum Überwinden der Entscheidungskrise:

  • Jetzt wird eine bewusste Entscheidung für die neue Identität gefällt und die neue stabile Ordnung eingesetzt. In symbolischen Handlungen wird bereits die Gültigkeit der neuen Identität vorweggenommen.
  • Unmittelbar mit der Entscheidungen werden auch die nötigen harte Schnitte der Abkehr vom Alten umgesetzt.
  • Kommunikation in der Entscheidungskrise braucht die klare Orientierung von Schwarz/ Weiß, von Ja/ Nein.

4. Akt: Identitätskrisen. 40 Jahre Wüstenwanderung ins gelobte Land.

Das Volk Israel ist noch nicht bereit für ein Leben in Freiheit. Immer wieder kommt es zu Verwirrungen und Abspaltungen. Das Volk lernt nur langsam und unter großen Opfern, sich selbst in Freiheit mit zunehmendem Realitätssinn zu organisieren. Am Ende dauert die Wüstenwanderung bis zur Ankunft im Gelobten Land 40 Jahre. Für die Führung der Veränderung ist das die längste und härteste Zeit. Die dabei anstehenden persönlichen Identitätskrisen und Verwirrungen sind kaum vorhersehbar. Immer wieder wird das Neue hinterfragt und muss sich bewähren, bevor es von den Beteiligten wirklich geteilt und eine neue Identität verinnerlicht ist. Die Veränderung an sich wird zwar als gegeben hingenommen und nicht mehr in Frage gestellt. Die Krise zeigt aber, dass etwas in der Realität nicht funktioniert. Sie eröffnet die Chance, gemeinsam zu lernen und Dinge zu verbessern.

Wie schafft es ein Volk, das fast ein halbes Jahrtausend in Sklavenschaft gelebt hat, für sich selbst Verantwortung zu übernehmen? Die neue Freiheit muss mit Leben gefüllt werden. Daher sind die Identitätskrisen im 4. Akt auch der Motor der Veränderung. Erst nach einem Leben als Nomaden erreichen die Juden nach 40 Jahren den Jordan, den Grenzfluss zum Gelobten Land. Moses Auftrag ist vollbracht, ein freiheitliches Sozialwesen ist entstanden. Er kann als Protagonist abtreten. Für die weitere Umsetzung braucht es nun andere, um die neue Identität weiter zu stabilisieren. Moses regelt die Nachfolge und übergibt den Stab an Josua.

Werkzeuge zum Überwinden der persönlichen Identitätskrisen:

  • In der Umsetzung finden die Beteiligten in ihrer je persönlichen Veränderung zu einer neuen Rolle und Identität.
  • An den Krisen schärft sich der Realitätssinn. Sie sind jetzt die Basis für Lernen und Verbessern.
  • Worten folgen Taten. Die Vision wird Schritt für Schritt in der Umsetzung mit Leben gefüllt.

5. Akt: Ankopplungskrise. Der Einzug ins gelobte Land.

Der Zug über den Jordan ins Gelobte Land ist der Schlusspunkt der Veränderung. In ihm sind nur noch zwei der originären ägyptischen Flüchtlinge. Der Staffelstab der Geschichte ist an die nächste Generation übergegangen. Und die Beteiligten merken bald, dass die “Rede von Milch und Honig” wohl doch nicht so wörtlich zu nehmen ist. Um zum Ende der Veränderungsgeschichte zu kommen, müssen die Beteiligten in der neuen Welt ankommen.

Eine letzte Bewährungsprobe: Israel ist mittlerweile von anderen Völkern und Stämmen bevölkert. Das Volk Israel muss im kriegerischen Umfeld sein neues soziales und religiöses Gemeinwesen bewahren. Die eigene Verwandlung und neue Identität tritt bewusst hervor. Wie der Anfang, so wird auch das Ende gemacht. Nachdem sie final vollzogen ist wird die Feier der Ankunft Abschluss und Höhepunkt der Veränderung. Das Vergangene wird nun endgültig “Geschichte”, die es immer wieder durch Erzählungen im kollektiven Gedächtnis lebendig zu halten gilt.

Werkzeuge zum Überwinden der Ankopplungskrise:

  • Nachfolge bzw. Rollenänderung in der Organisation im Alltag regeln und das Erreichte weiter stabilisieren.
  • Ein Ende setzen und feiern.
  • Das Bewusstwerden der eigenen Verwandlung und Identität ermöglichen und die ganze Geschichte zur kulturellen Verankerung immer wieder aufs Neue erzählen.

[1] Frei nach Michael Loebbert und seinen weisen und wunderbaren Bezügen: Loebbert, Michael: The Art of Change – von der Kunst Veränderungen in Unternehmen und Organisationen zu führen. Die Geschichte kann zugleich als die gemeinsame Kulturgeschichte in Christentum, Judentum und Islam bezeichnet werden. Nehmen Sie doch gelegentlich die Bibel in die Hand und entdecken Sie selbst die Nuancen neu. Folgen Sie dem Bogen vom Auszug aus Ägypten im Buch Exodus bis zum Tod Moses im Angesicht des gelobten Landes im Buch Deuteronomium.

[2] John P. Kotter hat in seinen Untersuchungen festgestellt, dass das Ereignis eines schnellen ersten Erfolges entscheidend für erfolgreiche Veränderungsprojekte ist. Vgl. John P. Kotter (1996): Leading Change. Vgl. dazu auch das Vorgehen von Jerry Sternin zur  Bekämpfung der Unterernährung von Kindern in Vietnam.

 


 

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