0621 | 44596656 info@ruhl-consulting.de

Verantwortung des anderen übernehmen: Der Brief an die Eltern.

von Aug 15, 2014Impulsgeschichten

Das Hin- und Herschieben von Verantwortung des anderen, statt Verantwortung zu übernehmen schafft Konflikte, Unzufriedenheit und beeinträchtigt die Zusammenarbeit…

 

Brief an die Eltern und die Reaktion einer Mutter

Nach Dörthe Verres soll sich der Schriftverkehr so ähnlich zugetragen haben:

Sehr geehrte Familie Maier,
hiermit muss ich Ihnen leider mitteilen, dass Ihr Sohn Alexander im Mai im Mathe Unterricht häufig Heft oder Bücher vergessen hatte und oft zu spät kam. Für Ihr Kind ist es sehr wichtig, den neuen Stoff im Unterricht mit zu erarbeiten und zuhause das Gelernte in den Aufgaben selbst anzuwenden. Daher bitte ich Sie, mit Ihrem Sohn darüber zu sprechen, um Lücken und ein Sinken der Noten zu vermeiden. Falls Sie mit mir dazu sprechen wollen, bitte ich Sie, einen Termin mit mir auszumachen und mich anzurufen.
Mit freundlichen Grüßen, M. Gärtner

Sehr geehrte Frau Gärtner,
hiermit muss ich Ihnen leider mitteilen, dass Ihr Schüler Alexander im Mai im häuslichen Bereich häufig das Zimmer nicht aufgeräumt, die Kleider abends nicht auf den Stuhl gelegt und oft die Zähne nicht geputzt hat. Für Ihren Schüler ist es sehr wichtig, Hygiene- und Sozialverhalten zu Hause zu erlernen und dann das Gelernte anderswo selbst anzuwenden. Daher bitte ich Sie, mit Ihrem Schüler darüber zu sprechen, um größere Probleme und Ärger zu vermeiden. Falls Sie mit mir dazu sprechen wollen, bitte ich Sie, einen Termin mit mir auszumachen und mich anzurufen.
Mit freundlichen Grüßen, A. Maier

Zweiseitige Verantwortung in der Kommunikation

Wir sind verantwortlich für unsere Absichten und Handlungen, für unsere Gefühle und Bedürfnisse. Wenn wir eine Botschaft abgeschickt haben, haben wir keinen Einfluss mehr darauf, wie sie vom Empfänger auf der anderen Seite aufgenommen wird. Wie die Botschaft aufgenommen wird, welche Gefühle sie beim anderen auslöst,  wie die andere Seite reagiert, ist deren Verantwortung. Für die gemeinsame Beziehung, hier also die zwischen Lehrer und Eltern, haben beide Seiten jedoch die volle Verantwortung.

An dem Brief an die Eltern lässt sich gut hypothetisieren, wie Sprache und Worte im Brief der Lehrerin zu Widerstand und emotionaler Reaktionen geführt haben. Unterstellen wir, dass die Lehrerin in einer guten Haltung ist, es gut mit dem Sohn meint und die Familie ins Boot holen will, um den Sohn zur einem anderem Verhalten zu bewegen. Durch ihre – wenig einfühlsame – Ansprache im Brief an die Eltern ist es ihr nicht gelungen, eine Verbindung von Mensch zu Mensch herzustellen.

In der schriftlichen Kommunikation ist das per se schwer. Daher ist es weise, sich Folgendes zur Regel zu machen: Themen, die emotional sind oder emotional aufgefasst werden können, werden immer mündlich besprochen. Die schriftliche Kommunikation eignet sich rein für die Übermittlung von sachlichen Informationen!Bedürfnisse klären auch in der Verantwortung

In dem Moment, in dem wir versuchen, andere zu beeinflussen, sind wir nicht mehr bei uns selbst. Wer kümmert sich dann um uns, wenn wir selbst nicht bei uns bleiben? Wenn wir nur bei uns bleiben, dann übernehmen wir volle Verantwortung für uns und sorgen für unsere Bedürfnisse. Berücksichtigen wir dabei auch der Bedürfnisse des anderen, kann daraus eine große Kraft in der gemeinsamen Beziehung entstehen.

In unserem Fall entsteht kein Verständnis dafür, warum das Gespräch mit dem Sohn von der Lehrerin per Brief an die Eltern delegiert wird. Und mangels Verständnis entsteht auch kein Einverständnis. Statt dessen ist die Reaktion ein ironisches Schreiben, das die Lehrerin genauso vor den Kopf stößt wie sie zuvor vor den Kopf gestoßen hat. Die Kette des Schmerzes nimmt ihren Lauf… Verantwortung für die Beziehung übernimmt keine der beiden Seiten. Genauso wenig wie eine der beiden Seiten Verantwortung für die Aussprache der eigenen Bedürfnisse übernimmt und damit keine Weg öffnet, eine gemeinsame Lösung zu finden.

Statt dessen wird das Ping-Pong um die Verantwortung des anderen auf der Ebene der schulischen und häuslichen Erziehung des Kindes gespielt. Die Verantwortung wird von einem zum anderen geschoben, aber nicht übernommen. Denn: Verantwortung zu übernehmen bedarf stets einer Entscheidung dafür. Zu der ist es hier auf beiden Seiten nicht gekommen.

Gewaltfreie Kommunikation

Wie die Botschaft ankommt wird, hängt von der Haltung des Lesers ab. Doch auch in der schriftlichen Kommunikation hätte sich das Anliegen ganz anders angehört, wäre es in den vier Schritten der Sprache der Gewaltfreien Kommunikation vorgetragen worden. Etwa so redigiert:

Sehr geehrte Frau Maier,
(Beobachtung) Ihr Sohn Alexander hat im Monat Mai im Mathe Unterricht 10 von 12 mal Heft oder Buch vergessen. 9 von 12 Mal war er nicht zu Beginn des Unterrichts in der Klasse. Das kenne ich aus der Vergangenheit von Ihrem Kind nicht. 
Im Moment legen wir in Mathe die Grundlagen für die gesamte Oberstufe.
(Gefühl) Dabei 
mache ich mir Sorgen um Ihr Kind.
(Bedürfnis) Mir fehlt die Gewissheit, ob Ihr Sohn den neuen Stoff selbst anwenden kann und  dass er im Moment nicht den Anschluss verliert.
(Bitte) Können wir uns austauschen, um gemeinsam abgestimmt, die wirksamste Ansprache Ihres Sohnes zu finden? Ich würde mich freuen, wenn das auch in Ihrem Sinne ist und Sie  – gerne über Ihr Kind – einen Termin mit mir ausmachen.
Mit freundlichen Grüßen, Ihre M. Gärtner

Die Beobachtung enthält keine Bewertung  und die Bitte ist aus dem damit verbundenen Bedürfnis der Lehrerin verständlich. Sie bleibt ganz bei sich.

 

Vier Aspekte der Verantwortung

Die Übernahme von Verantwortung lässt sich genauso wenig erzwingen wie das Schenken von Vertrauen.Unter welchen Umständen Verantwortung übernommen wird, ist vielschichtig. Es braucht dazu jedoch Kompetenz und Engagement, damit Leistung entsteht. Zur Orientierung hilft es analog zur Leistungsformel, Verantwortung zunächst aus seinem Wortstamm „antworten“ heraus unter vier Aspekten zu verstehen:

Leistung Vier Aspekte der Verantwortung
Performance/ Kompetenz
  • antworten können – i.e.S. eine Frage praktischer Erfahrung
  • antworten müssen – eine Frage von Wissen und Aufgabe
Potenzial/ Engagement
  • antworten sollen – eine Frage der Autorisierung zu dürfen
  • antworten wollen – eine Frage der Haltung und Motivation

Klassifizierung der Verantwortung als Erfolgsfaktor nach Ruhl Consulting 2021

 

Fehlt eine oder mehrere dieser Aspekte der Verantwortung, kommt es zur Störung in der Zusammenarbeit und es manifestieren sich Konflikte. Da unvereinbar scheinende Ziele, Interessen oder Werte aufeinander treffen. Das hat Auswirkungen:[1]

  • Konfusion: Verantwortung wird an falscher Stelle übernommen, vieles geht durcheinander, Menschen mischen sich in andere Bereiche ein. So kommt es zu Konflikten und Anschuldigungen. Mit den Beteiligten ist zu klären, welche Stellen wo am besten antworten können.
  • Erosion: Verantwortlichkeiten sind nicht geklärt. Keiner fühlt sich verantwortlich. Es herrscht Planlosigkeit und Abwarten. Es geht erst einmal darum, antworten müssen und sollen klar zu strukturieren und die geklärten Rollen nach und nach in ihre Verantwortung zu nehmen.
  • Isolation: Es fehlt die Bereitschaft, außerhalb des klaren eigenen Bereichs Verantwortung für das große Ganze zu übernehmen. Es mangelt am antworten wollen. An der Haltung zu arbeiten, ist der langwierigste Fall.

Praxisbeispiel: Konfusion von Verantwortung

In einer orthopädischen Klinik kommt es immer wieder zu Konflikten zwischen Physiotherapie, Pflege und Ärzten. In einer Supervision erzählen die Therapeuten, dass sie alles für die Patienten täten und dafür kaum Anerkennung, sondern v.a. Ärger von Arzt und Pflege bekämen. So hatte z.B. ein Mitarbeiter einem Patienten eine Leselampe mitgebracht, da das Deckenlicht im Zimmer so kalt war. Ihm wurde mitgeteilt, das gehöre nicht zu seinen Aufgaben und er würde ein schlechtes Licht auf den Rest der Station werfen. Im Gespräch wurde deutlich, dass die Therapeuten z.T. besser über die Bedürfnisse der Patienten Bescheid wussten, da sie viel Zeit mit ihnen verbrachten. Aus einer gut gemeinten Haltung heraus, erfüllen sie seit jeher gerne deren Wünsche. Dadurch jedoch konnte in der Klinik kein Bewusstsein für die Probleme entstehen. Verantwortung wurde nicht geklärt und keine systematische Lösung gefunden. So wäre es z.B. besser gewesen, darauf aufmerksam zu machen, dass das Licht im Zimmer der Patienten zum Lesen nicht o.K. ist, um eine Lösung zu finden, die für alle Patienten ein besseres Licht schafft.

Die Frage der Verantwortung wird auch im Fall des Briefes an die Eltern von beiden Seitenunterschiedlich verstanden. Verantwortung  wird nicht rollengerecht geklärt und übernommen, sondern hin- und hergeschoben. Mit ihrer Bitte ist die Lehrerin auf das “antworten wollen” der Mutter angewiesen. Das beinhaltet, eine Lösung zu finden, die die Bedürfnisse beider Seiten verbindet. Unterschwellige Zuschreibungen der Verantwortung des Anderen führen in eine “gewalttätige” Kommunikationsspirale. Das Schreiben der Lehrerin erreicht nicht sein Ziel, sondern führt in einen leicht vermeidbaren Konflikt…

 

Vom Klären von Verantwortung zur Verantwortungskultur

In der Tat ist das Gelingen von Übergabe und Übernahme von Verantwortung eine hohe Kunst der Führung in unserer Zeit. Mitarbeiter wollen Freiheit. Selbstverantwortung und Freiheit aber sind zwei Seiten einer Medallie. Gute abgestimmte Abläufe auf struktureller und kommunikativer Ebene folgen Prozessen. Prozesse aber funktionieren nur in einer Verantwortungskultur. Eine gute Klärung der Verantwortung ist wichtig, um unnötige Konflikte in der Zusammenarbeit zu vermeiden. Eine wichtige Vorarbeit ist dafür, stringent Rollen und Kompetenzen zu klären. Und wie die Geschichte vom Brief an die Eltern lehrt, ist es dafür hilfreich, nicht direktiv, sondern in Achtung der gegenseitigen Bedürfnisse zu denken. Denn das schafft Verbindung und Vertrauen und damit den nötigen Nährboden, auf dem Zusammenarbeit gelingt.

Dabei ist Verantwortung  nicht nur bezogen auf die einzelnen Personen und ihre Rollen zu betrachten. Im Kern ist der Aufbau verantwortlicher Vertrauenspersonen an an der eigenen Seite, berechtigtes Abgeben und Loslassen können, ein Beziehungsgeschehen. Alleine durch den Willen der Führungskraft, Verantwortung auf geeignet qualifizierte Personen zu übertragen und dies in der Organisation zu manifestieren, wird Verantwortung noch nicht selbstverständlich übernommen. Wenn die mit einer Funktion verbundene Verantwortung in einem System nicht wahrgenommen wird, entstehen leicht dysfunktionale Symbiosen, die sich in Erosion, Konfusion und Isolation von der Verantwortung äußern.[2] Jeder kann selbst einen Beitrag leisten und dysfunktionalen Symbiosen mit konstruktiver Respektlosigkeit begegnen. Das ist die Basis einer gesunden Kultur der Verantwortung und der Konfrontation. [3]

Eine Klärung der Rollen, Strukturen und Verbindlichkeit vermeidet strukturelle Konflikte. Verantwortung darf dabei auch faktisch übertragen und übernommen werden. Laufende  offene Diskussion, sich gegenseitig aktiv Zuhören, sind die Basis gegenseitiger Unterstützung  und Vertrauensstärkung und der Festigung der Moral

 

[1] Vgl. Schmid/ Messmer (2005).

  • Außerhalb des eigenen Bereiches wird falsche Verantwortung konfus übernommen.
  • Nichts-Tun wird von anderen informell kompensiert oder es wird demonstriert, warum es unmöglich war, der Verantwortung gerecht zu werden. So erodiert Verantwortung.
  • Agitieren, der Verantwortung ausweichen und sich in operativer Hektik isolieren.

[2] Vgl. Schiff et al. (1975).

[3] Vgl. Schmidt, Bernd/ Caspari, Sabine (1992): Wege zu einer Verantwortungskultur oder: Symbiotische Beziehungen. Ein Anschauungsbeispiel für funktionale symbiotische Beziehungen stellen auch Paarbeziehungen auf Basis des gegenseitigen Respekts wie die der Obamas da.

 


 

Inspiration teilen

Die digitale Zeit verändert unsere Welt. In der vernetzten Welt wird Wissen blitzschnell in z.T. höchster Qualität virtuell geteilt. Einfach nur ins Web gestellt. Es kann so in kürzester Zeit in immer neuen Kontexten neu verknüpft werden. Immer neue Inspiration, sich stetig fort- und weiterbilden, sind in der digitalen Zeit wichtig. Es gilt, der Reflexion und dem Abgleich der eigenen Sinne mit Anderen Raum zu geben. Dazu leisten auch wir bewusst einen Beitrag. Berater des  21. Jhd. verkaufen kein Wissen an sich. Sie verknüpfen Wissen mit Lösungen in der Praxis. Zum Nutzen des Kunden. Es ist ein transparentes und offenes Arbeiten an und für die Organisation in der realen Welt. Von Mensch zu Mensch.

Wir freuen uns, wenn es uns gefällt und Sie uns weiterempfehlen! Verpassen Sie keinen neuen Beitrag mehr und abonnieren Sie unseren Newsletter. So erhalten Sie automatisch viermal im Jahr unsere Veröffentlichungen des letzten Quartals auf einen Blick.