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Lerneinheit Change Management – Vom Vertrauen im Wandel

von Juni 15, 2014Blogs

Wie erhalten Vorgesetzte das Vertrauen ihrer Mitarbeiter gerade im Wandel angewiesen? Welche Rollen spielen Gerechtigkeit und Fairness hierbei? 

Mehr als 2/3 aller Change Projekte scheitern – die meisten schon am Anfang. So bereits das Ergebnis von John P. Kotter, der Koryphäe auf dem Gebiet des Change, das sich seit dem immer wieder bestätigt hat. Hintergrund ist, dass eine kritische Masse an Menschen der Veränderung widersteht und in alte Muster fällt. Als Ausweg hat John P. Kotter in seinem Werk „Leading Change“ 1996 ein Acht Phasen Modell des Wandels entwickelt – als Vertiefung des Drei Phasen Modells von Kurt Lewin (Unfreezing – Moving – Refreezing). Das Werk von Kotter zählt heute zu den wichtigsten Change Management Werken. Es zeigt die Rolle der Kommunikation, um Zuversicht und Erfolgssicherheit für den Wandel zu geben. John P. Kotter gibt dabei Tipps v.a. für die kritische Anfangszeit: 

  1. Wichtigkeit und Dringlichkeit des Wandels bewusst machen (Argumente, Fakten, Risiken).
  2. Führungsteam etablieren, das die Anderen mit auf den Weg nimmt.
  3. Ziel, Weg, Vision und konkrete Strategien, verstehbar machen.
  4. Diese immer wieder kommunizieren. Betroffene zu Beteiligten machen.
  5. Hindernisse und Bremsen für später (in Struktur, Ablauf, Routine) aus dem Weg räumen.
  6. Quick Win schaffen, belohnen und feiern.
  7. Noch energischer diese und weitere Erfolge sichern, Change breiter schultern.
  8. Das Neue in der Routine verankern bis es etabliert ist.

Die acht Schritte haben im Blick, das Vertrauen des Mitarbeitenden für den Prozess zu gewinnen. Wenn das Neue zur Kultur geworden ist, war der Wandel erfolgreich. Doch wie kommen wir dahin?

Der Unicherheit trotzen und den Aufbruch wagen

Viele Menschen fokussieren sich bei Veränderungen auf die Risiken. Das Bestehende wird dann als Sicherheit empfunden – keine schöne Sicherheit, aber eben Sicherheit. Man weiß, was man hat. Das Neue ist unsicher. Unsicherheit ist für die Betroffenen sehr bedrohlich, die sich nicht von sich aus für das Neue entschieden haben. Sicherheit aber gehört nach der Bedürfnispyramide von Maslow zu den fundamentalen Grundbedürfnissen – gleich nach den physiologischen Bedürfnissen Essen, Trinken, Schlaf. Unsicherheit bedroht das eigene Selbst. Widerstand ist daher immer als das zu sehen, was es ist: ein Einsatz für die eigenen Bedürfnisse. Er sagt nicht, dass es keine Bereitschaft zur Veränderung gibt, sondern zeigt die Angst im Prozess. Der Mensch braucht Vertrauensanker in Zeiten vom Chaos und Unsicherheit, um den Aufbruch zu wagen uns sich von Vertrautem zu lösen, loszulassen.

Das ist eine hohe Hürde. Für den Aufbruch ins Unbekannt braucht es ein Wozu vor Augen, ein Erkennen, was nicht mehr stimmig und überholt ist. Sich einlassen, unterwegs sein, Schritt für Schritt. Und es werden sich neue Möglichkeiten zeigen. Veränderung geschieht immer auf dem Weg. Der Mensch, der dem Wandel ausgesetzt ist, braucht dazu emotionalen Halt und Orientierung. Und nicht jeder findet diesen in sich. Gut wenn er dann einer Führungskraft vertraut und dort Halt und Orientierung durch positive Unterstützung sucht. Denn dadurch reduziert sich sein Empfinden von Unsicherheit, Stress und Ohnmacht.[1] Vertrauen ist der Halt im Change, der Sicherheitsanker in der Unsicherheit. Und weil Führungen das Vertrauen ihrer Mitarbeiter nicht selbstverständlich gewinnen, sind so viele Change Projekte auch nicht erfolgreich. Vertrauen macht bereit zu Risiko, Kooperation und Leistung.

Vertrauen im Change – nicht zuletzt durch Fairness gewachsen

Menschen neigen unterschiedlich dazu zu vertrauen. Vertrauen lässt sich nicht verordnen, sondern wächst mit der Beziehung in einem Prozess der Zeit und Geduld braucht. Nach der Arbeit von Mayer/ Davis/ Schoormann [2], die die moderne Vertrauensforschung prägt, wird Vertrauen an drei zentralen Faktoren festgemacht: 

  • Kompetenz (Ability): die Person hat Einfluss und Ahnung von dem, was sie tut.
  • Integrität (Integrity): die Person steht zu ihrem Wort und den gemeinsamen Werten.
  • Wohlwollen (Benevolence): die Person meint es gut mit mir, hört mir zu und nutzt mein Vertrauen nicht aus – ich werde respektvoll und fair behandelt.

Menschen, die im Vertrauen unsicher sind, achten v.q. auf die empfangenen Signale. Aus diesen schließen sie, ob sie vertrauen können. Dazu orientieren sie sich – jenseits von Gerechtigkeit – v.a. am Wohlwollen gegenüber ihrer Person, wie respektvoll und fair sie mit ihren Bedürfnissen behandelt wird. Fühlt sie sich gesehen? Vertrauen auf Fairness ist die Basis, auf der sich Motivation und eine positive Haltung zum Wandel entwickeln können.

Fairness beweist sich nicht zuletzt dort, wo harte Entscheidungen und Enttäuschungen der Mitarbeitenden nötig sind. Wenn es Führung durch Empathie [3] gelingt, Verbindung zu halten und Kommunikation zu bleiben, ist das fundamental. Werden Mitarbeitenden Entscheidungen schlüssig erklärt, oder werden sie gar mit einbezogen, dann werden sie sich kaum unfair behandelt fühlen. Fairness setzt im Kern v.a. Verständnis voraus – im Sinne von Verstehen können. An fairer Behandlung macht sich fest, wie der Mitarbeiter Vertrauen fasst, sich für den Wandel öffnet und sich führen lässt.

Was Mitarbeiter als fair empfinden

Was ein Mensch letztlich aber als fair empfindet, entscheidet nur er selbst. Mitarbeitende reflektieren, ob sie für ihre Leistung eine faire Gegenleistung wie Verdienst, Beförderung oder sonstige Anerkennung erhalten. Sonst fühlen sie sich unfair behandelt. Führungen sollten ein Gefühl dafür bekommen.

Das Fairness Barometer aus 2011 liefert die Erkenntnis, dass Mitarbeitende freundlich und transparent erklärte Entscheidungen als fair empfinden und es für sie dann nicht schlimm ist, wenn sich diese nicht den eigenen Vorstellungen decken. Sie erwarteten nicht, dass in einer komplexen Organisation mit vielfältigen Interessen alles zu ihrem Vorteil sein müsste. Doch wenn das Gefühl aufkomme, unfair behandelt zu werden, können schnell emotionale Bindung, Commitment und Motivation vernichtet werden und in Wut und Enttäuschung enden. Dies resultiere in vermehrten Krankmeldungen, (inneren) Kündigungen, in Dienst nach Vorschrift und sinkendem Einsatz. Alles stehe und falle mit der Beurteilung der Fairness.[4]

Halt und Orientierung an einer als fair erlebten Führungskraft vermitteln dann entsprechende Sicherheit in Zeiten großer Unsicherheit. Wer gemäß Kotters Ansatz als Führungsteam die Widerstände ernst nimmt und individuell mit ihnen arbeitet, achtet die Prinzipien der Fairness und zahlt so auf das gemeinsame Vertrauenskonto ein.

 

 

[1] Die Grand Dame der Familientherapie Virginia Satir demonstriert ihren Weg, Veränderung auf kraftvolle Weise in einer Herzensverbindung und Einfühlung zu begleiten. Vgl. die Demonstration “The Essence of Change” auf Youtube. Sie baut intensiv Kontakt und Vertrauen auf mit Augenkontakt, warmer Stimme, zarter Berührung (eine oder beide Hände halten) und schafft so einen sicheren Raum, in dem sich der andere öffnen kann. Wer sich gesehen und berührt fühlt, kann ein neues Gefühl für sich selbst entwickeln. Sie zeigt dabei lediglich einen alternativen Weg auf, ohne die Autonomie der Entscheidung zur Nichtveränderung zu nehmen oder die Last zu tragen. Satir Erkenntnis als Therapeutin ist: Alles Lebendige strebt nach Harmonie. Möchte im Kontakt sein, berührt, gehört und gesehen werden. Dann kann es sich entspannen und ist viel mehr in der Lage, sich zu entwickeln, bekommt ein neues (Selbst) Wertgefühl und wächst. Das fordert vom Begleiter auf dem Weg Geduld, in Verbindung zu kommen. Aus Verbindung wächst Vertrauen. 

Die Kernaussage ihrer Arbeit mit den Anteilen und zu einem undienlichen Umgang mit Konflikten ist: Der Mensch ist primär vom Schmerz der Gegenwart motiviert, etwas zu ändern. Indem andere abgewertet werden, wertet man sich selbst auf, um zu vermeiden, sich selbst verändern und weiterentwickeln zu müssen. Doch tief im Herzen will er an einem Ort sein, wo er geschätzt wird. Dort liegt seine Hoffnung. Angst motiviert nicht für Veränderung. Für Veränderung braucht es Risikobereitschaft. Der Anteil, der Veränderung will, braucht viel Hilfe und Vertrauen, um sich einzulassen. Therapie ist ist darum ein Lernprozess für V. Satir.

[2] Vgl. Mayer, R.C./ Davis, J.H./ Schoorman, F.D. (1995): An Integrative Model of Organizational Trust, in: Academy of Management Review, Band 20, S. 709-734. Danke an Sabine Kirsch, die die Bedeutung der Studie für Führung in der Veränderung in unserem Webinar auf den Punkt brachte.

[3] Empathie basiert neurobiologisch auf dem Phänomen der Spiegelung. Meist ist es passiert, bevor man bewusst darüber nachdenken kann: unwillkürlich hat man ein Lächeln erwidert und die Stimmung hat sich aufgehellt. Der Alltag ist voller solcher spontaner Phänome der Resonanz. Emotionen und Stimmungen haben direkten Einfluss auf das Gegenüber. Vgl. Ruhl, S./ Eberts, E. (2019): Empathische Führung: Wie positive Resonanz und Personalbindung entstehen, in: Journal für Ästhetische Chirurgie, Springer Medizin Verlag GmbH, Springer Nature 2019.

[4] Im Fairness Barometer (2011) erklärten 85% der Befragten, viel Wert auf gerechte und faire Bedingungen zu legen. Die Studie zeigt, dass aber nur 40% der Befragten ihren Arbeitgeber für fair und gerecht halten. Entscheidungen des Chefs werden umso fairer empfunden, je freundlicher de Chef und je transparenter und begründeter die Entscheidungen sind. Vgl. Fairness Barometer (2011) der Fairness Stiftung gGmbH unter www.fairness-barometer.de (abgerufen am 16.08.2012).