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Lerneinheit Gesund Führen – Von Stress und Fehlzeiten

von Jun 14, 2014Blogs

Was sagen TK Stressstudie und AOK Fehlzeitenreport zum zunehmenden Stress in Kliniken und zum Wert von Gesund Führen und einer harmonischen Kultur?

 

Stressstudie

Der Vorstand der Techniker Krankenkasse (TK), Jens Baas, warf den Krankenkassen Anstiftung zur Manipulation der Schwere von Diagnosen vor, um höhere Risikostrukturausgleiche zu erholen. Mit der TK Stressstudie 2016 hat er erneut alarmierendes Material veröffentlicht. Zum 3. Mal sollte das Meinungsforschungsinstitut Forsa Berufstätige in der deutschen Bevölkerung zum Thema Stress befragen. Die Ergebnisse sind in einer 52-seitigen Studie zusammengefasst.

Bei im Schnitt 15 Fehltagen 2015 schlägt sich hoch empfundene nicht sofort in höheren Fehlzeiten nieder. Je häufiger, intensiver und anhaltender der Stress aber ist, desto größer ist das Risiko, dass er auf die Gesundheit geht. Ob Stress krank macht, hängt v.a. von individuellen Ressourcen und Widerstandskräften des Einzelnen ab (Resilienz, Resistenz). Alarmierend ist, dass das durchschnittlich empfundene Stressniveau weiter gestiegen ist und dass psychische stressbedingte Krankheiten in der Fehltagestatistik immer mehr Raum einnehmen.

Einige Fakten der Befragung zum Stressempfinden sind z.B.

  • 61% der Befragten empfinden 2016 mehr Stress als 2013.
  • 61% (2013: 57%) der Berufstätigen geben an, sich manchmal oder häufig gestresst zu fühlen.  23% (2013: 20%) finden sich häufig gestresst.
  • Wichtigster Stressfaktor ist laut der Studie der Job (46%, bei Männern sogar 54%). Dieser rangiert vor hohen Eigenansprüchen (43%, bei Frauen: 48%), Termindichte in der Freizeit (33%), Straßenverkehr (30%) sowie der ständigen Erreichbarkeit (28%, bei Männern: 34%).
  • In ihren Strategien im Umgang mit Stress sind die Deutschen sehr verschieden.
    16% halten sich für Kämpfer (haben den Ansporn, etwas zu erreichen und laufen bei Stress zur Hochform auf).
    56% sehen sich als Durchhalter („Augen zu und durch“) und
    22% als Vermeider (ziehen sich zurück und warten ab). 

Unbestreitbar haben Digitalisierung, Globalisierung und permanente Erreichbarkeit die Arbeitswelt verändert. Dies verlangt den Beschäftigten u.a. Flexibilität, Mobilität und Eigenverantwortung ab. Für die langfristige Leistungsfähigkeit unter Druck braucht es nach dem Kohärenzgefühl der Salutogenese dazu Verstehbarkeit, Bewältigbarkeit und Sinn als persönliche Ressourcen. Gerade bei langfristig steigendem Stressniveau sind Unternehmen mehr als je zuvor gefordert, gesunde Arbeitsbedingung und gute Führung bereit zu stellen.

 

Fehlzeitenreport

Der AOK Fehlzeitenreport 2016 unterstreicht dies.[1] Er stellt die Wichtigkeit einer als positiv erlebten Kultur für den Erhalt der beruflichen Leistungsfähigkeit heraus. Einige Zusammenhänge, die der Fehlzeitenreport 2016 aufdeckt, sind:

  • Für eine gesundheitsfördernde Kultur ist Mitarbeitern v. a. die Loyalität des Arbeitgebers (78%) und Anerkennung (69%) im Arbeitsalltag wichtig. 
  • Nur 55% der Beschäftigten erleben, dass der Arbeitgeber hinter ihnen steht. Lediglich 50% der Beschäftigten werden für gute Arbeit gelobt.
  • Mit der eigenen Gesundheit unzufrieden sind 27,5% derer, die eine schlechte Kultur erleben. Aber nur 8,9% derer, die eine gute Kultur erleben. 
  • Körperliche Beschwerden im Zusammenhang mit der Arbeitstätigkeit sehen 66,6% derer, die die Kultur als schlecht bewerten. Gegenüber 32%, die sie als gut erleben.
  • 2015 haben mehr als zwei Wochen im Betrieb gefehlt 31% derer, die die Kultur schlecht bewerten. Gegenüber 16,9% bei denen mit einer positiv erlebten Kultur. 
  • Gegen ärztlichen Rat krank zur Arbeit gehen 16,9% der Beschäftigten in einer als schlecht erlebten Kultur. Gegenüber nur 11,8% der Beschäftigten in einer als gut erlebten Kultur. 

Gerade in Kliniken – mit der helfenden Haltung vieler seiner Akteure – hat sich ein Mechanismus der Beschleunigung etabliert, der in die Lebensführung des einzelnen Mitarbeiters eingreift. Erwartungen und Ansprüche an den Einzelnen überfordern ihn situativ. Das zunehmende Stressempfinden kommt nicht von ungefähr. Es kann als eine soziale Wahrnehmung der aktuellen Zeit gesehen werden. Die Problematik von Berufstätigen, die aus dem Arbeitssystem fallen oder erst gar nicht eintreten, manifestiert sich im Fachkräftemangel. Menschen fehlen die Ressourcen, die sie zur Bewältigung – ggf. unrealistischer – Stellenanforderungen bräuchten. Oder um es mit dem Gedanken Heiner Keupps (Heraus aus der Ohnmachtsfalle: Psychologische Einmischungen, dgvt-Verlag, Tübingen, 2013) zu sagen:[2]

  • Die Normen für Anerkennung und Zugehörigkeit in einer Gesellschaft, in der Konkurrenz um Geld, Macht und Status herrscht, heißen Employability und ökonomischer Nutzen.
  • Diversity ist nur etwas, wenn sie Gewinne verspricht. Menschen mit eingeschränkter Leistungsfähigkeit haben in einer normierten Leistungsgesellschaft einen schlechten Stand. In Fehlzeitenstatistiken von Erwerbstätigen tauchen Sie allenfalls am Rande auf.

Verantwortung in einer individualisierten Gesellschaft fordert bei aller Leistungserwartung mit den personellen Ressourcen (von Beschäftigten und Ehrenamtlichen) sorgsam und wertschätzend umzugehen. Am Ende ist es ein sozialer Beitrag, den jeder Beschäftigte, jede Führungskraft, jedes Unternehmen gemeinsam mit dem Sozialsystem tragen kann. So reduziert sich Stress von innen heraus.

 

Stresstest – schon länger Konjunktur

Die Gesellschaft für deutsche Sprache (GfdS) wählte 1971 erstmals und kürt seit 1977 regelmäßig das “Wort des Jahres”. 2011 lautete das Wort des Jahres bereits “Stresstest”. Die GfdS begründete ihre Entscheidung damit, dass der aus der Humanmedizin stammende Begriff 2011 auffällig oft gefallen sei. Nicht nur Banken wurden auf ihre Belastbarkeit hin getestet, auch Projekte wie ‘Stuttgart 21’ und deutsche Atomkraftwerke wurden Stresstests unterzogen.[3]

Einem Stresstest sind auch Berufstätige ausgesetzt. Das Berufsleben wird von immer mehr Spurten geprägt. Entspannungsphasen wird als Thema der Freizeit gesehen. Aber auch im Beruf werden Mitarbeiter oft nicht aktiv in ihrer Regeneration unterstützt. Bereits einfache Maßnahmen können zur Entlastung beitragen:

  • Priorisieren Sie Ihre Aufgaben und machen Sie sich Listen zum Abhaken? Das schafft Struktur, Entlastung und sorgt für Transparenz.
  • Erstellen Sie Checklisten bevor Sie sich in die Arbeit stürzen? Das schafft Fokus und Tempo…
  • Genießen Sie, was sie täglich tun? Nehmen Sie sich Zeit für Pausen und Abstimmung? Mit gemeinsamer Unterstützung, Gesprächen, Lachen geht die Arbeit leichter von der Hand.
  • Wie nehmen Sie sich Druck? Weniger Perfektionismus macht entspannter. Auch Ihr Umfeld.
  • Muss es immer Plan A sein oder kann man sich ab und an die Arbeit leichter machen? Fünf gerade sein lassen? 
  • Nehmen Sie sich hin und wieder eine Auszeit statt den Jahresurlaub aufzusparen? Einige Stunden Spazierengehen im Wald etwa erden und sind gesund für Leib und Seele.

Mit diesen Tipps können Sie sich, ihre Mitarbeiter und Kollegen anschubsen, aus dem Teufelskreis des Stresses auszutreten und so die Arbeit länger genießen. Das Streben nach Glück ist ein zentrales Bedürfnis im Leben eines jeden Menschen. Weniger Stress und mehr Gesundheit (Salutogenese) im Beruf zahlen darauf ebenso ein, wie der Arbeit an sich Grenzen zu setzen.[4] Glück und Entspannung tragen zu weniger Stress bei und zu einer harmonischen Kultur.

 

 

[1] Vgl. B. Badura/ A. Ducki/ H. Schröder/ J. Klose/ M. Meyer (Hrsg.): Fehlzeiten-Report 2016, Unternehmenskultur und Gesundheit – Herausforderungen und Chancen Reihe: Fehlzeiten-Report, Jahrgang 2016.

[2] Heiner Keupp, Heiner (2013): Heraus aus der Ohnmachtsfalle: Psychologische Einmischungen, dgvt-Verlag, Tübingen.

[3] Vgl. gfds.de/stresstest-zum-wort-des-jahres-2011-gewaehlt/ (zuletzt abgerufen am 22.12.2017).

[4] Vgl.  Matyssek, Anne K. (2010): Gesund führen. Das Handbuch für schwierige Situationen; Strauss, Nicole (2013): Gesund führen. Leistung und Lebensfreude für Chefs und Mitarbeiter. Trainerverlag für Beratung, Training und Coaching, Riga. Der Glücksatlas Deutschland 2016 zeigt auf, dass die Deutschen aktuell so glücklich sind wie seit 10 Jahren nicht mehr. Ob dies als ein Prediktor auch für ein künftiges Sinken des Stresses der Berufstätigen gesehen werden darf, bleibt abzuwarten.