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Lerneinheit Dankbarkeit – Von Mangel und Fülle zugleich

von Juni 11, 2021Blogs

Wie kann Dankbarkeit zu einer Quelle für tiefes Glück und Resilienz gegenüber den äußeren Umständen werden? Wie wird sie zum Starkmacher in Stress und belastenden Situationen?

Ein dankbares Leben führen und glücklich sein

Dankbarkeit ist mehr als ein flüchtiges Gefühl die Haltung des Friedens. Die Sprache der Dankbarkeit mag in der Krise oft wie eine vergessene Fremdsprache sein. Doch Dankbarkeit ist nun mehr denn je ein wichtige Quelle der Kraft und innerer Zufriedenheit. Wenn wir dankbar sind, sind wir positiv orientiert im Leben. Wir können dann nicht zugleich feindselig, neidisch oder mutlos sein. Dankbarkeit gibt uns die Energie, den Blick auch auf das zu wenden, was trotz allem das Gute am Schlechten ist.

Der Benediktiner David Steindl-Rast sagt in einem TED-Beitrag [1]: „Wer dankbar ist, handelt aus einem Gefühl des Genügens und nicht aus einem Gefühl des Mangels heraus.“ Für ihn geht es nicht nur darum, ab und an dankbar zu sein, sondern Dank als Lebenshaltung zu leben. Darin erfüllt sich die tiefe Sehnsucht nach Glück, die allen Menschen gemein ist. Sein Credo ist: Wir sind nicht etwa dankbar, weil wir glücklich sind.

Wir sind glücklich, weil wir dankbar sind.

 

Bewusste Dankbarkeit

Für Steindl-Rast beginnt die Haltung der Dankbarkeit im Bewusstsein unserer Endlichkeit, Jeder Augenblick ist ein Geschenk. Wir haben nichts für diesen Augenblick getan und können nicht kontrollieren, wieviele weitere Momente uns geschenkt werden. Der Augenblick an sich ist einmalig – mit all den Möglichkeiten, die er enthält, und der Gelegenheit, die nicht zweimal anklopft. Oft verpassen wir die Gelegenheit, weil wir durch das Leben hetzen. Oder es als selbstverständlich nehmen und verlernt haben, darüber zu staunen und dankbar zu sein.

Ein Schritt zum glückenden, weil glücklichen Leben ist, sich zu dem, was ist, bewusst zu fragen:[2] „Ist das nicht überraschend?“ Solange uns nichts überrascht, gehen wir wie betäubt durchs Leben. Mit der Frage gehen wir wacher durch die Welt. Als Lebenskunst für ein glückliches Leben gibt er den Dreischritt „Stehen – Sehen – Gehen“ mit auf den Weg:

  • Stehen: Innehalte, Stoppschilder in den Alltag einbauen
  • Sehen: Wahrnehmen, was der Moment bereit hält, sich überraschen lassen
  • Gehen: Unser Herz öffnen, in Dankbarkeit genießen

Was für jeden Einzelnen funktioniert, potenziert sich durch emotionale Ansteckung [3] im Team. Worauf wir unseren Blick richten und welche Haltung wir ausstrahlen, was wir tun oder nicht, hat nicht nur Auswirkung auf uns selbst, sondern potenziell auf alle anderen. Jedes Team kann gemeinsam den Dreischritt vollziehen und den Fokus bewusst auf das lenken, was mit- und füreinander dankbar macht. Das stiftet unglaubliche Verbundenheit.

Bewusste Dankbarkeit hilft so im großen wie im kleinen, unabhängig von den äußeren Umständen, ein glückliches Leben zu führen. 

 

Marshall B. Rosenbergs Hadern

Wir können die Umstände nur bedingt beeinflussen. Doch können wir unsere Haltung immer frei wählen. Und wie es mit allen Dingen ist, auf die wir unsere Achtsamkeit oder unseren Fokus richten, so wächst Dankbarkeit, wenn wir ihr den Raum dazu geben. So wird Resilienz gestärkt. Dazu noch eine Geschichte:[4]

Marshall Rosenberg wurde einst von einem Hotelier und bekannten Küchenchef in die Schweiz eingeladen. Auf der Anreise kaufte er sich im Bahnhof ein Magazin. Das Cover zeigte ein afrikanisches Kind mit aufgeblähtem Bauch. Der Leitartikel berichtete, wie viele Kinder in diesem Land verhungern. Marshall las auf dem Weg nach Montreux jedes furchtbare Detail. Dann kam er an und war auf einmal bei diesem gastfreundlichen Mann, der ihm in seinem Luxus den Ehrenplatz am Esstisch anbot mit herrlichen Blick auf den Genfer See.

Mit einem Aperitif in der Hand und dem Bild des afrikanischen Kindes im Kopf fragte er sich: „Wie kann ich in der gleichen Welt wie dieses Kind leben und mit ansehen, dass Millionen Kinder verhungern? Wie kann ich da so ein extravagantes Dinner zu mir nehmen?“ Und während er das dachte, strahlte sein Gastgeber eine so wundervolle Energie aus und freute sich so sehr darüber, all diesen Luxus mit Marshall teilen zu können, dass etwas Erstaunliches passierte: Es war, als ob dieses Kind zu Marshall sagte: „Genieße es! Wenn Du es nicht genießt, habe ich nichts davon. Genieße es so, dass Du auch mir damit hilfst.“

Bedürfnis nach Nahrung – Fülle und Mangel zugleich

Wer sich nährt, in dem er bewusst die Schönheit der Welt genießt, tankt die Energie der Fülle in seine Schale. In seiner Kraft ist er in der Lage, sie für andere  einzusetzen, die der Fürsorge bedürfen. Das ist keine Rechtfertigung für ein nettes unbekümmertes Leben ohne Gewissen. Sondern eine Aufforderung, seine Energie zu nutzen, die man aus dem Reichtum seines Lebens schöpft, um in Dankbarkeit dem Leben zu dienen und Realität ein Stück weit zu verändern. Leben ist nur in Beziehung möglich – darin liegt auch eine Verantwortung. Daran gilt es sich täglich zu erinnern. Marshall Rosenberg schloss aus seinem Erlebnis in Montreux, dass es traurig wäre, wenn er nicht genießen könnte, was ihm vom Leben geschenkt wird. Aber er möchte sich bewusst darüber sein, dass beim Dinner nur ein Teil seines Bedürfnisses nach Nahrung erfüllt wurde.

Sein Bedürfnis nach täglicher Nahrung (ähnlich wie Mandelas Bedürfnis nach Freiheit) wird nie ganz erfüllt sein, wenn noch ein Mensch hungert auf der Welt. Beim Essen genießt er die delikaten Speisen und die besondere Atmosphäre. Und ist zugleich traurig über den Hunger in der Welt. Bei aller Dankbarkeit mochte er diese Traurigkeit nie verlieren. Er wollte beide Gefühle zugleich in sind lebendig sein lassen und daraus Handlung fließen lassen…

 

[1] TED-Talk von David Steindl-Rast zum Thema Dankbarkeit unter https://www.youtube.com/watch?v=UtBsl3j0YRQ (zuletzt abgerufen am 10.6.2021).

[2] Vgl. David Steindl-Rast (2018): Dankbarkeit leben. Ein inspirierendes Praxisbuch. Vier Türme Verlag, Münsterschwarzach, S. 17.

[3] Vgl. Luc Ciompi/ Elke Endert (2011): Gefühle machen Geschichte: Die Wirkung kollektiver Emotionen – von Hitler bis Obama, Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen.

[4] Vgl. Rosenberg, Marshall B. / Seils, Gabriele (2012): Konflikte lösen durch Gewaltfreie Kommunikation: Ein Gespräch mit Gabriele Seils, Verlag Herder GmbH, Freiburg im Breisgau, 15. Auflage, S. 130-146.