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Lerneinheit Pessimismus – Vom Schutz vor Ansteckung

von Feb 16, 2019Blogs

Die Untersuchungen von Hans Rosling zeigten, dass wir dazu neigen, die Welt pessimistisch zu sehen, und zwar pessimistischer als sie in vielen Bereichen ist. Wie können wir uns vor Pessimismus [1] besser schützen?

Bevor wir uns allgemein mit pessimistischer Sicht auf die Welt beschäftigen, können Sie anhand weniger Fragen hier Ihre eigene Sicht testen (O.K., natürlich sind Sie schon vorgewarnt, dass es um das Thema Pessimismus geht, was das Ergebnis vermutlich verzerren wird…). Also versuchen Sie möglichst unstrategisch aus dem Bauch heraus Ihre Sicht zu äußern.

Schreiben Sie sich Fragenummer und Buchstaben Ihrer Antwort auf:

1.) Wie viele Mädchen absolvieren heute die Grundschule in den Ländern mit niedrigem Einkommen?
A: 20 Prozent
B: 40 Prozent
C: 60 Prozent

2.) In welchen Ländern lebt die Mehrheit der heutigen Weltbevölkerung?
A: in Ländern mit geringem Pro-Kopf-Einkommen
B: in Ländern mit mittlerem Pro-Kopf-Einkommen
C: in Ländern mit hohem Pro-Kopf-Einkommen

3.) Wie hat sich in den letzten 20 Jahren der Anteil der in extremer Armut lebenden Weltbevölkerung entwickelt?
A: nahezu verdoppelt
B: nicht oder nur unwesentlich verändert
C: deutlich mehr als halbiert

4.) Wie hat sich die Zahl der Todesfälle pro Jahr durch Naturkatastrophen über die letzten 100 Jahre entwickelt?
A: mehr als verdoppelt
B: etwa gleich geblieben
C: mehr als halbiert

5.) Wie viele der einjährigen Kinder auf der Welt sind gegen irgendwelche Krankheiten geimpft?
A: 20 Prozent
B: 50 Prozent
C: 80 Prozent

6.) Weltweit waren 30-jährige Männer durchschnittlich 10 Jahre lang auf einer Schule. Wie viele Jahre haben gleichaltrige Frauen die Schule besucht?
A: 9 Jahre
B: 6 Jahre
C: 3 Jahre

Richtig sind 1:C, 2:B, 3:C, 4:C, 5:C, 6:A. Wieviele Antworten haben Sie richtig?

Dies sind 6 der 12 Fragen, die Hans Rosling, Professor für internationale Gesundheit in Stockholm und Gründer der Gapminder Stifung, bis zu seinem Tod 2017 fast 12.000 Menschen in 14 Ländern gestellt hat.[2] Seine Stiftung hat es sich zum Auftrag gemacht, Statistiken verständlich aufzubereiten, v. a. solche, die den Fortschritt zeigen. Denn sein Leben lang wandte sich Rosling gegen eine zu pesimistische Weltsicht. Er zeigte mit seinen Fragen, wie sehr wir von pesimistischen Erwartungen infiziert sind. Im Schnitt nämlich beantwortete – unabhängig von seinem Bildungsgrad – jeder Befragte nur zwei von zwölf Fragen korrekt. Die Fragen wurden mehrheitlich pessimistischer beantwortet, als sie sich in der Realität darstellen. Die Befragten tendierten also in ihrer Erwartung, eine unrealistisch pessimistische Weltsicht zu haben.

Rosling hatte für diesen Pessimismus eine interessante Erklärung: Das menschliche Gehirn ist evolutionsbedingt instinktiv – ohne bewusstes Nachdenken – darauf getrimmt, Gefahren aufzuspüren und ihnen aus dem Weg zu gehen. In der modernen Welt ist diese Vorsicht dahin mutiert, Dramen zu finden. Das wird zur Neigung, pessimistisch empfundenen Dingen mehr Beachtung zu schenken als positiven, Dinge zu verallgemeinern, sie negativ zu überzeichnen und schlimmer zu machen, als sie sind. [3] Im Austausch mit anderen werden negative News sofort weitergegeben, die positiven jedoch nicht unbedingt. Die Medien, die uns ständig mit Berichten über schlimme Ereignisse versorgen, sind nicht zuletzt dafür mitverantwortlich, dass wir in der Sorge pessimistische Erwartungen pflegen. So gehen die guten Dinge eher unter. Sachliche Argumente haben gegen das Gefühlte dagegen einen schweren Stand. So dass Entscheidungen oft unter unrealistisch pessimistischen Annahmen getroffen werden. So wird die Haltung selbst also zu einer Entscheidung.

Pessimisten gelingt es mit ihrer bloßen Anwesenheit, die Stimmung in einem Raum herunterzuziehen. Indem sie ihre Negativität versprühen, schlecht reden, negative Nachrichten weitergeben, ihr Leid klagen, sich beschweren oder kundtun, was sie eben nicht mögen. Nichts scheint nach ihrem Geschmack. Am Ende weiß niemand, was sie eigentlich mögen, erinnert sich keiner an eine Freude und ein Glück, von dem sie jemals gesprochen hätten. Die völlig pessimistische Fixierung und das Ausblenden von positiven Ereignissen, birgt Ansteckungsrisiken. Wie ein schwarzes Loch droht sie alles andere zu absorbieren. Darunter leidet auf Dauer das Umfeld. Ein Gefühl der Resignation oder der Überforderung verbreitet sich. Wohin eine mehrheitlich pessimistische Grundhaltung von Menschen führen kann, die sich selektiv auf alles Schlechte konzentrieren, mag man sich nicht weiter ausdenken.

 

Wie aber kann man sich vor der Ansteckung vor dem Pessimismus schützen?

Es heißt: Jeder ist seines Glückes Schmied. Das Glas ist nicht nur halbleer, es ist auch halbvoll. Wie aber soll man sich nicht von solchen Energieräubern auf 180 bringen lassen und selbst nicht pessimistisch werden, wenn man sich angegriffen fühlt? Den anderen im Konflikt auf seine Negativität hinzuweisen, funktioniert nicht. Das vermittelt nur, du bist nicht o.k. und musst dich ändern. Dagegen muss sich dann der Andere wehren. Das verstärkt sein Muster eher weiter, denn jetzt hat er erst recht zu beweisen, dass die Welt ein schlechter Ort ist. Ggf. bricht darüber sogar ein Streit aus. Daher kommen positive Naturen häufig irgendwann zu dem Punkt, negativ grundgestimmte Menschen zu meiden und ihnen aus dem Weg zu gehen. An der Haltung der Person ändert das aber genauso wenig wie die Kritik.

Die Frage ist, ob es auch einen konstruktiven Lösungsweg gibt, einer pessimistischen Weltsicht zu begegnen und selbst in einer positiven Haltung zu bleiben? Damit ist nicht gemeint, in völliger Naivität oder Schönfärberei vor der Realität die Augen zu verschließen, sondern vielmehr, bei alledem seine Hoffnung nicht aufzugeben. Niemand als wir selbst ist für unsere negativen Gedanken und Gefühle, die in uns wirken, verantwortlich. Im Laufe unseres Lebens erlernen wir Reaktionsmuster, die sich durch Wiederholungen festigen und automatisieren. Dann braucht es nur noch einen Reiz und wir reagieren impulsiv. Und wir erlauben anderen, uns und unser Wertesystem zu reizen und unsere Knöpfe auszulösen. Die Erkenntnis, dass wir dem anderen nicht ausgeliefert sind, sondern unser Denken und Handeln bewusst überdenken können, ermöglicht, sich als Gestalter anstatt als Opfer der Situation und des Gegenübers wahrzunehmen. Wichtig ist also zunächst zu erkennen, dass Negativität, wenn auch von außen angestiftet, zuerst einmal in uns selbst geschieht. Durch Innehalten und Reflexion schalten wir den Verstand in ein – sonst von automatisierten Emotionen beherrschtes – Verhalten ein und erhalten Ressourcen, um einen Austritt aus der Negativspirale zu finden. Der Trigger, die alten Emotionen, sind noch da, aber durch die Wahrnehmung im Hier und Jetzt nehmen sie schon deutlich ab. Wir gewinnen Impulskontrolle und das anfänglich negative Gefühl tritt in den Hintergrund. Wenn wir so die Verantwortung für unsere Reaktion annehmen, dann haben wir zugleich auch die Macht, sie zu dämpfen. Wir können dann durch bewusste Intervention den Absprung schaffen, um nicht selbst von der Negativität absorbiert zu werden und ebenfalls negativ zu reagieren.

Dabei helfen rationale Erklärungen, ein Verständnis. Weshalb verhält sich und denkt der pessimistische Mensch so wie er es tut? Sobald wir mit dem Verstand etwas begreifen, kommen wir automatisch besser damit zurecht. Erklärungen sind wie Schnuller (engl. pacifier = Friedensstifter). Unerklärliches hat dagegen etwas Verunsicherndes. Ob die Hypothesen richtig sind, ist am Ende gar nicht so entscheidend. Wichtig ist, dass sie mehr Klarheit geben. Erklärungen ermöglichen, mit dem anderen mitzufühlen, seine unbefriedigten Bedürfnisse wahrzunehmen.

Empathie ist DER Schlüssel, um unser Herz anderen Menschen gegenüber zu öffnen. Wenn wir es schaffen mit dem negativ gestimmten Gegenüber mitzufühlen, verschwindet unser negatives Gefühl. Doch was einfach klingt, ist mit sehr viel Kraft verbunden. Um nicht nur ein negatives Gefühl zu überwinden, sondern es sogar in etwas Positives wie Liebe und Empathie zu verwandeln. Es fordert emotionale Reife und Übung. Und indem wir in eine positive Haltung zum anderen gehen, ein Stück weit unsere eigenen Bedürfnisse parken, sind wir beim anderen und finden einen Weg, mit Negativität umzugehen, ohne uns selbst daran anzustecken. Das hilft, einen Blick für die Realität zu bewahren, und schützt vor Aussagen und Taten, die man später oft bereut. Meistens gibt es neben dem Schlechten mindestens genau so viel Gutes und sehr Gutes. Empathie ist erlernbar, indem man Gefühle und Bedürfnisse als Schönheit des Menschen anerkennt und zunächst lernt, sie bei sich selbst anzunehmen.

 

[1] Ismen sind im Allgemeinen sprachlich interessante und selten neutrale Wortschöpfungen. Bei Begriffen mit der griechisch stämmigen Nachsilbe -ismus handelt es sich oft um Meinungen, Lehren, Weltanschauungen bzw. Ideologien mit der Tendenz einer Extremposition, radikaler Übersteigerung und mit dogmatischem Einschlag. Der Begriff mit Endung -ist meint ein Anhänger dieser. Nur selten werden entsprechende Begriffe zur neutralen Klassifizierung verwendet, wie bei Organismus oder Mechanismus. Wie beim Beispiel Pessimismus stellen viele -ismen Extrempole dar. Eine sehr negativ bewertete extreme, intolerante Geisteshaltung verbirgt sich hinter Begriffen wie Fundamentalismus, Fanatismus und Extremismus. Sie beziehen sich auf starre, nicht wandlungsfähige, verabsolutierte Inhalte.

[2] Vgl. Hans Rosling, Anna Rosling Rönnlung, Ola Rosling: Factfolness – wie wir lernen die Welt so zu sehen, wie sie wirklich ist, Ulstein Buchverlage GmbH, Berlin, 9. Auflage 2018, S. 13-27.

[3] Schon Paul Watzlawick weist darauf hin, wie gerade auch die Weltliteratur aus eben diesem Pessimismus schöpft, wenn er in seiner „Anleitung zum Unglücklichsein“ feststellt: Dantes Inferno ist ungleich genialer als sein Paradiso. Dasselbe gilt für Miltons Paradise Lost gegenüber Paradise Regained. Faust I rührt zu Tränen, Faust II zum Gähnen.


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