0621 | 44596656 info@ruhl-consulting.de

Lerneinheit Arztserien – Vom Einfluss von The Good Doctor & Co.

von Nov 25, 2018Blogs

Welche Krankenhaus- und Arztserien wie The Good Doctor sind die Dauerrenner im TV? Welchen Einfluss, welche Chancen und Probleme hat das medial gezeichnete Arztbild real auf Kliniken? Welche Erwartungen erzeugt es bei Menschen an Kliniken – etwa zum Patientengespräch? Was bedeutet es, wenn TV Klinikserien für viele Zuschauer das wiederkehrende “Fenster in die Welt der Klinik” sind? 

Im Oktober 2018 ist im deutschen TV auf VOX wieder eine Arztserie aus den USA angelaufen: The Good Doctor (ABC Official Trailer “The Good Doctor” in englischer Sprache). In den USA ist „The Good Doctor“ bereits 2017 gestartet und bereits um eine zweite Staffel verlängert worden. Die erste Staffel ist in Deutschland 2018 im Pay-TV auf Sky gelaufen und daher Ende 2018 auch bereits bei Streaming Anbietern verfügbar. Es geht in “The Good Doctor” um den jungen Chirurgen Dr. Shaun Murphy (dargestellt von Freddie Highmore), der nach San José zieht und am St. Bonaventure Hospital eine Stelle in der Kinderklinik antritt. Nicht nur wegen seines Alters unterscheidet er sich von den Kollegen. Dr. Murphy entpuppt sich mit seinem medizinischen Wissen und seiner intellektuellen Inselbegabung als ein fachliches Genie. Bedingt durch seinen Autismus mit Savant Syndrom ist es ihm aber nicht möglich, Empathie zu empfinden. Ehrlich und direkt spricht er im Patientengespräch. Warme Worte bringt er nicht über die Lippen. Seine sozialen Fähigkeiten sind eingeschränkt. Ein Freak. Damit ist das Grundthema der Serie mit seiner Arztfigur aufgespannt: Ob Dr. Murphy für die pädiatrische Abteilung ein “guter Arzt” ist?

“Heile Welt” im Nachkriegsdeutschland

Seit 1966 ermittelt u. a. das Institut für Demoskopie Allensbach das Ansehen und das Vertrauen der Bevölkerung in ausgewählte Berufe. Von Anfang an ist der Arztberuf unangefochten die Nummer 1 im Ranking. So zählen 76% der Deutschen laut der letzten Allensbacher Berufsprestige Skala von 2013 den Arzt aus einer Liste von 18 Berufen, als die Berufsgruppe, vor der sie am meisten Achtung haben (wobei nicht nach der Feuerwehr und dem Lokführer gefragt wurde). An zweiter Stelle folgt die Krankenpflege mit 63%, vor der Polizei an dritter Stelle mit 49%.

Bei dem Ansehen der medizinischen Berufe in der Bevölkerung ist es kein Wunder, dass Arztfilme und Klinikserien seit jeher großen Anklang bei Zuschauern finden. Bereits seit den 1930-er Jahren wurden in Deutschland Arztfilme für das Kino produziert. In den 1950-er Jahren waren es zwei beliebte Typen von Filmen: [1]

  • Filme, in denen der Arzt als männlicher „Halbgott in Weiß“ als eine charismatische Autorität angelegt war. Wie z.B. „Sauerbruch – das war mein Leben“ (1954) oder „Der Arzt von Stalingrad“ (1958).
  • Filme, in denen Ärzte sich in Gewissenskonflikten und Liebesbeziehungen befanden und ihre moralische Integrität erst unter Beweis stellen mussten.

Die ersten Arztserien für das deutsche Fernsehen wurden in den 1960-er Jahren produziert. Sie knüpften an das Genre der deutschen Familienserie der 1950er-Jahre an und nahmen Motive des Heimatfilms auf. Mit dem „Landarzt Dr. Brock“ startete die erste deutsche Arztserie, mit dem „Hafenkrankenhaus“ 1968 die erste deutschen Krankenhausserie, in der der Lokalkolorit des Hamburger Hafens zu erkennen war.

„Das Krankenhaus am Rande der Stadt“ als Mutter aller Arztserien

In den 1970er-Jahren kam es zu mehr Realitäts- und Problemnähe. V.a. importierte Serien wie 1972/73 „Marcus Welby“ wurden wegweisend für das Genre Klinik-Serie mit pädagogischen und sozialkritischen Anklängen. „Das Krankenhaus am Rande der Stadt“ wurde ab 1979 im DDR-Fernsehen bzw. ab 1980 bei der ARD ausgestrahlt. Was unscheinbar als tschechischer Überraschungserfolg startete, wurde zur “Mutter aller Klinik-Serien“. Hier wurden differenzierte Bilder der Charaktere, Situationen und Probleme in der Klinik gezeichnet und auch die fachliche Stimmigkeit berücksichtigt.

Die deutsche Klinik Idylle und der Kult um “die Schwarzwaldklinik”

Doch bereits in den 1980ern pendelte nach dem Motto „so viel Realität wie nötig, so viel heile Welt wie möglich“ das Genre zu alten Mustern zurück. 1985-1989 löste die ZDF-Produktion „Die Schwarzwaldklinik“ im Glottertal bei Freiburg die Wende weg von den eher bildungsbetonten Serien der 1970er Jahre hin zur populären Unterhaltung einen Hype aus. Wirkungsvoll waren die Folgen in Manier der „Groschenromane“ mit hohem Menschlichkeitsfaktor und gelegentlichen Tabubrüchen angelegt. Die Schwarzwaldklinik kombinierte Elemente aus Arzt-, Krankenhaus-, Heimat- und Familienserie und knüpfte mit Klausjürgen Wussow als Professor Klaus Brinkmann, Sascha Hehn als Dr. Udo Brinkmann, Gaby Dohm als Schwester Christa und Barbara Wussow als Schwester Elke an die überhöhte Arztfigur und die Geschlechterrollen der 1950-er Jahre an. Mit im Mittel 25 Mio. v.a. weiblichen Zuschauern mittleren Alters, einer Einschaltquote von 60% über 70 Folgen ist die Kultserie ein sensationeller Quotenhit und bis heute Deutschlands erfolgreichste Klinikserie.[2] In der Folge boomten deutsche Arztserien mit ähnlichen Anklängen an Heimatfilm und Familienserien, wie „Der Landarzt“ mit 22 Staffeln (ZDF, 1986-2012), „Praxis Bülowbogen“ (ARD, 1987-1996) und “Bereitschaft Dr. Federau” (DDR Fernsehen, ab 1988).  Je rudimentärer die private Familienstruktur, umso stärker übernimmt das berufliche Umfeld die Funktion der “Familie”. Anderer Art waren nur importierte ausländische Produktionen.

Nach der Einführung des dualen Rundfunksystems und seiner Programmexplosion expandierte auch das Angebot an Arzt- und Klinikserien weiter. So kamen in den 1990er Jahren Eigenproduktionen privater Sender hinzu, die inhaltlich weiterhin auf die bewährte Klinik-Idylle setzen. Die Medizin diente dabei als atmosphärische Kulisse für die Konflikte der Protagonisten. Serien, die auf einen einzelnen Arzt fixiert sind wie “Frauenarzt Dr. Markus Merthin” (ZDF, 1994–1997) oder “Doktor Stefan Frank – Der Arzt, dem die Frauen vertrauen” (RTL, 1995–2001), stehen in der Tradition des trivialen Arztromans. Neben der Masse wächst zugleich – v.a. durch Einflüsse aus den USA – die stilistische Bandbreite der Serien von realitätsnaher Gestaltung über dokumentarische Serien bis hin zu Soap Operas mit Comedy.

Medizinischer Realismus seit der Ära “Emergency Room”

Den Durchbruch für die realistischeren Arztserien in der medizinischer Darstellung brachte in Deutschland ab 1996 der Erfolg der US-Kult-Serie „Emergency Room“ von Bestseller Autor Michael Crichton. Die Ereignisse beruhen auf echten medizinischen Fällen und die Serie nahm den Notstand in den Notaufnahmen von US-Kliniken auf. Die Serie setzte auch neue Maßstäbe in visueller Raffinesse und dramaturgischer Dichte. Die temporeiche ungewöhnliche Erzählweise machte „Emergency Room” nicht nur zu der teuersten, sondern gemessen an Auszeichnungen (124 Nominierungen, 23 Auszeichnungen mit US Fernseh-Oskar Emmy) und Einschaltquoten (35 Millionen US-TV-Zuschauer in den 1990ern) zu einer der langen und erfolgreichsten Fernsehserien der TV-Geschichte der USA (15 Staffeln von 1994 bis 2009, bis 1999 mit George Clooney als Dr. Ross). Mit der Ausstrahlung der Serie im deutschen TV (RTL bzw. ProSieben, 219 Episoden, seit 1996, je 2,2 Mio. Zuschauer) wurde auch hierzulande die Notwendigkeit von mehr Realität und damit von medizinischer Beratung bei der Filmproduktion deutlich.

Die deutschen meist wöchentlich ausgestrahlten Arztserien streben nun nach “amerikanischem” Realismus, setzen auf die miteinander verknüpften parallelen Handlungen und sind in der Produktion stärker standardisiert. Dabei verliert der Arzt kurz vor den 2000-er im deutschen TV endgültig seinen Charakter als „Übermensch“ und wird mit Brüchen gezeichnet. Serienklassiker sind hierbei u.a.: [3]

  • „OP ruft Dr. Bruckner – Die besten Ärzte Deutschlands“ (RTL, 39 Episoden 1996-2000, je 4,1 Mio. Zuschauer).
  • Notaufnahmeserie „Alphateam – Die Lebensretter im OP“ (Sat.1, seit 1997, 3,2 Mio. Zuschauer).
  • „In aller Freundschaft“ (ARD, 177 Episoden, seit 1998, 3,3 Mio. Zuschauer). Die Geschichten aus der Sachsenklinik drehen sich um die Belegschaft. Viele der Schauspieler waren schon im DDR-Fernsehen zu sehen. Als ein Spin-Off wurden Mitte der 2010er Jahre “Die jungen Ärzte” in 42 Folgen rund um Dr. Ahrend und ein Team von fünf Assistenzärzten geplant.
  • Die bereits an ein jüngeres Publikum gerichteten Serien wie “Die Flughafenklinik” (RTL, 1995/96) oder „Klinikum Berlin Mitte” (ProSieben, 1999–2002).
  • „St. Angela“ (ARD, 146 Episoden, seit 1997, 146 Episoden, 2,4 Mio. Zuschauer).
  • „Für alle Fälle Stefanie“ (Sat.1, 314 Episoden, 1995-2004, je 5,2 Mio. Zuschauer), die rund um die Krankenschwester Stefanie überaus hohen Erfolg hatte.
  • „Stadtklinik” (RTL, 87 Episoden, je 4,5 Mio. Zuschauer).
  • „Hallo, Onkel Doc!” (Sat.1, 1994-2000) rund um den Kinderchirurg Dr. Kaupmann
  • „Der Bergdoktor” (ZDF, seit 2008) als Remake der gleichnamigen Sat.1-Serie aus den 1990ern.
  • „Klinik unter Palmen” (ARD, 1996-2003). Dr. Frank Hofmann errichtet im Zuge der Entwicklungshilfen Kliniken in anderen Ländern und betreut sie eine Weile.
  • Für viele ist sie die Arzt-Serie der 2000-er schlechthin: „Grey’s Anatomy” (200 Episoden in 10 Staffeln, seit 2005) mit von fünf Assistenzärzten am fiktiven Seattle Grace Hospital und der Hauptfigur Meredith Grey.
  • „Chicago Hope” (144 Episoden). Im modernen Chicago Hope Hospital stehen sich die komplizierten bis skurrilen Medizinfälle, die auch ethische und juristische Fragen berühren, und private Dramen gegenüber.

Die modernen Arzt- und Klinikserien werden heute von Medizinern beraten. Es ist oft z.B. wohl überlegt, was der Patient am Ende des Klinikaufenthaltes können soll, und was mit welcher Krankheit, Verletzung und OP möglich ist. Doch dann wird ausgerechnet die Serie „Scrubs – die Anfänger“ (in USA seit 2001) mehrfach zur beliebteste Arztserie in Deutschland gekürt. [4] Es zeigt das alte Spannungsfeld auf: Junge Zuschauern geht es weniger um Belehrung als um Unterhaltung und Identifizierung mit den Helden der Serie.

Dr. House – Erfolg einer Arztserie neuer Dimension

Nur wenige TV-Produktionen vermochten, an die internationalen Erfolge von Emergency Room oder Greys Anatomy anschließen. In der Tat überlebten nur wenige mehr als eine Staffel. Dann gelang es Serien Schöpfer David Shore mit Dr. House in ganz neue Erfolgsdimensionen vorzustoßen. Dr. House wurde die weltweit erfolgreichste Arztserie, die sich von allen bisherigen unterschied und alle überbot: Nie zuvor wurden die Zuschauer mit einer solchen Fülle an Fachbegriffen, Krankheitsbildern und Patientenströmen bedacht. Der Ausbildungskatalog seltener Krankheiten wurde über die Serie in 177 Episoden und acht Staffeln gut abgearbeitet. 2004-2012 lief die Arztserie in den USA und wurde mit über 80 Mio. Zuschauern weltweit erfolgreich. Alleine in den USA wurden Einschaltquoten mit bis zu 25,5 (!) Mio. Zuschauern erreicht. 2006 startete sie in Deutschland und gewann auch hier gerade die jüngeren Zuschauer für sich.

Im Zentrum der Arztserie steht Dr. Gregory House (Hugh Laurie), der ein phänomenaler Diagnostiker ist. Er ist Spezialist für Nephrologie sowie für Infektiologie und Leiter einer Abteilung für Diagnostische Medizin. Mit seinem Team stellt er sich unlösbar scheinenden Aufgaben, um Menschen zu retten. Fast jede Folge beginnt mit dem Patienten, der ersten Anzeichen einer Krankheit zeigt. Dann erfährt Dr. House davon und klärt mit seinem Team mittels Differenzialdiagnose [5] die Symptome. Er widmet sich umfassend der Anamnese und diskutiert auch abwegige Diagnosen mit den Kollegen. Häufig erschweren Lügen der Patienten, falsch gewertete oder nicht erwähnte Details die Diagnostik. Die Behandlung führt zu einer ersten Verbesserung bevor oft ein Rückschlag mit drastischen Symptomen erfolgt. Später kommt House durch eine Situation oder Randbemerkung – etwa aus einer Beobachtung im der Ambulanz – auf die finale richtige Diagnose. Auf Pflegekräfte und andere Berufe verzichtet die Serie gänzlich. Mit seinen Diagnosen liegt Dr. House meist richtig. Doch seine fachliche Brillianz kann vom Kaputten seiner Person und vom wenig tragfähigen Arztbild nicht hinwegtäuschen.

So sagt er in Staffel 1, Folge 1: „Ich bin Arzt geworden um Krankheiten zu behandeln. Das Behandeln von Patienten gehört zu den nervigen Seiten des Ärzte-Daseins.” Seiner Ansicht nach lügt jeder Mensch, so dass er es häufig ganz vermeidet, mit den Erkrankten zu sprechen. Zu seinen Patienten verhält er sich so meist respektlos. Mit der Klinikleitung ist er im Dauerkonflikt, da er notorisch Regeln und gängige Verfahren missachtet. In den USA ist unter Bezug auf House’ Charakter und sarkastisches Benehmen der Begriff „Houseism“ entstanden. Er nutzt Notlügen und Schwindeleien, um seinen Patienten Zugang zu limitierte Ressourcen zu verschaffen. In seiner Risiko-Nutzen-Abwägung stellt er verbissen das Heilen über das Nicht-Schaden.[6] Dr. House zeigt sich vom Hippokratischen Eid wenig beeindruckt und geht meist ein hohes Risiko ein, wenn er einen Nutzen für den Patienten sieht. Für die Chance zur Heilung seiner Patienten missachtet er sogar verbindliche Patientenverfügungen und unterstellt, sie seien unter falschen Annahmen gemacht worden. Das Recht auf Selbstbestimmung der Patienten untergräbt er, weil sie aus seiner Warte die Bedeutung und Reichweite ihrer Entscheidung nicht überblicken. Er gesteht es ihnen erst dann zu, wenn er ihnen seine Diagnose mitgeteilt hat.

Ganz anders aber, wenn es um ihn selbst geht. Er ist seit einem schlecht behandelten akuten arteriellen Verschluss im rechten Oberschenkel, nach dem Muskulatur aus diesem entfernt wurde, auf einen Gehstock und auf das Schmerzmittel Vicodin angewiesen. Er muss sich in der 1. Staffel eingestehen, tablettenabhängig zu sein. Am Ende der 5. Staffel weist er sich schließlich in eine psychiatrische Klinik ein, um seine Opioidabhängigkeit zu überwinden und bleibt dann bis kurz vor Ende der 7. Staffel abstinent. Es ist wie ein Wink mit dem Zaunpfahl: Die Figur des Gregory House soll an den Detektiv Sherlock Holmes erinnern, der ein Verbrechen so behandelt, wie ein Arzt eine Krankheit. Beiden geht es um den Reiz und die Erfüllung dabei, ein Rätsel zu lösen. Dass sie Menschen helfen, sei nur ein positiver Nebeneffekt. So wie Dr. House Vicodin einnimmt, konsumiert Sherlock Holmes gelegentlich Kokain und Morphium. Suchtmittelmissbrauch und substanzgebunde Sucht/ Abhängigkeit [7] von medizinischem Personal sind verbreitet, aber bis heute ein Tabuthema. An Dr. House entzündet sich einiges an Problematik.

David Shore, dem mit Dr. House ein Sensationserfolg gelungen ist, ist auch Urheber von „The Good Doctor“. Was bedeutet es, wenn Serien wie The Good Doctor, Dr. House & Co. am Fernsehen für viele das wiederkehrende “Fenster in die Welt der Klinik” sind? Welche Visitenkultur erleben wir hinter dem Fernsehen? Welchen Einfluss, welche Chancen und Probleme, hat das über Arztserien geprägte Bild des Arztes aktuell für Kliniken?

Welchen Einfluss haben The Good Doctor & Co.?

Widmen wir uns nun der Frage, welchen Einfluss das durch eine Krankenhausserie medial gezeichnete Arztbild real auf Kliniken hat. Spätestens seit Dr. House ist – z.T. nicht nur für den Laien – kaum noch zu unterscheiden, was in der Serie ein realistischer Fakt und was künstlerische Fiktion ist. Die Arztserie ist und bleibt naturgemäß Unterhaltung, keine Dokumentation. Inwieweit aber prägt die medial verbreiteten Klinik- und Arzterfahrungen trotz allem das Bild vom Klinikarzt in der Gesellschaft?

Eine Studie vom Chirurgen Prof. Dr. Dr. Kai Witzel ergab, dass Menschen, die häufig Arztserien sehen, mehr Angst vor einem Aufenthalt in der Klinik haben.[8] Durch unterschwellige Prägung bzw. Kultivierung haben sie – v.a. wenn sie keine eigene reale Erfahrung mit Kliniken gemacht haben – Schwierigkeiten, den Unterschied zwischen TV und Realität nachzuvollziehen: In Kliniken herrscht weniger heile Welt und mehr Ratlosigkeit als in den Serien, die bei aller Dramatik stets gut ausgehen. Das in den Serien gezeichnete Bild vom medizinischen Alltag zeigt häufig operative Eingriffe, die dramatisch verlaufen. Das steigert die Einschaltquote, überzeichnet aber die Wirklichkeit, überschätzt die Risiken und macht Serienkonsumenten zusätzlich Angst vor OPs. Außerdem seien diese oft unzufriedener mit dem Personal. Weil sie im TV erleben, dass sich Ärzte und Pflegende viel Zeit für die Sorgen der Patienten nehmen. Z.T. geben die Serien zumindest ein gutes Bild davon, wie sich selbstbewusste mündige Patienten im Krankenhaus verhalten, wie sie selbst nachfragen können, wenn reale Ärzte zu wenig erklären.

Der als „Deutscher Dr. House“ bekannt gewordene Chefarzt Prof. Dr. Schäfer hält die US-Serie rund um extrem seltene, schwer diagnostizierbare Erkrankungen für ausgezeichnet recherchiert.[9] Symptome und Krankheiten sind oft so realistisch, dass auch echte Mediziner davon lernen könnten – nur Achtung: teils auch Unsinn. Dass Gesundheitsaufklärung in amerikanischen Fiction-Formaten so gut funktioniert, hat einen Grund. Die nationale Gesundheitsbehörde bietet Drehbuchschreibern medizinische Beratung an. Obwohl Deutschland in Medizin, Wissenschaft und Technik weltweit zu den führenden Ländern gehört, gab es hierzulande lange keinen Anspruch, dass Fernsehunterhaltung bilden soll. Das hat sich seit Dr. House geändert.

Gerade in den letzten Jahrzehnten hat sich die Schulmedizin vordergründig mehr als evidenzbasierte [10] Naturwissenschaft rund um validierte Leitlinien entwickelt. Medizinische Entscheidungen sollen auf Grund von empirisch nachgewiesener Wirksamkeit für Patienten getroffen werden. Die wissenschaftliche Aussagefähigkeit klinischer (häufig Pharma gesponsorter) Studien wird durch Evidenzlevels beschrieben. Die enorme Geschwindigkeit des Zuwachses medizinischer Ergebnisse und Wissens ist jedoch für den Einzelnen nicht mehr zu überblicken und wird so von Fachgesellschaften selektiert und als medizinische Leitlinien aufbereitet, damit in Zeiten von Big Data evidenzbasierte Medizin (EBM) systematisch bei der klinischen Therapie des individuellen Patienten leicht zugänglich ist.[11] Diese Organisation von Wissen und die Diskussion im Behandlerteam ist in der heutigen komplexen Welt unabdingbar, um die eigene Landkarte rund um die subjektiv präsenten Erfahrungen zu erweitern. Gegen einen einseitigen Fokus auf rationalem Wissen und der im Grunde fehlende Respekt, den ein Dr. House der Meinung des Patienten entgegen bringt, sind daneben explizit wesentliche weitere Eigenschaften des verantwortungsvollen Arztseins, wie Empathie und moralische Integrität zu betonen.[12] An einen guten Arzt seines Vertrauens stellt der moderne Patient beide Erwartungen: Die fachliche Kompetenz eines Dr. House und die soziale Haltung etwa eines Dr. Brinkmanns…

Die Genfer Deklaration, die die ethischen Prinzipien ärztlichen Handelns zusammenfasst, gehört zu den wichtigsten Dokumenten des Weltärztebundes. Sie ist in Deutschland der Berufsordnung vorangestellt. 2017 wurde sie umfangreich zu einem modernen globalen Arzt-Ethos überarbeitet. Im Kern geht auf den 2.500 Jahre alten Hippokratischen Eid [13] zurück. Danach gelobt jeder Arzt in Deutschland verpflichtend zu Beginn seiner Tätigkeit u.a.: „Die Gesundheit und das Wohlergehen meiner Patientin oder meines Patienten werden mein oberstes Anliegen sein.“ [14] Das Arzt-Patienten-Verhältnis ist in erster Linie durch das persönliche Vertrauen-Fassen des Patienten zu seinem Arzt geprägt. Empfindet der Patienten, dass sein Arzt ihn nicht optimal berate und versorge, unabhängig von finanziellen Überlegungen oder administrativen Weisungen, dann stört das die Arzt-Patienten-Beziehung. Dies gilt gleichermaßen für Internisten, Chirurgen, Gynäkologen, Psychiater und die technischen Spezifitäten. In der Medizin als Heilkunst ist angelegt, dass Arzt nicht nur eine moralische Verpflichtung gegenüber dem Patienten eingeht. Vielmehr ist auch das Einlassen können des Patienten, seine Adhärenz, essenziell für Heilung und Wohlergehen. Im Rahmen ärztlicher Therapiefreiheit bilden sich in einer gemeinsamen Entscheidungs- und Therapiefindung von Arzt und Patient Vorgänge rund um eine individualisierte Medizin in einer modernen Bewusstseinsgesellschaft ab. Inwieweit eine Arztserie wie Dr. House es vorangetrieben hat, dass gerade der Respekt für die autonome Entscheidung des Patienten 2017 explizit in die Revision der Genfer Deklaration aufgenommen wurde?

Die ärztliche Therapiefreiheit ist der wichtigste medizinische Grundsatz, weil unabhängige medizinische Entscheidungen eine Voraussetzung für gute Medizin sind. Kliniken kommen nicht umhin sich mehr der Frage zu stellen, was sie in dieser Hinsicht für ihre Führungskräfte und Mitarbeiter und das Wohl des Patienten tun können. Darauf aufbauend ergeben sich Fragen nach der Qualität in der Medizin, deren Messbarkeit, aber auch ihrer Finanzierbarkeit im gegebenen System. Gängige Qualitätsindikatoren wie Sterblichkeit, Krankenhausinfektionen etc. haben Vor- und Nachteile, sind v.a. aber sehr pauschal. Ihre Manipulationsanfälligkeit und ausgelösten adversen Anreizmechanismen sind zu beachten (etwa wenn Pflegeheime, um die Mortalitätsrate zu senken, todkranke Menschen in Kliniken überweisen). Bei immer besser informierten Patienten und Transparenz schaffenden Medien wie das Internets tun Kliniken gut daran, selbst Indikatoren zu setzen und ihre Qualitätsleistung darzustellen, bevor es andere für sie übernehmen. Eingriffsindikatoren können da genauso wichtig sein, um Therapieentscheidungen zu begründen und ökonomisch motivierte Empfehlungen zu vermeiden. Denn das lässt sich von der ärztlichen Unabhängigkeit eines Dr. House antizipieren: Das kurzfristige Denken der Casemix Entwicklung in Krankenhäusern antizipiert nicht unbedingt die Folgen für den Patienten und die besten medizinischen Entscheidungen. Vereinbarungen zu Zusammenarbeit, Delegationsfähigkeit und Übertragung medizinischer Aufgaben scheitert noch allzu oft in der sinnvollen Neuverteilung von Personalbudgets und Ausfallsicherung im Team.

Dabei sollte die Beliebtheit medizinischer Berufsbilder in Weißkittel-Serien bei jungen Menschen Anlass zur Freude sein. Dies kann guten Einfluss auf den Nachwuchs bei der Berufswahl haben, den es zu nutzen gilt…

 

 

[1] Vgl. Rosenstein, Doris (1998), Arzt- und Krankenhaus-Serien. Profil(e) eines Genres, in: Augen-Blick, Marburger Hefte zur Medienwissenschaft, Die weiße Serie – Ärzte und Krankenhäuser im Fernsehen, Jg. 28, Marburg: Schüren Pressverlag, S. 9-10.

[2] Vgl. Giesenfled, Günter/ Prugger, Prisca (1994): Serien im Vorabend- und im Hauptprogramm. In: Geschichte des Fernsehens in der Bundesrepublik Deutschland, Band 2: Das Fernsehen und die Künste, München (Fink).

[3] Nach GfK-Fernsehforschung: Zuschauerzahlen und Marktanteile der untersuchungsrelevanten Krankenhausserien, im Zeitraum vom 1.1.1996-27.10.2002.

[4] Vgl. etwa www.thieme.de/viamedici/mitmachen-umfragen-1653/a/umfrage-arztserien-5328.htm (zuletzt aufgerufen 26.11.2018).

[5] Die richtige Diagnose ist das intellektuelle Fundament der Therapie. Die Spezialisierung auf einzelne Organe in der Ausbildung in der Komplexität des heutigen Gesundheitwesens erschwert eine ganzheitliche organübergreifende Betrachtung des Patienten à la House. Für Patienten ist es allzu oft entscheidend, auf welchen Arzt mit welcher Ausrichtung er zuerst trifft. In dem spezialisierten Gesundheitssystem gibt es die breit aufgestellten Allgemeinmediziner, die der Diagnostik systematisch vorgelagert sind, nicht mehr systematisch. Der kritische Diskurs mit Kollegen bei der Erarbeitung der Diagnose, die Konsultation von Fachkollegen, nimmt bei Dr. House immer Raum ein. Das Erkennen und Gewichten von Symptomen und das Zusammenführen zu einer Diagnose wird stets herausgestellt. Seine Stärke ist es, nicht mit seiner Ausgangsdiagnose verheiratet zu sein. Dabei nutzt Dr. House noch gar keine EDV-gestützte Expertensysteme, die mittlerweile die Diagnostik seltener Erkrankungen revolutioniert haben.

[6] Vgl. Schäfer, Jürgen R. (2014): House Medizin, Die Diagnosen des „Dr. House“, Wiley VCH Verlag & Co. KGaA, Weinheim, 3. Aufl., S. 64.

[7] Sucht oder synonym Abhängigkeit bezeichnen den ausgeprägten Drang einer Person durch Konsum von Suchtmitteln oder durch ein bestimmtes Verhalten einen subjektiv erwünschten Zustand herzustellen. Wird dem nicht nachgegeben, so treten Entzugserscheinungen auf. Wird dem Drang trotz nachteiliger Effekte nachgegangen, handelt es sich um ein Krankheitsbilder mit potenziellen Folgeschäden (ICD F-Familie).

[8] Vgl. Witzel, Kai (2009): Arztserien im Fernsehen, Welchen Einfluss haben sie auf OP-Patienten, Interview, link.springer.com/content/pdf/10.1007%2FBF03370888.pdf (zuletzt abgerufen am 25.11.2018).

[9] Vgl. Schäfer, Jürgen R. (2014): ebd. Seit 2008 führt der Professor der Philipps-Universität Marburg, Leiter des Zentrums für unerkannte und seltene Erkrankungen, gemeinsam mit Marburger Kollegen das Seminar „Dr. House revisited – oder: Hätten wir den Patienten in Marburg auch geheilt?“ durch. 2010 wurde er für diese Lehrmethode mit dem Ars legendi Fakultätenpreis für exzellente Lehre in der Medizin ausgezeichnet. Eine für die Vorlesungen verwendete Folge brachte ihn 2012 auf eine lebensrettende Diagnose für einen Patienten. Ein Artikel darüber schaffte es unter dem Titel „Cobalt intoxication diagnosed with the help of Dr House“ bis in das renommierte Medizinische Fachjournal “The Lancet”. Die Seminarreihe fand auch bei den Medien großes Interesse und brachte ihm den Ruf ein, der „deutsche Dr. House“ zu sein. Motivation, Interesse und Lernerfolg der Studierenden, die an den House-Seminaren teilnahmen nahmen zu. Als persönliches Vorbild lehnen die Studenten den unleidlichen Zyniker Dr. House ab, die soziale Kompetenz und Kommunikation mit den Patienten für sich als Arzt als elementar betrachten. Vgl. de.wikipedia.org/wiki/Dr._House.

[10] Die Bezeichnung wurde im deutschen Sprachraum erstmals 1995 publiziert. Während evidence im Englischen je nach Kontext die Bedeutungen Beweis, Beleg, Hinweis, Zeugenaussage hat, ist die Bedeutung von Evidenz im Deutschen “Offensichtlichkeit” (die keines Beweises bedarf) – eine Umbenennung hat sich jedoch nicht durchgesetzt. Vgl. St. Bilger: Evidence-based Medicine. In: Hans-Ulrich Comberg (Hrsg.): Allgemeinmedizin. 4. Auflage, Thieme 2004,, S. 74. Im Jahr 2000 wurden „evidenzbasierte Leitlinien“ in das deutsche Sozialgesetzbuch SGB V als strukturierte Behandlungsprogramme bei chronischen Krankheiten eingeführt.

[11] Vgl. Lelgemann, Monika und Günter Olenschläger, Evidenzbasierte Leitlinien und Behandlungspfade – Ergänzung oder Widerspruch? in: Der Internist, 47. Jg., Nr. 7, 2006, S. 690-697. Leitlinien haben die Aufgabe, das umfangreiche medizinische Wissen explizit systematisch darzulegen, unter methodischen und klinischen Aspekten zu bewerten, gegensätzliche Standpunkte darzustellen und zu klären, unter Abwägung von Nutzen und Schaden das derzeitige Vorgehen der Wahl zu definieren und bezeichnen so den „State of the Art“ einer medizinischen Behandlung. Die Fachgesellschaften legen sie mit dem Ziel fest, stets aktuelle medizinische Erkenntnisse für eine optimale Behandlung eines Patienten als Entscheidungsgrundlage zu berücksichtigen. Vgl. Vilmar, Karsten, Ärztliche Entscheidung im Spannungsfeld zwischen medizinischen Möglichkeiten, Kostendruck und Humanität, in: Zeitschrift zur ärztlichen Fortbildung und Qualitätssicherung, 94. Jg., Nr. 10, 2000, S. 870-876.

[12] Vgl. Schäfer, Jürgen R. (2014): ebd., S. 29-34 zur Frage: Ist Dr. House ein guter Arzt?

[13] Aus den Schriften des griechische Arzt Hippokrates von Kos (ca. 460-380 v.Chr.) ist das als Hippokratischer Eid bekannt gewordene Stück bis heute Maßstab für das ethische Handeln eines Arztes und für eine wissenschaftlich verantwortete Medizin. Dass Medizin neben Wissen und Können in der Geschichte immer auch als Kunst des Heilens verstanden worden ist, mag heute im Zeichen der Apparatemedizin nicht mehr voll bewusst sein. Bleibt jedoch auch über den Ausdruck „Kunstfehler“ hinaus bestehen. Bis dahin war die ägyptische Medizin stark vom Glauben an Wunder und Magie durchzogen. Zwischen Homer, dem ältesten bekannten Werk europäischer Literatur ca. 700 v. Chr. und Hippokrates liegt die Entstehung der Philosophie. Die Vorsokratiker haben entscheidend dazu beigetragen, dass die Medizin zur Wissenschaft geworden ist. Vgl. Flashar, Hellmut (2016): Hippokrates, Meister der Heilkunst, Leben und Werk, C.H. Beck.

[14] Das vollständige Gelöbnis (Deutsche Fassung 2017) findet sich etwa unter www.bundesaerztekammer.de/fileadmin/user_upload/downloads/pdf-Ordner/International/Deklaration_von_Genf_DE_2017.pdf


Mit unseren Blogs geben wir Ihnen Mini-Schulungen an die Hand

Immer neue Inspiration, Fort- und Weiterbildung sind im digitalen Zeitalter v. a. für s. g.  Wissensarbeiter wichtig. Es gilt, der persönlichen Reflexion und dem Abgleich mit Wahrnehmung immer wieder Raum zu geben. Die digitale Transformation verändert und vernetzt unsere Welt. Wissen wird blitzschnell in z.T. höchster Qualität virtuell geteilt. Einfach nur ins Web gestellt. Es kann so in kürzester Zeit in immer neuen Kontexten neu verknüpft werden. Dazu leisten auch wir bewusst einen Beitrag. Berater des 21. Jhd. verkaufen kein Wissen an sich. Sie verknüpfen es mit praktischen Lösungen. Zum Nutzen des Kundens. Damit die Lösungskompetenz nachhaltig in der Organisation verankert wird, ist uns dabei die offene Umsetzung mit den Leistungsträgern in der Organisation wichtig. Es ist ein Arbeiten an und für die Organisation in der realen Welt. Von Mensch zu Mensch, Face to Face.

Wir freuen uns, wenn es uns gefällt und Sie uns weiterempfehlen! Verpassen Sie keinen neuen Beitrag mehr und abonnieren Sie unseren Newsletter.So erhalten Sie automatisch viermal im Jahr unsere Veröffentlichungen des letzten Quartals auf einen Blick.