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Lerneinheit Visiten – Spiegel der Abteilungskultur

von Apr 23, 2015Blogs

Wieso lässt sich die Visite – und hier allen voran die Chefarztvisite – als ein Spiegel der Abteilungskultur bezeichnen? Wodurch wird die Visite zur Regelkommunikation und zum Dreh- und Angelpunkt der Organisation der Prozesse auf Station?

 

Visiten – Spiegel der Kultur

Von der Chefarztvisite…

Die Chefarztvisite gehört zu den wichtigsten Ritualen in der Klinik. Es ist gut, sich klar zu machen, was Rituale sind und was sie bewirken. Denn Rituale haben eine enorme Macht. Sie können gar das Beharren eines Systems in Zeiten des Wandels zu bewirken. Faktisch zelebriert das frühere klassische Visitenritual mit großem Tross im Gefolge des Visitenarztes, den Arzt als „Gott in Weiß”. Damit zementiert es die Denke der „alten Welt“ und die der klassischen Hierarchie (vgl. Degenhardt, J. Deutsches Ärzteblatt, Jg. 98, Heft 47). Vielleicht hat es der ein oder andere Arzt in seiner Laufbahn noch so erlebt: Die Chefarztvisite wird als eine einseitige Prüfsituation vor dem Patienten geführt, die Korrekturen am Mitarbeiter öffentlich macht – natürlich nur damit alle lernen – und damit hohe Statuswirkung hat. Mitarbeiter werden über Angst geführt. Die Motivation, die Mitarbeiter treibt, ist das Vermeiden von Sanktion und damit ein Aufstieg in der Gunst. Der Stationsarzt steht v.a. unter dem Druck der Rechtfertigung, Behandlung, Ergebnis, Therapie, Erfolg und sich selbst korrekt und positiv darzustellen. Vor dem Patienten ist eine chefärztliche Korrektur ein negatives Urteil über die eigene Expertise, das den weiteren Kontakt zum Patienten belastet. Der Gedanke an die Stellung in der Hierarchie, die Perspektiven in der Klinik sowie das für seine weitere Karriere entscheidende Arbeitszeugnis sind Aspekte, die den Arzt von einem Fachdialog abhalten. Der Chefarzt erfüllt eine ritualisierte Leitung. So werden in der Visite Standards wie z.B. die Abfrage der Blutwerte abgehakt – eine offene medizinische Diskussion hat keinen Platz. Der Einzelne erlebt sich selbst als untergeordneter Teil im System. Mitarbeiter sehen sich in Gesten des Chefarztes auf- oder abgewertet und nehmen Bestätigung oder Tieferstellung aus der Visite mit.

Wenn Mario Adorf mit seiner über 80-jährigen Lebenserfahrung, “Macht” als “Schwester der Gewalt” betrachtet, dann verweist er hierbei auf ein Defizit in der Führung. Auf eine Ohnmacht gegenüber menschlicher Nähe in klassischen hierarchischen Systemen. Soll tiefe Veränderung in der Kultur auf Station angestoßen werden, gilt es also, genau die Rituale aufzubrechen, die das abzulösende Wertesystem stabilisieren. Dabei ist zu bedenken, dass beim Wegfall des Rituals ein Vakuum entsteht, das verunsichert, solange es nicht mit Neuem gefüllt ist. Die Unsicherheit wird für den Einzelnen zunächst schlimmer, bevor es anders werden kann. Erst ist daher die Frage des Wozu für alle Beteiligten zu klären. Was ist die Anforderung an eine Visite in der „neuen Welt“?

Die Visite wird zum Spiegel eines radikalen Paradigmenwechsel. Aus einer rituellen, symbolhaften Handlung, soll ein ergebnisfokussierter Prozess werden. Die Visite dient der Organisation und Information aller Beteiligten inklusive des Patienten auf gleicher Augenhöhe (zur Persiflage auf eine patientenzentrierten Kommunikation siehe hier). Der Patient wartet auf eine Diagnose, erhofft sich dadurch Beruhigung, zumindest aber Klarheit in Bezug auf seine Gesundheit und damit Sicherheit. Die Organisationsvisite zeichnet sich äußerlich dadurch aus, dass sie auf das engste Behandlungsteam reduziert und damit für den Patienten überschaubar ist. In ihr werden v.a. die weiteren Schritte in der Behandlung abstimmt. Die Visite ist konzentriert – so kurz wie möglich und so lange wie nötig. Sie ist in allen Phasen auf den Patienten bezogen, der im direkten Kontakt zum Chefarzt seine Sorgen äußern kann und sich einer kurzen persönlichen Zuwendung sicher ist. Fachjargon wird vermieden. Die fachliche Diskussion unterbleibt vor dem Patienten, der Atmosphäre kommt Bedeutung zu. Qualitätssicherung durch Diskussion unterschiedlicher Auffassungen kann imAnschluss an die Visite im geschützten Rahmen erfolgen. Hier kann der Chefarzt seine Erfahrung erläutern, modifizierende Anordnungen ohne kränkende Bloßstellung ansprechen und den Wissensstand seiner Ärzte überprüfen. Vertreter anderer Berufsgruppen können mit ihrem Know-how die weitere Therapie beeinflussen. Es kommt ein Gespräch in Gang, das feinfühliger, menschlicher und sachorientiert gelingen kann. Patienten und Mitarbeiter erleben Wertschätzung, Ängste des Patienten werden offen angesprochen. Die herausgehobene Rolle des Chefarztes in Bezug auf Entscheidung und Verantwortung bleibt gewahrt. Die Visite wird als das genutzt, was ihr Name ausdrückt: als Besuch beim Patienten im Sinne einer Zeit menschlicher Begegnung.

 

… zur täglichen Stationsvisite

Die Chefarztvisite nimmt damit auch eine praktische Vorbildrolle ein. Die Chefarztvisite kann so Best Practice Erfahrung für die Gestaltung der eigenen täglichen Visite auf Station werden. Tägliche Visiten, in denen ein stetiger Austausch von Arzt und Pflege mit und über den Patienten stattfindet und die weitere Therapie festgelegt wird. In der Regel braucht es dabei, um in der Routine effektiv und fokussiert abzulaufen gar nicht viel Zeit. Wenn gewisse Voraussetzungen geschaffen und gemeinsame Grundsätze vereinbart werden. Wenn der Ablauf der Visite inkl. Vor- und Nachbereitung klar abgestimmt ist. Dass dies oft genug nicht der Fall ist, zeigt sich auf vielen Stationen bereits daran, dass Visiten ein Vielfaches der geplanten Zeit einnehmen. Um die Visite als ergebnisorientierten Prozess neu aufzusetzen, mag zur Einarbeitung eine “Checkliste Visitenstandard” hilfreich sein. Darin werden Standards und Vereinbarungen für den Ablauf festgelegt. Im Folgenden stellen wir Ihnen Auszüge des Fragenkatalogs vor. Das individuelle Zuschneidern auf die eigene Station unter Mitwirkung des gesamten Teams ist ein zentraler Punkt.

Gemeinsame, am besten schriftlich ausformulierte Visitengrundsätze helfen in der Umsetzung, z.B.

  • Zeitfenster: “Die Visite ist straff organisiert, beginnt und endet pünktlich.” 
  • Teilnehmer: “Arzt und Pflege führen die Visite gemeinsam durch.”
  • Inhalte: “Die Visite ist problemorientiert und patientenzentriert.”
  • Kommunikation: “Die Visite findet mit dem, nicht über den Patienten statt.”

 

Für eine stringente Durchführung gilt es, Abläufe und Zuständigkeiten zu regeln. Neben der eigentlichen Visite werden auch die Aufgaben in der Vor- und Nachbereitung in den Blick genommen. Zu betrachtende Fragen umfassen hierbei z.B. die folgenden Punkte.

Vorbereitung Durchführung Nachbereitung
Wie erfolgt die Kommunikation der Visiten- und Sprechzeiten? Welche „Verhaltens-Spielregeln“ gelten für alle Berufsgruppen (bspw. Anklopfen vor Betreten des Zimmers)? Soll eine Tafelbesprechung zur Übergabe stattfinden?
Wer prüft wann die Unterlagen auf Vollständigkeit? Wann erfolgt die Dokumentation? Soll Feedback gegeben werden?
Wann wird der Visitenwagen gerichtet? Welche relevanten Punkte werden vor Betreten des Zimmers besprochen? Was wird mit dem Patienten besprochen? Sind weitere Regelungen zur Ausarbeitung notwendig?
Wie wird Unterbrechungsfreiheit sichergestellt? Welche Punkte gibt es im Hinblick auf Vertraulichkeit und Datenschutz zu beachten? etc.
etc. etc.

 

Zu einem klaren Ablauf gehört es auch, Themen auszuschließen, die nicht Bestandteil der Visite sein sollen und diese in der Prozessorganisation der Station an andere Stelle im Tagesablauf zu legen. Dies kann bspw. die Durchführung von Aufklärungs-, Angehörigen oder Entlassgesprächen sein.

 

Lesen Sie weiter zum “Management im Wandel: Von Medizinern und Managern“.