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Wettlauf zum Südpol: Wofür gehen wir welche Risiken ein?

von Sep 7, 2022Impulsgeschichten

Gute Routinen und Gewohnheiten erleichtern es Teams, konsequent Schritt für Schritt den entbehrungsreichen Weg auf ein großes Ziel hin zu bestehen. Am Ende darf die Kraft nicht ausgehen. Der Wettlauf der beiden Antagonisten Roald Amundsen (1872-1928) und Robert Falcon Scott (1868-1912), um als erste Menschen den Südpol zu erreichen, ist ein eindrücklich trauriges Beispiel dafür. Es stellt an uns heute die Anfrage: Wozu sind wir aus welchen Beweggründen heraus bereit, Risiken einzugehen? [1]

Aufbruch zum 7. Kontinent

Der Wettlauf zum Südpol zwischen Robert Falcon Scott und Roald Amundsen war ein dramatischer Kampf um den letzten weißen Fleck auf der Weltkarte. Ihre Expedition in die Antarktis zählt zu den größten Abenteuern der Geschichte. Es ist das Zeitalter des westlichen Imperialismus, als der Kolonialismus – vor seinem Niedergang am Ende des 1. Weltkriegs – seinen Höhepunkt erreicht. Europäische Kolonialmächte streben noch immer nach Ausdehnung. Doch Anfang des 20. Jahrhunderts haben sie fast jeden Winkel der Erde erschlossen und große Teile der Welt unter sich verteilt. Nur die für menschliche Bedürfnisse unwirtliche Antarktis hat kaum ein Mensch betreten.[2]

So macht sich der Brite Robert Falcon Scott 1910 auf den Weg, um für das britische Empire als erster Mensch den Südpol zu erobern. Seine Mission wird zum nationalen Prestigeprojekt für die einstige Supermacht. Der verschuldete Norweger Roald Amundsen hatte sich jahrelang akribisch darauf vorbereitet, als erster Mensch den Nordpol zu erreichen. Doch 1909 kamen ihm Frederik Cook und Robert Edwin Peary zuvor. Als er mit seinem Team am 7. Juni 1910, knapp zwei Monate nach Scott, von Oslo aus in See stach, sagte er keinem, dass er neben dem Ehrenkodex der Polarforscher längst auch seine Pläne über Bord geworfen hatte: Statt zur Arktis brach er zu einer Expedition in die Antarktis auf. Er wollte nun zumindest als erster Mensch seinen Fuß auf den Südpol setzen. Der Kurswechsel startete einen dramatischen Wettlauf zum südlichen Pol.

Amundsens Weg zum Südpol

Beide Teams legen am Rand der Antarktis an unterschiedlichen Punkten an und errichten dort ihr Basislager. Amundsens liegt 110 km näher am 1.300 km entfernten Südpol als das von Scott. Und auch sonst wählen sie unterschiedliche Wege, um das Ziel zu erreichen. Beide hatten bis zum nächsten arktischen Frühsommer fast ein Jahr. Zeit, um sich einzugewöhnen, auf den langen Weg vorzubereiten und Depots anzulegen. Amundsen macht sich sein langjähriges Wissen der Inuit zu nutze und setzt auf erprobte Strategien. Er importiert 116 Schlittenhunde aus Grönland für den Transport des Nötigsten über das ewige Eis. Er ist mit Schlittenhunden erfahren und weiß, dass sie mit harter Hand funktionieren. Die Antarktis ist voller Pinguine und Robben, um Menschen und Hunde zu ernähren. Zugleich ist sie eine natürliche Tiefkühltruhe. Amundsen legt Vorräte an und lässt die Hunde frei jagen, um zusätzlich Proviant zu sparen.

Am 20. Oktober 1911 ist es soweit. Die Temperaturen schienen weit genug gestiegen: Amundsen bricht mit vier Mitstreitern und 52 Hunden vom Basislager gen Südpol auf. Während der gesamten Reise läuft ein Mann auf Brettern vorweg und spurt den Hundeschlitten den Weg. Jede Tagesetappe ist um die 27 Kilometer, nicht länger. Dann errichtet das Team ein kleines Depot zur Versorgung und Orientierung für den Rückweg. Als Amundsen die Vorräte ausgehen, kann er die Hälfte seiner Hunde töten, als sie nach dem letzten Gletscheraufstieg nicht mehr gebraucht werden, und sie an die anderen Hunde verfüttern. Amundsen hält an seinen logistischen Plänen rational und konsequent fest – immer den noch ausstehenden Kraftaufwand des Vorhabens im Kopf.

Scotts Weg zum Südpol

Scott entscheidet mitfühlender, impulsiver, weniger stringent. Und er erliegt Fehleinschätzungen. Der Umgang mit den Hunden etwa ist ihm zu rau. Er verlässt sich lieber auf 19 mandschurische Ponys, setzt mit 3 großen Motorschlitten auf die Errungenschaften der Technik und nimmt nur 33 sibirische Hunde mit. Doch bereits beim Ausschiffen sinkt der größte Schlitten im Eis ein und muss aufgegeben werden. Für die Ponys ist Heu und Stroh mitzuschleppen. Scott kann wegen der kälteempfindlichen Ponys erst am 1.11.1911 – 12 Tage nach Amundsen – aufbrechen, als es warm genug ist. Bei Sturm rasten sie, sonst ziehen sie weiter. Doch mit den Ponys geht es nur langsam voran, zu sehr versinken sie im Schnee. So sind die Etappen eher kurz und die Depots für den Rückweg unregelmäßig groß und weit voneinander entfernt.

Es zeigte sich, dass die Motoren damals noch nicht für eine derartige Kälte geeignet waren. Beide geben bereits in den ersten fünf Tagen ihren Geist auf. Und auch die braven Ponys erweisen sich als nicht robust genug für die antarktischen Kälte. Die Temperaturen sind 1911 etwa 20 Grad kälter als sonst zu dieser Jahreszeit. Das erschwert die Situation für beide Teams. Beide hatten die Verhältnisse unterschätzt. Scott aber muss ein Pony nach dem anderen erlösen und als Nahrung für Hund und Mensch verwerten. Am Ende müssen er und seine Männer sich zu Fuß weiter voran kämpfen und selbst die Schlitten ziehen. Das kostete enorm Kraft. Während beide Teams ungefähr die gleichen täglichen Essensrationen hatten, verbrauchten Scotts Männer durch die körperliche Belastung ihre Reserven und magerten von Tag zu Tag ab.

Die ersten Menschen am Südpol

Als Amundsen mit seinen vier Mitstreitern den letzten Abschnitt der Reise zum Pol beginnt hat Robert Falcon Scott Team wegen der falschen Strategien schon einen großen Rückstand auf Amundsen. So erreicht Amundsen am 14. Dezember 1911 mit seinen Begleitern als erster Mensch den Südpol – nach 1.300 Kilometern und 56 Tagen.

Doch auch Robert Falcon Scott erreicht den Südpol – am 18. Januar 1912. 35 Tage nach Amundsen ist er mit seinen 4 Begleitern das zweite Menschenteam am südlichen Pol. Doch diese Stunden versetzen den Männer den schlimmsten Schlag ihres Lebens: In der eintönig weißen Fläche taucht ein schwarzer Fleck in der Ferne auf. Mit jedem Schritt führt ihnen das von Amundsen zurückgelassene Zelt, auf dem die Flagge der Norweger weht, nach all den Qualen den frustranen Rückstand vor Augen. Das Team versinkt in Enttäuschung. Auf dem Rückweg verlieren sie zwei Mitglieder. Die verbliebenen drei müssen wegen eines Blizzards 18 Kilometer vom nächsten Depot ohne Proviant ihr Zelt aufschlagen und sehen in ihrer ausweglosen Lage dem auf sie warteten natürlichen Tod mutig entgegen. Sie hinterlassen einige Abschiedsbriefe. Scott stirbt, seinen Freund im Arm haltend, über seinem Tagebuch, das heute eines der berühmtesten Tagebücher aller Zeiten ist.

Warum und wozu riskieren die Männer ihr Leben?

Warum gehen die Männer kaum kalkulierbare Risiken ein und riskieren nicht nur ihr Leben? Vielleicht für eine fixe Idee, etwa um als Helden in die Geschichte einzugehen? Das Wort “Risiko“ stammt originär von den Kaufleuten und Bankiers, die rechnen, ein kalkulierbares Wagnis eingehen und spekulieren, am Ende einen höheren Gewinn zu erhalten. Sie versperren sich der Gefahr nicht, sondern sie wägen sie ab. Sie prüfen Wahrscheinlichkeiten. Ein bewusst eingegangenes Risiko bedeutet nicht Ausgeliefertsein, sondern eine Entscheidung und einen aktiven Umgang mit der Gefahr einzugehen. Bei den Forschern mit ihrer Abenteuerlust, mag es bei ihrer Entscheidung auch um materiellen Gewinn gegangen sein, v.a. aber um gesellschaftliche Reputation und Heldentum. Die Gefahr, dass das Abenteuer schief gehen kann, bietet eben eine fundamentale Chance für das Ego im Fall des Erfolgs.

Der mögliche Ausgang wird unter Abwägung aller Faktoren kalkuliert und die Faktoren des Scheiterns werden minimiert. Das Risiko des Scheiterns einzugehen ist für das Erreichen höherer Ziele, dem Erkunden von Neuem, Fortschritt und Innovation notwendig und unumgänglich. Ganz besonders zu Beginn des 20. Jahrhunderts wird Risikobereitschaft in der westlichen Kultur als Attribut von Männlichkeit gesehen. Das Ideal des Heldenmuts, sich in gefährlichem Terrain unerschrocken zu behaupten, ist zur mächtigen Männlichkeitsideologie gewachsen und verbindet sich mit nationalistischem Pathos für Volk und Vaterland. Die Illussion der Beherrschbarkeit der Natur fördert den Ego Bias. Scott und seine Männer hat der den Tod beschert.

Seine Kräfte bis zum Ende bewusst einteilen

Amundsen war rationaler, konservativer, solider vorbereitet, setzte auf Erprobtes. Er hatte unter den widrigen Bedingungen das bessere Händchen und v.a. auch das nötige Glück. Seine energiesparenden Routinen und die beharrlich konsequenten Schritte – immer das Ziel am Ende im Sinn -, waren die Basis, seine Kräfte einzuteilen, ohne sich und sein Team bis zur Grenze zu verausgaben. Das fordert Disziplin, Willenskraft und vollen Fokus. Das Rennen wurde nicht nur auf dem Hinweg entschieden, sondern mehr noch im Zustand der Erschöpfung auf dem Rückweg. Sich nicht immer neu zu entscheiden, sondern automatisierter zu handeln, spart Kraft.

Für die Selbststeuerung heißt das, sich auf die Aufgabe des jeweiligen Tages zu fokussieren. Obwohl die 2.600 km im Blick sind, braucht es im Moment nur, sich auf diese etwa 27 Kilometer auszurichten. Fast unerreichbare Wege werden in kleinen Etappen machbar. Und jeden Tag kann so das Erreichen gefeiert werden. Keine Experimente, keine unnötigen Risiken in einer Umgebung, die kaum einen Fehltritt verzeiht, sondern striktes Festhalten an vernünftigen bewährten Verfahren. Amundsen ist es gelungen, sein Team nach nur 99 Tagen am Ende stolz und erfüllt zum Basislager zurück zu führen. Doch als Held wurde er nur verhalten gefeiert. Die Sympathien galten Scott und seinem Mut und Einsatz für die britische Expedition. Es war Scott, der lange Zeit in den Annalen zum Nationalhelden stilisiert wurde.

Wozu?

Welche Lehren lassen sich aus dem Drama heute noch für verantwortliche Führung ableiten? Ist es in einer globalisierten Welt und einem von Klima- und Umweltkrisen gezeichneten Zeit nicht überfällig, sich von alten heroischen Männlichkeitsidealen zu verabschieden? Alleine, weil viele kalkuliert eingegangenen Risiken wegen kaum absehbarer Kettenreaktionen, die in ihren Konsequenzen nicht nur das eigene Leben, sondern auch das vieler anderer – auch künftiger Generationen – betreffen, nicht zu verantworten sind? Klar ist jede Entscheidung in einer komplexen Welt mit Risiken verbunden. Doch es geht nicht darum, sich heldenmütig zu entscheiden und seinem Ego zu folgen. Sondern darum, moralisch verantwortet zu entscheiden, um seinem besten Wissen und Gewissen zu folgen. Mit Blick auf das Ende beinhaltet das immer, den Sinn in seinem Leben zu ergründen: Wofür lohnt es sich zu leben und zu sterben?

 

[1] Vgl. Spenst Dominik (2021): Das 6-Minuten Erfolgsjournal, fokussierter und gelassener Ziele erreichen, urbestself GmbH, S. 45-46; https://www.watson.ch/wissen/history/439907218-wettlauf-zum-suedpol-scotts-tragische-terra-nova-expedition.

[2] Der amerikanische Robbenfänger Captain John Davis geht 1821 mit seiner Mannschaft an der Antarktis zur Robbenjagd an Land. Damit gilt er als der erste Mensch der den südlichsten Kontinent je betreten hat. Ein langer Künstenstreifen wird daher nach ihm benannt.

 


 

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