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Lerneinheit Wunderfrage – Von Steve de Shazer

von Jun 16, 2017Blogs

Was ist Ihre Zauberfrage? Wie wirken Wunderfrage, Ausnahme-, Verschlimmerungs-, Skalierungs- und Hypothetische Fragen? Wodurch wirken die lösungsorientierten Fragen nach Steve de Shazer?

 

Steve de Shazer (1940-2004) ist u.a. mit der Wunderfrage aus Reihe (der 2. Welle) systemischer Denker und damit von der systemischen Landkarte nicht wegzudenken. Für die Kurzzeittherapie hat der amerikanische Psychotherapeut Steve de Shazer zusammen mit seiner Frau Kim Berg einen ganzen Koffer mit lösungsorientierten Fragen für Coaching und Beratung entwickelt. Dieser ist mit etwas Übung auch gut in der Führung einsetzbar. Fragen und ein Wille zur Lösung sind auch hier unabdingbar. Eine nur auf die Probleme fokussierte Kommunikation – ohne einen Wechsel des Blicks auf die Lösungen – bremst jede Veränderung aus. In endlosen Schleifen werden die Probleme mit ihren Symptomen von allen Seiten beleuchtet bis die Beteiligten in eine Art von Problemhypnose fallen. Diese ist körperlich zu spüren. Man wird von der Last der Probleme in den Stuhl gedrückt. Es wächst ein Gefühl von Hoffnungslosigkeit. In Kliniken ist ein solcher Fokus auf die Problemseite gar nicht verwunderlich. Schließlich befasst sich die Medizin zu einem großen Teil mit der Diagnose. Spätestens an dem Punkt, wenn Müdigkeit, Hoffnungslosigkeit und Überforderung überhand nehmen, gilt es sich seiner Stärken zu besinnen. Dann ist es Zeit für ein bißchen vom Zauber der Wunderfrage …

Menschen leiden nicht an ihrem Leben, sondern an den Geschichten, die sie darüber denken bzw. erzählen. Und nicht wenige neigen dabei zur Inszenierung von Dramen. Lösungsorientierte Fragen richten den Fokus und den Scheinwerfer neu aus, z.B. auf positive Ausnahmen oder Wunder. Mit seinem 1982 entwickelten Ansatz der Kurzzeittherapie hat Steve de Shazer vielen Menschen geholfen, ohne jemals über ihr Problem gesprochen zu haben. Er folgt dabei der Annahme, dass es für viele Belange hilfreicher ist, sich auf Wünsche, Ziele, Ressourcen, Ausnahmen zu konzentrieren statt auf das Problem und seine Entstehung. Er umschreibt dies mit einer Metapher: Wenn ich in einem Hochhaus bin und es brennt, hilft es wenig, wenn ich frage: “Wie ist der Brand entstanden?”, aber viel, wenn ich frage: “Wo ist der Notausgang?“.


Die Wunderfrage

In der Umsetzung nutzte Steve de Shazer dazu gerne eine Wunderfrage:
“Jetzt habe ich noch eine etwas ungewöhnliche Frage. Stellen Sie sich vor, unsere Sitzung wäre zu Ende und Sie fahren nach Hause. Sie verrichten noch die Dinge, die Sie heute verrichten wollen. Dann werden Sie zu Abend essen und ins Bett gehen. Sie gehen in Ihr Schlafzimmer, legen sich in Ihr Bett und schlafen ein. Während Sie schlafen, geschieht ein Wunder. Am nächsten Morgen wachen Sie auf und wissen noch nicht, dass das Wunder geschehen ist. Das Wunder besteht darin, dass es das Problem, wegen dem Sie hier sind, nicht mehr gibt. Woran würde Sie es als erstes merken, dass das Problem verschwunden ist?”

Wie lässt sich die Wunder Frager nutzen? Zu Beginn eines Projektes z. B.: „Stellen Sie sich vor, wir hätten das Projekt gemeinsam durchgeführt. Wir hätten jetzt schon einige Wochen zusammen gearbeitet, wären am Ende des Projektes angekommen und Sie würden sagen, es war richtig gut. Woran würden Sie merken, dass es gut war, das Projekt durchzuführen? Was wäre dann anders?”.

Bei den Antworten auf diese Frage, gilt es, genau hin zu hören und zu präzisieren, damit kräftige Bilder entstehen.

  • So ist z.B. eine Pauschalierung wie „Dann wäre ich glücklicher” weiter zu hinterfragen. Woran würden Sie das merken? Was würden Sie dann konkret anders machen?
  • Ebenso sind  negative (Von-weg-) Formulierung wie z.B. „Dann hätten wir nicht mehr so viel Stress” zu hinterfragen. Was hätten Sie stattdessen wie konkret? Woran würden Sie das merken (Raum, Zeit, Beziehung)?
  • Den Fokus  bei den handelnden Person halten: „Dann würde die Abteilung xy besser mitarbeiten.“ Auf welches Verhalten/ Veränderung von uns würde das zurück gehen?

Es handelt sich dabei als um die Mentaltechnik des Presencings, die ausgehend von dem heutigen Problem in den Zustand in der Zukunft springt, in dem das Problem gelöst ist.

Die Ausnahmefrage von Steve de Shazer

In Ergänzung zur Wunderfrage nutzte Steve de Shazer die Ausnahmefrage, um Ressourcen zu mobilisieren: „Wann in letzter Zeit war es schon mal ein bisschen so wie nach dem Wunder?“ Und in der Folge: „Was waren damals die Bedingungen, dass es anders sein konnte? Nach dem „Lösungszustand“ wird dann auch in der letzten Zeit gesucht: “Wann war es in letzter Zeit schon so oder fast so und was war Ihr Beitrag dazu, dass es so sein konnte?” Wir gehen also von der Zukunft in die Vergangenheit. Suchen dort die dafür nötigen Bedingungen bzw. das, was die handelnden Personen dazu beigetragen haben. Damit mobilisieren wir die schon vorhandenen Ressourcen und identifizieren zugleich Schlüsselfaktoren für die Veränderung. In der Gegenwart nehmen wir dann wahr, dass die nötigen Ressourcen bereits vorhanden sind.

Die Verschlimmerungsfrage

Die Frage nach Verschlimmerung ist eine paradoxe Intervention. Sie zielt darauf ab, den eigenen Einfluss auf ein Problem zu erkennen und den Befragten von einer passiven Opfer- in eine aktive Täterrolle zu bringen. “Was könnten Sie beitragen, damit es noch schlimmer wird?” Wenn ich meinen negativen Einfluss wahrnehme, ist der Schritt zu einem positiven Einfluss und zur Problemlösung nur noch halb so weit.

Die Skalierungsfrage

Ein weiteres Instrument, um die Problemhypnose zu durchbrechen sind Skalierungen. Sie haben den Vorteil, dass sie Zwischenräume erzeugen. So relativiert die Frage, „Auf einer Skala von 0 bis 10, wobei 0 ‘ganz schrecklich und nicht auszuhalten‘ bedeutet und 10 für ‘super gut und nicht besser zu machen‘ steht: Wie bewerten Sie die aktuelle Situation?“. Über diese Bewertung zeigt sich, dass die Situation oft gar nicht so schlimm wie eine 0 ist. Die Bewertung anhand der Skala relativiert das Gesagte. Legt der Befragter sich z. B. auf eine 5 fest,  kann eine Folgefrage lauten, „Was müssen wir tun, um zu einer 5,5 zu gelangen?“. Damit lädt man ihn zum Nachdenken ein und eröffnet den Raum für die vielen kleinen Schritte der Verbesserung.

Die hypothetische Frage

Hypothetische Fragen helfen, Raum für Optionen zu schaffen und ein Gefühl von Gestaltbarkeit zu vermitteln. Dabei ist es wichtig, dass diese Fragen Prozesse in Gang bringen sollen und es weniger darum geht, die Optionen auch zu verwirklichen. Hypothetische Fragen sind im Konjunktiv formuliert. Am besten beginnen Sie mit „Angenommen Sie/ wir würden…“. Es wird etwas hypothetisch angeboten und dann hinterfragt, was sich dadurch ändern würde. Also, „angenommen Sie würden xyz machen – würde das für Sie etwas ändern und wenn ja, was genau würde sich ändern?“. Das Hirn kann nicht im Konjunktiv denken und verarbeitet das Gedankenexperiment wie Realität. Auf diese Weise lassen sich verschiedene Szenarien durchspielen und man kann die Resonanz darauf prüfen. Gerade in Situationen, in denen Menschen fühlen, sie können doch nichts ändern oder bewegen, schaffen hypothetische Fragen einen optionalen Raum  und eine Atmosphäre von Einfluss und Selbstwirksamkeit – eine der Voraussetzungen für Zufriedenheit.

Und nicht nur bei Problemfokus, sondern ganz allgemein, wenn es herausfordernd ist, das Denken des Gegenübers in eine andere Richtung zu lenken, ist die Arbeit mit diesen Fragen nützlich. Etwa im Gespräch mit Ja-Aber-Sagern, Drum-Herum-Rednern, Besserwissern, Streitsüchtigen, Ausfragern oder Dreschern von Killerphrasen und Parolen. Gerade Verallgemeinerungen oder impliziten Annahmen lassen sich mit Fragen relativieren. Je besser die Fragen eingeübt sind, umso wirksamer gehen sie von der Hand.[1]

Ihre persönliche Zauberfrage

Der systemische Fragenkoffer ist bestens für einen coachenden Führungsstil geeignet. Viel Spaß beim Üben und Wahrnehmen der Veränderungen! Prüfen Sie für sich selbst, wie oft Sie und Ihr Umfeld sich in Denkspiralen festreden, experimentieren Sie mutig mit Fragen und finden Sie ihre persönliche Zauberfrage. [2]

 

[1] Vgl. Funcke, Amelie | Rachow, Axel (2. Auflage 2016): Was ist eigentlich Ihre Lieblingsfrage? Die Fragen-Kollektion.

[2] Für eine Klientin ist es die Frage der Service-Hotline, die in ihrer Erfahrung Wunder bei den Mitarbeitern bewirkt: „Was kann ich (jetzt) für Sie tun?“


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