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Lerneinheit Konfliktklärung – Vom Orangenbeispiel

von Feb 6, 2021Blogs

Was lässt sich vom Orangenbeispiel als ganz normaler Streit unter Kindern über nachhaltige Konfliktklärung lernen? Wieso sichert Allparteilichkeit alleine noch lange keine von allen als fair empfundenen Lösungen, die gewaltfrei den Willen aller achten? Wie wird die Würde aller am besten geachtet und wie können die Betroffenen selbst in der Klärung aus ihrer Passivität kommen?  

 

Konfliktklärung im Streit unter Kindern

Der gewöhnliche Streit unter Kindern ist der, dass eines etwas haben will, was das andere gerade besitzt. Manche Kinder spielen ihre körperliche Stärke aus. Andere warten auf eine günstige Gelegenheit, sich die Sache anzueignen. So kommt es zum Streit. Kinder bis zu vier Jahren sind gar nicht in der Lage, ihr Handeln moralisch einzuordnen. Andere, die schon genug konditioniert wurden, unterdrücken vielleicht ihr Bedürfnis. Die wenigsten aber sprechen einfach aus, worum es ihnen gerade geht.

Wenn Eltern oder Erzieher in den Streit der Kinder immer wieder als Schiedsrichter eingreifen, dann riskieren sie, dass die Kleinen im späteren Leben auch weiterhin Autoritäten die Lösung ihrer Konflikte anheim stellen. Sie erwarten, dass diese schützend oder strafend eingreifen. Das Orangenbeispiel ist eine bekannt Metapher des Konflikt Managements für das, was hier passiert:

Ein Mädchen hat sich eine Orange auf den Küchentisch gelegt. Die kleine Schwester bemerkt, dass es die letzte Orange ist und nimmt sie sich. Bald zanken sich die beiden Schwestern lautstark um die Orange. Der Streit eskaliert. Die kleine Schwester rennt weinend mit der Orange in den Garten. Der Mutter ist der Lärm zu viel. Es ist ja gerade Mittagsruhe – das wird den Nachbarn gar nicht gefallen. Um dem Radau ein schnelles Ende zu setzen, nimmt sie kurzerhand den Kindern die Orange ab (wenn zwei sich streiten freut sich bekanntlich der Dritte) … nimmt dann aber ein Messer und teilt die Orange in zwei gleich große Teile und gibt jedem der beiden Schwestern ohne weitere Schuldvorwürfe stillschweigend je eine Hälfte. Die Kleine nimmt ihre Hälfte, schält sie, wirft die Schale ins Gebüsch in Nachbars Garten und lässt sich die Orange schmecken. Die größere Schwester geht sichtlich frustriert in die Küche zu ihrem geöffneten Backbuch zurück und beginnt einen altholländischen Oranjekoek für die Familie zu backen. Damit der Orangenkuchen so richtig aromatisch wird, braucht es die geriebene Schale einer ganzen Orange…

 

Allparteilichkeit und Gerechtigkeit der Mutter im Konflikt

Natürlich liebt die Mutter ihre Kinder, möchte ein gutes Vorbild sein und alles richtig machen. Sie hat aus ihrer Sicht lange genug gewartet, dass die Kinder ihren Streit um die Orange klären. Als sich der Lärm dann auch noch in den Garten verlegte, war ihre Geduld erschöpft und sie greift – sicherlich gut gemeint, aber nach „Wolfsart“ [1] nicht gerade gewaltfrei – als Streitschlichterin ein. Im Schiedsspruch ihrer Autorität diktiert sie einen Kompromiss zwischen den streitenden Schwestern und löst den Streit durch ein Eingreifen mit dem Messer, in dem sie die Orange in zwei gerechte Hälften zerlegt. Dem lauten Gelärme und Gezanke hat sie damit kurzfristig ein Ende gesetzt. So hat sie sich selbst das Bedürfnis erfüllt, die Mittagsruhe der Nachbarn nicht weiter zu stören. Wie aber geht das weiter? War es die beste Lösung, die für alle Involvierten zu erreichen war oder wären bessere Lösungen denkbar gewesen? Und wenn ja, wie?

Durch das Nutzen ihrer Machtposition greift sie gleichermaßen als Täterin, Retterin und Opfer in das Drama im Konflikt ein:

  • Die Täterin, die die Kinder vor vollendete Tatsachen stellt, ihnen eine halbe Orange zugesteht, die andere Hälfte aber nicht.
  • Der Retterin, die die Verantwortung der Kinder übernimmt, selbst eine Lösung aus dem Streit heraus zu finden.
  • Das Opfer, das sich in vorauseilendem Gehorsam, dem schlechten Urteil zu entziehen versucht, was die Nachbarn denn über die Familie denken könnten.

Womöglich ist ihr Gerechtigkeit ein wichtiger Wert und sie möchte mit ihrer Entscheidung einen Kompromiss finden, der keines der beiden Kinder bevorzugt. Offensichtlich vermeidet sie ein Gespräch darüber, wer angefangen hat und wer im Unrecht ist, um allparteilich zu bleiben und um keines der Mädchen bloß zu stellen. „Wer hat angefangen?“ und die typischen Fragen nach dem „Warum?“, die implizit Schuld zuordnen, führen in der Lösung ja auch keinen Schritt weiter, sondern schaffen nur noch deutlicher Verlierer, wenn sich die Mutter verleiten ließe, Partei zu ergreifen. Kinder, die einen Streit begonnen haben, haben ihre eignen Bedürfnisse verteidigt und haben meist gar nicht die Absicht, dem anderen zu schaden. Meist fühlen sie sich danach nicht gut. Zu moralisieren dürfte hier also nicht viel bringen. Hat sie also tatsächlich alles bestmöglich gemacht und sollte man kein Gespräch mit den Kindern mehr führen, wo doch jetzt alles irgendwie geklärt und Ruhe eingetreten ist?

 

Gewaltfreiheit durch Würdigen der gegenseitigen Bedürfnisse

Raum der Gleichwertigkeit und Verbundenheit im Konflikt

Mitnichten. Sie hat Ruhe geschaffen und den Kindern aus der emotionalen Phase der lautstarken Auseinander heraus geholfen. Bei genauerer Betrachtung hat sie dann aber ihre Machtposition über die Kinder genutzt. Statt einen Raum zwischen Reiz und Reaktion zu halten, in dem ein ruhiges Gespräch geführt wird und die Kinder unterstützt werden, selbst miteinander eine gewaltfreie Lösung ihres Problems zu finden. Eine Lösung, die beiden Einfluss gibt und die beide als fair betrachten. Gerade

  • unter Zeitdruck („Jetzt ist die Zeit der heiligen Mittagsruhe.“),
  • bei Angst um ihr Image („Was denken denn die Nachbarn von uns?“),
  • wenn sie einfach gerade nicht in ihrer Kraft ist,

ist es herausfordernd für die Mutter, einen solchen Raum der Gleichwertigkeit und Verbundenheit zu schaffen, in dem die Bedürfnisse aller gesehen und respektiert werden.

 

Spielart des Recht des Stärkeren im Konflikt vermeiden

Jeder Machteingriff von außen hinterlässt jedoch Verlierer. Doch selbst von pädagogisch ausgebildetem Fachpersonal im Kindergarten ist in ähnlicher Weise immer wieder zu erleben, wie es als Schiedsrichter eingreift und entscheidet, wenn sich zwei Kinder um etwas streiten und weinen.[5] Im Prinzip ist das nichts anderes als die Spielart der Konfliktlösung durch das Recht des Stärkeren. Wer schwächer ist, holt sich eben einen Erwachsenen zur Seite, der für die Einhaltung von Regeln und ein Machtwort sorgt. Die meisten von uns würden das sogar als gerecht bezeichnen: Wenn ein Erzieher eingreift und das Spielzeug einem Kind zurückgibt, das es als erstes hatte, bis ein anderes kam und es ihm wegnahm, dann ist das gut und richtig. Mit Gewalt jemanden etwas wegnehmen – das geht doch nicht…

Vielleicht würde man denken, das Verhalten der kleinen Schwester müsste bestraft werden, damit sie merkt, dass man das nicht macht und es in Zukunft unterlässt? Die große Schwester fühlt sich so sicher unfair von Schwester und Mutter behandelt, weil ihr nicht anerkannt wurde, dass sie die Orange doch zuerst hatte und sie die Schale einer ganzen Orange gebraucht hätte, die nun z.T. sinnlos in Nachbars Gebüsch verteilt liegt und dort wohl eher für Ärger als für Freude sorgt. Die kleine Schwester denkt vielleicht ihrerseits, dass sie die Orange zuerst hatte und ist sich keines Fehlers bewusst, für das sie Strafe verdient hätte. Welche Gedanken und Gefühle könnten bei ihr für das streitbare Verhalten gesorgt haben?

 

Gewaltfreiheit heißt, den Willen aller zu achten

Mutter und Erzieher würden – gerade in ihrer vorhandenen guten Absicht – wohl über sich geschockt sein, wenn sie sich über die Gewalttätigkeit ihres Verhaltens bewusst würden: Durch die Macht des Stärkeren begegnen sie selbst gewaltvoller Muster der Kommunikation mit neuer Gewalt. Gewalt im Sinne von M. Rosenberg meint nämlich nicht nur den körperlichen Gewalteingriff, sondern fängt immer dann bereits an, wenn wir den Menschen die Freiheit einer Wahl und die (soziale) Verantwortung nehmen. So halten wir den Kreislauf von Gewalt und Gegengewalt aktiv weiter in Gang oder nehmen ihn passiv hin.

Gewalt ist schon dann im Spiel, wenn der Willen anderer (oder der eigene) nicht geachtet wird.

Sobald man sich also nicht für die intendierten Anliegen aller Betroffenen interessiert und ihnen eine Lösung überstülpt. Werden Bedürfnisse nicht gewürdigt, bleibt immer ein Schmerz zurück. Emotionale Schmerzen aber unterscheidet unser Hirn nicht von körperlichen.

 

Passivität bzw. Widerstandslosigkeit sind keine Lösungen im Konflikt

Mahathma Gandhi formulierte die These, dass Gewaltfreiheit – ein Widerstand ohne Gewalt (Satyagraha, Güte-, Liebes-, Seelenkraft) – der Gegengewalt vorzuziehen sein. Interessanterweise sei aber Gegengewalt der Passivität – der Widerstandslosigkeit – vorzuziehen, um kohärent in seiner Freiheit und Verantwortung zu bleiben. Passivität ist insofern Gewalt gegen die eigene Menschenwürde. Natürlich bleibt Gegengewalt auch als letztes Mittel der Verteidigung als kleineres Übel doch ein Übel.

Gewaltfreiheit vor Gegengewalt vor Passivität.

Was heißt das, wenn wir das für das Orangenbeispiel überdenken? Mutter und Töchter haben in einem Kreislauf der Gewalt agiert. Das ist aber doch gesünder, als die eigenen Bedürfnisse zu verdängen und gar nicht für sich einzutreten. Die Frage ist, wie es auch zu einer gewaltfreien Lösung kommen kann. Gewaltfreiheit ist ein Austreten aus dem Rollenspiel von Täter, Retter und Opfer, um als erwachsener Mensch ohne Gewalt für die (eigene) Würde aktiv einzutreten, für die (eigenen) Gefühle und Bedürfnisse zu sorgen und Verantwortung für sie zu übernehmen. Letztlich müssen alle Seiten gewinnen und sich in der Beziehung zueinander zu einer Einheit verwandeln lassen. So dass Geben und Nehmen in der gemeinsamen Übereinkunft eins werden. Im Raum der Gleichwertigkeit und Verbundenheit entsteht Bewusstsein, über die gemeinsame Verbundenheit und wie jedes Handeln Auswirkung hat. Echter Konsens (eine Synthese) wird möglich.

 

Konfliktklärung: 5 Schritte gelungener Kommunikation

Was lernen die beiden Kinder über Rücksicht und die Bedürfnisse anderer Menschen, wenn darüber nicht ein Austausch in Ruhe erfolgt? Lernen sie am praktischen Vorbild, dass es gut ist, der Stärkere zu sein und autoritäre Macht zu haben und dass es wichtig ist, vor anderen gut dazustehen?

Die Mutter hat zu schnell eine Lösung herbeiführen wollen und dabei versäumt, die Probleme der Beteiligten erst einmal auszuleuchten und zu verstehen. So hat sie entscheidenden fünf W-Fragen der Rahmenklärung  in der Konfliktbearbeitung gar nicht gestellt: [2]

  • Was genau ist das Problem, die Intention, um was es beiden geht?
  • Wie erkläre sich die beiden selbst ihren Streit?
  • Was war der Auslöser, der sie so in Unmut gebracht hat?
  • Wozu wollen die beiden Seiten, was sie wollen?
  • Was ist jeweils ihr Bedürfnis?

Die Fragen bringen zum Ausdruck, was im Gedankenkino der jeweiligen Streitpartei implizit vorgeht. Sie führen so zu einer Rahmung, die jeweilige Perspektive begreifbar werden lässt. Diese Rahmung ist ein Schlüssel gelungener Kommunikation, die sich in den Prozess, einen Streit zu schlichten oder gar von vornherein zu vermeiden, nach von Stockert/ von Scheurl-Defersdorf wie folgt einbetten soll:

  • Klären der Intention: Was hast du vor?
  • Kontaktaufbau: Sprich den anderen wertschätzend mit Namen an und nehme ihn wahr.
  • Rahmenerklärung: Sag dem anderen, was in dir vorgeht.
  • Diskurs: Miteinander Bitten, Fragen, Aufforderungen besprechen.
  • Schluss setzen und sich beieinander bedanken.

Tatsächlich ist sie durch ihre Sorge um die Ruhestörung ja selbst zu einer weiteren Konfliktpartei geworden und darf dies ebenso in die Kommunikation bringen, damit daraus nachhaltige Lösungen erwachsen können. So offensichtlich Probleme und Anliegen auch scheinen mögen – Orangen will man ja meistens essen – schon wenn sie nach den jeweiligen Intentionen gefragt hätte, hätte sie ihre Kinder nicht mit ihrer Entscheidung entmündigen müssen. Konflikte tragen wie Knoten die Lösungen schon in sich. Es hätte sich herausstellen können, dass nur eine der Schwestern Fruchtfleisch oder frisch gepressten Orangensaft gewollt hätte. Die andere brauchte nur die Schale, um einen Orangenbutterkuchen zu backen. Beide hätten ihre Bedürfnisse befriedigen können, wenn sie miteinander geredet hätten, statt nur Ansprüche an die Orange anzumelden. Wenn die Große alt genug ist, um Backrezepte zu lesen, müsste sie auch alt genug sein, um zu wissen, dass die Schale im Allgemeinen nicht der begehrteste Teil der Orange ist. So hätte der Konflikt zumindest durch Moderation der Mutter zum Konsens hin geklärt und im Win/ Win/ Win für die beiden Schwestern und die Mutter gelöst werden können.

 

Konsens statt (faule) Kompromisse finden

In den meisten Fällen ist gar nicht so offensichtlich, wie sich Bedürfnisse integrieren lassen, ohne dass Strategien als Kompromiss gewählt werden, bei denen der Gewinn des einen ein Verlust eines anderen bedeutet. Im Konflikt sollte daher erst einmal ein Raum geöffnet werden, indem Menschen sich gegenseitig zuhören und wahrnehmen, was den anderen bewegt. Um Konsens zu finden, braucht es Zeit und Raum. Hilfreich ist:

  • Sich (mit einer neutralen und vertrauenswürdigen Moderation) ohne Publikum besprechen. Persönliche Kommunikation ist persönliche Beziehungspflege.
  • Zuerst Zuhören und Wahrnehmen: Klären und verstehen, was hinter dem Anliegen des anderen steckt.
  • Lösungen miteinander vereinbaren, die gemeinsam getragen und nicht von Außen übergestülpt werden – auch wenn das viel Zeit kostet.

Kompromisse können verordnet werden, wahrer Konsens aber lässt sich nur durch die Betroffenen selbst finden. Das dauert zwar in der kurzen Sicht wesentlich länger als ein Machteingriff von außen. Doch die Zeit in die Entwicklung der eigenen Kompetenz zur Konfliktlösung ist für das weitere Leben gut investiert. Auch wenn eine gemeinsame Lösung nicht immer so leicht zu erzielen ist, wie im Orangenbeispiel, in dem es ein Mädchen auf die Schale und das andere auf den Inhalt der Orange abgesehen hat. Wird ein Raum der Verbundenheit und Gleichwertigkeit geschaffen, ohne mit einer vorschnellen Entscheidung den Kindern die Verantwortung für ihre Konfliktklärung zu nehmen, dann ist das immer eine Chance, sich mit ihren Bedürfnissen anerkannt zu fühlen und die Beziehung miteinander zu stärken.[3] Statt Lob, Strafe, Rechtfertigungen, Verurteilungen, Schuldzuweisungen etc. können gemeinsame Lösungen gefeiert oder Selbstverzicht gemeinsam bedauert werden. Dahinter steckt ein

Merkwürdiges Paradoxon: Wenn ich für mich selbst und meine Bedürfnisse aktiv eingetreten bin, dann ist es nicht mehr so wichtig, ob sie tatsächlich erfüllt werden. [4]

Ich schaffe Verbundenheit und öffne mich dafür, den anderen unterstützen zu wollen und in der Beziehung zu Win-Win-Lösungen zu kommen. So lassen sich Konflikte ohne Gewinner und Verlierer lösen und der Kreislauf der Gewalt stoppen. Es braucht nicht viel mehr, als Brücken für das Miteinander und die Wahrnehmung der gegenseitigen Gefühle zu bauen. Wie groß könnte das Glück der kleinen Schwester sein, wenn sie mit der Großen zusammen Orangenkuchen backen und mit der Familie essen darf…

Kinder werden durch solche Begleitungen in ihren Gefühlen und Bedürfnissen ernst genommen und gespiegelt, was für die Entwicklung ihres Selbstbewusstseins so wesentlich ist. So entwickeln Kinder etwa auch das Selbstvertrauen, Menschen verstehen zu können und eigene Entscheidungsmöglichkeiten zu haben. Sie können gerade unter kompetenter und entspannter Anleitung von Erwachsenen viel über konstruktive Lösungen von Konflikten am praktischen Beispiel erfahren. Wo Menschen gegenseitig ihren Bedürfnissen gemeinsam auf den Grund gehen und sie auszudrücken lernen, beginnt soziales Lernen und Entwickeln. Da wird vorgelebt, dass die Bedürfnisse aller gleichermaßen zählen.

 

Grundrecht der Menschenwürde

2000 wurde mit der Änderung des Grundgesetzes [5] das Recht des Kindes auf gewaltfreie Erziehung mit dem Verbot jeglicher körperlichen und seelische Gewalt in BGB und SGB verankert. Dass Kinder ein den Erwachsenen gleichgestelltes Recht auf Gewaltfreiheit haben, gilt in Deutschland in der Tat erst seit 2010 (!), als die UN Kinderrecht Konvention von 1989 final anerkannt wurde. Damit wurde mit einer Jahrhunderte alten Tradition gebrochen, in der es üblich war, Kinder als Objekte zu behandeln, die zu funktionieren und nicht zur Last zu fallen hatten. Da Erwachsene bei ihrer Sozialisation selbst aber nicht gleichwürdig behandelt wurden, wird ein wirklicher gesellschaftlicher Wandel noch viel länger dauern als seine gesetzliche Verankerung. Je nach verinnerlichtem Denk- und Verhaltensmuster haben Menschen so weiterhin ein verschiedenes Verständnis und Verhältnis zu Konflikten und ihren Lösungen. Daher sind gerade pädagogische Fachkräfte gefordert, Gewaltfreiheit als Prinzip der Konfliktlösung voranzubringen und Kindern ein Vorbild zu sein. Gerade Erzieher brauchen dafür Selbstreflexion und Qualifikation.[6]

Streit ist einfach eine Art von Kindern, ihre Probleme zu artikulieren. Wer sie bei der Lösungsfindung alleine lässt, muss sich nicht wundern, immer mehr verhaltensauffällige Kinder zu haben. Wer seine Gefühle kennt und so Selbstempathie empfindet, kann sich im Allgemeinen spätestens im Alter von 7 Jahren auch bewusst in die anderer hineinversetzen und Anteilnahme entwickeln. Jüngere Kinder tun dies normalerweise affektiv – oder reagieren bei Konflikten aggressiv, wenn sie überfordert sind und sich selbst schützen. Erziehern und Eltern empfiehlt die Gewaltfreie Kommunikation, Kinder nicht zu beschuldigen, zu strafen etc., sondern – um sie zu stärken – Mitgefühl für ihr unglückliches Verhalten zu entwickeln und die gute Absicht dahinter zu würdigen. Auf Basis des Verständnisses, lassen sich dann gemeinsam neue Handlungsoptionen für die Zukunft entwickeln. Pädagogik wird so zum Beziehungsberuf, dessen Instrument die Kommunikation ist, der aber viel stärker noch durch Präsenz und Vorbild als durch Worte wirkt.

 

[1] Die Gewaltfreie Kommunikation als Instrument setzt systemische und konstruktivistische Denkansätze der humanistischen Psychologie in Sprache um. Sie nutzt „Wolf“ und „Giraffe“ als Methaphern für gewaltvolle und gewaltfreie Ausdrucksweisen von Bedürfnissen. Der Wolf steht als Urbild des – gerne verdrängten – Triebhaften als Gegenentwurf zur „Giraffensprache“, wie sich die Gewaltfreie Kommunikation gerne nennt. Die Giraffe hat mit ihrem langer Hals den Überblick und mit dem größten Herz unter den Landsäugetieren wird ihr eine besondere Empfindsamkeit und Feinfühligkeit zugeschrieben.

[2] Der kleine, aber feine Unterschied zwischen Wozu- und Warum-Fragen ist in der Konfliktklärung zentral. Vgl. zu den 5 Schritten in dessen Zentrum sich die 5 W-Fragen in der Rahmung einbetten auch das Kommunikationsmodell von Theodor von Stockert und Mechthild von Scheurl-Defersdorf, dessen Anliegen das Vermeiden emotionaler Missverständnisse ist.

[3] In der Konfliktlösung versperrt Sachlichkeit die Verbundenheit. Das ist das zentrale Manko des eher verhandlungstechnisch ausgelegten Harvard Konzepts der Konfliktlösung. Es ignoriert, dass die emotionale Störung der Beziehungsebene für eine langfristige Konfliktklärung immer Vorrang vor dem Inhalt haben muss, will man keinen brüchigen Frieden riskieren.

[4] Es resultiert direkt aus einem anderen zentralen Paradoxon: Wenn ich mich so wie ich bin akzeptiere, dann ändere ich mich auf dem Fuße. Vgl. Rogers, C.R. (1983): Entwicklung der Persönlichkeit. Stuttgart: Klett-Cotta, 4. Auflage, S. 33.

[5] Der Raum der Gleichwertigkeit und Verbundenheit ist ein Raum der Gleichwürdigkeit. Bis zum 2. Weltkrieg war der Schutz der Menschenwürde fast ausschließlich Sache nationaler Verfassungen. Nach dem nationalsozialistischen Terror sollten Bedingungen geschaffen werden, unter denen alle Menschen in Frieden, frei von Furcht und Mangel leben können und es wurden 1945 die Vereinten Nationen gegründet. Deren Allgemeine Erklärung der Menschenrechte von 1948 entstammen abendländischer Denktradition – griechischer Philosophie und jüdisch-christlichem Ethos – in Verbindung mit europäischer Aufklärung und Anerkennung personaler Autonomie. In Artikel I des Grundgesetzes der Bundesrepublik Deutschland wurde 1949 die Unantastbarkeit der Würde des Menschen mit der Anerkennung der Menschenrechte und der Rechtsverbindlichkeit der Grundrechte verankert.

[6] Vgl. Leitner, Barbara (2020): Gewaltfreie Kommunikation in der KiTa: Wertschätzende Beziehungen gestalten – zu Eltern, Kindern, im Team und zu sich selbst, Junfermann Verlag.


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