0177 | 3288500 info@ruhl-consulting.de

Lerneinheit Lebenskunst – Von der Ars Vivendi in der zeitgenössischen Philosophie

von Dez. 20, 2021Blogs

Welche Antworten hat die zeitgenössische Philosophie der Lebenskunst (Ars Vivendi) zum bewusst gelebten, guten Leben? Was hat sie mit gesundem Führen, mit dem Gestalten und dem Verhalten zu den sozialen Fragen der Gegenwart zu tun? Und was mit Geschenken, mit Geben und Nehmen?

Die moderne Philosophie der Lebenskunst wird stark mit Wilhelm Schmid verknüpft.[1] Es geht ihr nicht zuletzt um Gelassenheit gegenüber der Sorge um sich selbst und dem ohnmächtigem Mitleiden unter den Sorgen anderer.[2] Zugleich weiß Schmid, dass es ohne Sorgen im Leben nicht geht: Lebensweisheit ist die Ernte wahrhaft gelebten Lebens. In diesem Spannungsfeld bewegt sich Lebenskunst.

 

Tugendlehre und Lebenskunst differenzieren sich von Ethik und Moral

  • Moral: Verhaltensnorm als Reflexionsebene
  • Ethik: Reflexion guten Handelns, in der sich moralische Reife zeigt (etwa im Reflexionsgrad moralischer Dilemmata)
  • Lebenskunst: in bewusster Haltung geführtes Leben, zeigt sich situativ im praktischen Tun. Es geht um das Sein.

Der zeitgenössische Ansatz zur Gestaltung eines glückenden Lebens baut auf der Tugendlehre von Thomas von Aquin als klassisches Modell der Lebenskunst auf.[3] Der thominische Weg zum Glück besteht aus 7 Tugenden der Liebe zum Guten:

  • 4 kardinalen Tugenden Platons: Weisheit, Gerechtigkeit, Tapferkeit, Rechtes Maß
  • 3 christlichen Tugenden Paulus‘ im Hohelied (1 Kor 13,13): Hoffnung, Glaube, Liebe

Durch eine positive innere Haltung, die auf Dauer den Charakter prägt, ergreift der Mensch die in ihm angelegten Möglichkeiten und verwirklicht sich im Leben. Durch Selbstreflexion ist es möglich, Haltung zu ändern und seine Potenziale zur Verbesserung der Verhältnisse (Option für die Armen, Bewahrung der Schöpfung, Frieden und Gerechtigkeit in Gemeinschaft) ausschöpfen.

Lebenskunst kann so verstanden werden als bewusste Haltung, in der ich die Dinge dort zum Guten verändere, wo es in der eigenen Macht liegt.

 

Vom Kopf ins Herz – in den eigenen Flow kommen

Die heutige Glücksforschung und die  Positiven Psychologie stimmen überein, dass Menschen temporär in einen Zustand reinen Seins gelangen, wenn sie die Zeit vergessen und sich der Raum für sie auflöst. Der Mensch ist ganz im Moment mit sich verbunden. Mihaly Csikszentmihalyi nennt diesen Zustand Flow. Tun fließt wie aus sich heraus wie von selbst.

Der Mensch erlebt seine hochschwingende Herzensenergie. Die Lebensenergie und ihre Frequenz wäre auch messbar – als Wärme, Bewegung, chemisch und elektrisch. Doch sind wir uns ihrer meist nicht bewusst. Traditionell wird die Lebensenergie auch „Seele“ genannt. Und sie kommt v.a. in Momenten der Versenkung in den (Flow-) Moment  und in unseren lebendigen Bedürfnissen zum Ausdruck. Typisch für solche Seelen-Erfahrung ist die Selbst-, Zeit- und Ortsvergessenheit. Ihre Intensität lässt empfinden, dass sie das Wesentliche des Lebens berührt. Das was über Zeit und Raum und das alternde Ich hinausreicht.

Lebenskunst kann so auch als die Kunst gesehen werden, die Seele und damit die Essenz seines Lebens aus dem Herzen zu berühren.

 

Körper, Gedanken, Gefühle – Wege zur Verinnerlichung

Mit allen Sinnen präsent und in Verbundenheit

Präsent sein, mit sich und anderen in Verbindung treten, ist über den Körper mit seinen „sieben Sinnen“ möglich. Gerade im bewussten sinnlichen Genuss, lässt sich Kraft schöpfen: durch einen schönen Anblick, den Klang einer Musik und Singen, einen betörenden Geruch, ein feines Essen, eine warme Umarmung können wir im Hier und Jetzt in uns selbst ankommen. Mit der Wahrnehmung der fünf Sinne lassen wir uns von der Ästhetik, der Schönheit des Lebens um uns herum, ergreifen und in den Zustand reinen Seins hinein nehmen. Mit einem 6. Sinn erleben wir im Zustand der Bewegung, mit einem 7. Sinn entfalten wir unsere Feinfühligkeit. In Zeiten der Sinnlichkeit ist es leicht, das Leben zu lieben. Es gilt, diese durch das Erleben aus uns selbst heraus tief in sich zu verankern.

Gerade der Hautsinn über Millionen von Nerven, zeigt, dass der Mensch sich fühlt, wenn er seinen Körper und seine Grenzen spürt. Er ermöglicht Gefühle. Der Mensch braucht intakte Grenzen – ohne sie ist kein Kontakt möglich. Einfühlsame Berührung durch einen anderen, lassen den Menschen sich selbst spüren und in Beziehung setzen. Menschen, die nicht – an Schulter, Armen, Händen etc. – berührt werden, verlieren das Gefühl zu existieren, fühlen sich unsichtbar in Zeit und Raum. In den Arm genommen zu werden, gibt ein tiefes Gefühl von Geborgen- und Verbundenheit. Hier verbinden sich äußeres und inneres Glück. Nähe und gefühlsbetonte Beziehungen nähren den Menschen. Erlebtes Leben ist darum in erster Linie von Beziehungen getragen. Und der Mensch ist mehr als ein Beziehungswesen – er lebt völlig in Relationen.

Beschaffenheit der Gedanken und Auseinandersetzung mit den letzten Fragen

Zweiter Bereich in die Vertiefung zur Lebenskunst sind die eigenen autonomen Gedanken. 60.000 Gedanken pro Tag formen uns zu dazu, zu sein, was wir denken. Wir erschaffen unsere Gedanken und schaffen so unsere Realität. Nicht der einzelne Gedanke prägt uns, sondern der Tenor unserer Gedanken. Positive Gedanken schenken uns hohe Schwingungsfrequenz unseres Bewusstseins. Sie stärken und heilen. Um hinderliches Denken zu verändern, muss es zuerst bewusst werden. Der Mensch ist jedoch allzu oft ein Gefangener seiner Gedanken und Gefühle.[4] Statt Gedanken als Werkzeug zweckdienlich zur Reflexion und Bewusstwerdung zu nutzen.

Der Mensch als ein zur Transzendenz begabtes Wesen kann einen Lebenssinn und ein Verhältnis zu seinem Tod gewinnen. Darauf gründet nicht nur Philosophie seit Pythagoras seit 2.600 Jahren. Die metaphysische Frage einer Überschreitung (lat. transcendere) des endlichen irdischen Lebens jenseits von Zeit und Raum, wohnt dem Menschen inne. Früher oder später muss sich der Mensch dem Grund aller Sorge stellen: der Angst vor dem Tod. Muss sie loslassen, indem er Sinn, Glaube, Liebe findet. Die Erfahrung des Einzelnen kann für das Ganze von Bedeutung sein, da alles fortwirkt. Davon profitiert die Evolution. Immer wieder geht neues Leben hervor. Sich in der Unendlichkeit geborgen zu wissen und mit der Endlichkeit versöhnt zu sein, schafft Vertrauen und Gelassenheit im Leben.

Lebendige Gefühle und Vitalkraft

Die drei Bereiche der Wahrnehmung – Körper, Gedanken, Gefühle – sind verbunden. Sie sind Ausdruck ständiger Bewegung des Vitalen. Die Lebendigkeit eines Menschen kann als Quantum der kosmischen Energie verstanden werden. Aus dem Satz der Energieerhaltung des Hermann von Helmholtz von 1847 ergibt sich, dass Energien sich in ihren Formen ineinander umwandeln, ohne dass etwas verloren geht. Die äußere Erscheinung altert in Zeit und Raum, nicht das innere Wesen. Der Körper stirbt, nicht die physikalische Energie. Das Ich vergeht. Das Selbst bleibt. Jedes Leben ist mit der Gesamtheit der Energie verbunden, poetisch Weltseele oder religiös Gott genannt. Das allgegenwärtige Ewige in allem Sein. Um dies zu erfahren, braucht es Verinnerlichung, um reflexiv mit sich selbst, seinen Grenzen, dem Kontingenten und Brüchen im Leben (Tod, Scheitern, Versagen) umgehen.

Gefühle erfassen unbewusste körperliche Veränderungen und geben ihnen Bedeutung. Die ganze Spannweite von Gefühlen aktiv zu durchleben, macht bewusstes Leben aus. Wer sie und die Sorge um sich selbst kennt, kann oft ein besseres Gespür für die Emotionen eines anderen entwickeln und empathisch sein. Gefühle berühren und verbinden Menschen. Gute Gefühle stärken die Kraft und Immunabwehr. Doch was wüssten wir von Freude, wenn es nicht auch Ärger, von Lust, wenn nicht auch Schmerz gäbe? Die Spannung gegensätzliche Pole bringt Kräfte zum Fließen. So müssen unangenehme Gefühle nicht verschwinden, sondern durchlebt werden. Der Verstand aber wehrt sich dagegen und treibt zu immer mehr Kontrolle, um darin Absicherung und Halt zu finden.

Sich nicht von Angst und Sorge des Egos beherrschen lassen.

So hat schon Augustinus hingewiesen, dass das Ego, der äußere Mensch, fremdgesteuert von verdrängtem Schmerz ist und nicht die Menschlichkeit zu erkennen vermag. Daraus steigt Unfriede auf. Es bedarf der Relativierung des Äußerlichen, um aus sich selbst heraus gelassen „leben zu können“. Die Angst schmilzt im Hier und Jetzt sofort dahin, wenn das Herz sich öffnet und wir uns an uns selbst anbinden.[5] Ebenso ist jedes Mitleid mit anderen nur ein anderer Ausdruck von Angst. Jemanden empathisch zu fühlen und ihn zugleich in seiner Kraft zu sehen, heißt, ihm Leben zuzumuten. Das unterscheidet Empathie von Mitleid: Den anderen mit seinen Sorgen in sein Herz nehmen und ihn in seinem wahren Wesen zu unterstützen, statt ebenso ohnmächtig zu bleiben.

Lebenskunst kann damit auch als Kunst gesehen werden, mit positiven Gefühlen und Gedanken aus dem innern Menschen heraus verkörpert das Leben bewusst zu erfahren.

 

Lebenskunst als Kunst der Beziehung

Beziehungswesen bereichern sich gegenseitig. Der tiefe Reichtum des Lebens ist die Qualität gelebter Beziehungen – zu sich selbst, zu anderen, zu Gott (oder abstrakter zu Allem). Beziehung vollzieht sich dabei in direkter oder verschlüsselter Kommunikation. Sich über Geschenke ausdrücken, ist eine Form der Kommunikation über Zeichen. Geschenke, die die Bedürfnisse des Anderen erfüllen und ebenso mit offener Herzensfreude angenommen werden, sind Zeichen, die etwas über die Beziehung spiegeln, und ein Ur-Bedürfnis nach Verbundenheit stillen. Wir schenken und bereichern dabei uns selbst umso mehr.

Glück wird vervielfacht, wenn man es teilt.

Denken in Mangel und Defizit aber wird v.a. durch inneren Mangel von Verbundenheit geschaffen. Inwieweit ist unsere Welt in der übermäßigen Sorge um sich selbst vom Denk-Gefängnis des Egoismus geprägt? Egoisten sind in einem Denken in Mangel gefangen und haben sich vom Fluss des Gebens und Nehmens abgeschnitten. Gerald Hüther geht so weit, Egoisten als Menschen in großer innerer Not, als Bedürftige zu sehen, die die Verbindung zu sich verloren haben und so auch andere Menschen zu ihren Objekten zu machen.[7] Der Schlüssel zu ihrer inneren Heilung liegt darin, zunächst wieder einen liebevollen Umgang mit sich selbst zu finden und dazu gute Gewohnheiten aufzubauen. Wer liebevoller zu sich selbst wird, braucht dafür keinen anderen und der wird es auch zu anderen Wesen.

Menschen, die uns am wenigsten liebenswürdig erscheinen, brauchen die Liebe am meisten.

Innen und außen. Kopf und Herz. Denken und Fühlen. Aktiv und passiv. Geben und Nehmen. Das ist wieder das Prinzip der diametralen Pole. Dahinter steckt der Wunsch nach Verbindung mit der Energie des Lebens. Die Magie der Kraft in uns erschließt sich, sobald wir in unserer Mitte ruhen und ihr vertrauen. Je intensiver und bewusster wir den steten Fluss der Lebens in uns spüren, desto vitaler fühlen wir. Schenken aus offenem Herzen führt mitten in dieses Glück, und macht das Herz schon beim Ge-„danken“ daran reich. Wer ohne Ansehen seiner selbst großzügig und gastfreundlich ist, Geld, Zeit und ein offenes Ohr schenkt, weiß um das wohlige Glück nach einer guten Tat aus offenem Herzen – selbst wenn kein Danke oder Lächeln folgt.[6] Wird das Geschenk noch dazu mit offenem Herzen und Dankbarkeit genommen, dann geschieht Berührung.

Zwei Wesen öffnen sich ihr Herz. Geben und Nehmen wie auch Bitten und Geben fallen in der Verbindung in eins zusammen. So entstehen Gemeinschaft und Gerechtigkeit. Was von Herzen und nicht vom Ego kommt, ist nicht manipulativ mit Hintergedanken. In gegenseitiger Fürsorge, nicht in Abhängigkeit, machen sich Menschen gegenseitig stark. Menschen als soziale Wesen können nicht unabhängig ohne andere leben. Alles was wir sind und wissen, haben wir von anderen angereicht bekommen. Die Menschheit ist zu Großem fähig: Bitten, Geben, in Dankbarkeit nehmen. Das setzt voraus, sein Herz und Bewusstsein immer wieder neu für den anderen zu öffnen und von allen Verletzungen lassen können.

Das ist große Lebenskunst. Die Kunst der Beziehung.

 

 

[1] Vgl. u.a. Schmid, Wilhelm (2016): Gelassenheit – was wir gewinnen, wenn wir älter werden.

[2] Schmid schließt bei der „Sorge um sich selbst“ an Michael Foucault an.

[3] Thomas von Aquin vertritt die eudaimonistische Ethik, die das Glück (eudaimonia) als höchstes Streben des Menschen ansetzt. Ethik muss nicht Wollen und Gebote veranlassen, sondern berät den Menschen zur die richtigen seelischen Verfassung bei der Suche nach dem Glück. Es hängt weniger vom Fokus auf äußeres, vergängliches Glück ab, als vom Besitz innerer Haltungen. Daher gelten für ihn Tugenden für das innere Glück des Menschen durch die Liebe zum Guten als konstitutiv und „Glück haben“ und „glücklich sein“ sind zweierlei.

[4] Vgl. Tolle, Eckhart (2003): Stille spricht. Wahres Sein berühren; Schulz von Thun, Friedemann (2021): Erfülltes Leben – Ein kleines Modell für eine große Idee. Carl Hanser Verlag, München; Krüttgen, Nicole (2021): Über die Kunst sich selbst zu finden – Coaching-Impressionen aus dem kleinen Atelier. epubli, Hamburg.

[5] Augustinus entlarvt die Idee von Zeit als ein Konstrukt des menschlichen Denkens, über das sich nur in Metaphern des Raums reden lässt. In der Seele wird nur die Gegenwart des Seins erfasst.

[6] James Andreoni hat dafür in den 1980ern den Begriff des „Warm Glow Effekt“ geprägt, der seitdem von Glücksforscher in Studien z.T. belegt wurde. In der Bibel schon heißt es: Geben ist seliger denn Nehmen (Apg 20.35): Man braucht sich für sein Heil nicht um das zu sorgen, was man bekommt, sondern um das, was man gibt. Wer eher in Geben als in Nehmen denkt, macht sich frei und lässt sich über den Weg der Freiheit immer mehr nach innen führen. Aber nicht nur im Geben und Nehmen, auch im Bitten und Geben, liegt Lebenskunst verborgen. Offene Bitten ehrlichen Herzens und nicht aus Motiven des Egos, um meinen Bedürfnissen Ausdruck zu schenken, bringt mich auf Augenhöhe, mich für meine Anliegen einzusetzen. Statt sich zum Bedürftigen und Abhängigen zu machen, autonom bei sich zu sein, schafft einen kraftvollen Zustand. In innerer Freiheit zu bitten, schenkt zugleich dem Anderen Würde.

[7] Vgl. Hüther, Gerald (2020): Die unsichtbare Herausforderung unserer Zeit, youtube (zuletzt abgerufen am 15.2.2021). Hüther konstatiert Gesellschaften, häufig ausgerechnet Bedürftige zu ihren Anführern zu machen. Die innere Not der Welt komme von Lösungen, die Menschen von sich selbst und ihrem inneren Frieden und ihrer Beziehungsfähigkeit entfernt haben.